Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
Der Kubrick-Film Shining bedeutete einen Wendepunkt im Horrorfilm - vom Gespenstergrusel zum Psychoschocker. Während er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schlechte Kritiken bekam, ist Kubricks Horrorfilm heute längst zum Klassiker gereift.
Wie ein Wilder rast Danny auf seinem Dreirad durch die endlosen Gänge des Overlook-Hotels, die lauten Geräusche der sich fast überdrehenden Pedale hallen von den schmalen Flurwänden wider. Danny biegt blitzschnell um die vielen Ecken. Der Teppich surrt unter den breiten Plastikrädern, Zimmertür um Zimmertür fliegt vorbei. Was für ein Spaß für den kleinen Jungen. Aber nicht für den Zuschauer – dem wird übel vor Angst. Weil er hinter jeder Flurbiegung etwas erwartet, etwas Schreckliches.
Und das liegt vor allem an zwei Dingen: an der rasanten Kamerafahrt im Schlepptau des kleinen Danny und an der Musik. Ersteres lässt den Zuschauer atemlos zurück, er hechelt hinter dem Jungen durch die nicht enden wollenden Gänge und hat das Gefühl, mit jedem Meter die Kontrolle mehr zu verlieren. Die Musik tut ihr Übriges – disharmonische, fiepende Streicher, düstere Bässe und hohe Klaviertöne arbeiten sich immer mehr auf einen Höhepunkt zu.
Danny biegt um die nächste Ecke, die Geige kreischt – und plötzlich stehen zwei Mädchen in blauen Kleidern Hand in Hand vor ihm. Gruselig? Oh ja.
Zwei Goldene Himbeeren
Aus heutiger Sicht ist unvorstellbar, dass Stanley Kubricks Klassiker Shining bei seiner Premiere 1980 gar nicht gut ankam. Regiegroßmeister Kubrick bekam tatsächlich die Goldene Himbeere für seine Regie verliehen. Auch Hauptdarstellerin Shelley Duvall erhielt eine. Die Goldene Himbeere zeichnet jedes Jahr die schlechteste Leistung Hollywoods aus, eine Art Anti-Oscar. Schaut man sich Shining heute an, wird in fast jeder einzelnen Aufnahme deutlich, dass nicht Kubricks Arbeit, sondern diese Anti-Auszeichnung vollkommen daneben war. Vielleicht war die Welt 1980 noch nicht bereit für eine neue Art von Horrorfilm.
Das Arbeitstier Kubrick ließ für Shining in den Londoner Elstree Studios das zur damaligen Zeit größte jemals errichtete Filmset bauen – das ganze Overlook-Hotel als Holzkulisse. Nur ein paar zusätzliche Außenaufnahmen wurden von der Timberline Lodge in Oregon gedreht. Alles andere fand in London statt und zwar immer und immer wieder. Über ein Jahr dauerten allein die Aufnahmen für den Film, weil der perfektionistische Regisseur nicht zufrieden zu stellen war. Shelley Duvall soll so unter Stress gestanden haben, dass ihr büschelweise Haare ausfielen. Jack Nicholson, der grandios aufspielte, gewöhnte sich derweil an, den Text für die jeweilige Szene erst direkt vor der Aufnahme zu lernen – zu oft wurde das Skript noch kurzfristig geändert.
Trotz oder gerade wegen Kubricks Arbeitsweise wurde Shining ein absolut außergewöhnlicher Film. Die Kritik reagierte jedoch gespalten, Oscar- und Grammy- Nominierungen blieben aus. Und noch einer war überhaupt gar nicht begeistert von Stanley Kubricks Film: Stephen King. Auf dessen Roman Shining basiert der Film, wenn auch nur relativ lose. Zu lose, wenn es nach King geht. Statt einen Gruselfilm mit Skeletten, Geistererscheinungen und Spinnennetzen auf verlassenen Hotelfluren zu drehen, funktioniert Kubricks Horror ganz anders: keine knarrenden Türen, keine Gespenster, null klassischer Grusel. Stattdessen breitet sich mit jeder Filmminute mehr bedrückende Einsamkeit aus, bis es nicht mehr auszuhalten ist. Die Hotelflure sind endlos und leer, aber sie sind auch klinisch sauber und hell erleuchtet. Und trotzdem flößen sie unglaubliche Angst ein.
Psychosen statt Grusel
Das liegt an den Psychosen: Der kleine Junge, der mit seiner inneren Stimme kommuniziert, «Redrum» flüstert und Übernatürliches wahrnimmt. Das schockt den Zuschauer: Aus dem Fahrstuhl spritzendes Blut, die längst toten Zwillinge, die plötzlich im Gang stehen, die tote Frau im Badezimmer, das schneeverwehte Labyrinth.
Und natürlich Jack – der liebende Vater, der über den Umweg einer Depression immer mehr Richtung paranoider Schizophrenie abrutscht, bis er irgendwann, gepeinigt von Wahnvorstellungen, Angst und rasender Wut, mit einer Axt bewaffnet auf seine Familie los geht. Viel moderner scheint dieser Horror als es sich für einen Film dieser Zeit gehört, funktioniert er doch ganz ähnlich wie beispielsweise Black Swan oder The Sixth Sense – beide nominiert als bester Film bei den Oscars. Den richtigen Oscars, nicht der Goldenen Himbeere.
Kubricks Herangehensweise ist genial: Die Spannung wird bis zum Bersten aufgeladen, durch die sich ständig steigernde Musik, durch die rasante Kamera, durch Nicholsons irre Mimik - bis der Zuschauer selbst dann zusammen zuckt, wenn die Hauptfigur ein Blatt Papier aus der Schreibmaschine zieht. Shining ist bis heute stilbildend für Psychothriller, ähnlich wie auch Blair Witch Project eine ganz neue Form des Horrors etablierte.
Letztere ist bis heute im Gruselsektor tonangebend: wackelige Handkamera, schlechte Ton- und Bildqualität und alltägliche Settings bringen dem Zuschauer die Gefahr unheimlich nahe. Doch während dieser Horror schnell nachlässt und sich nur in noch grausam-sadistischeren Szenen steigern kann, funktioniert der Psycho-Horror aus Shining immer wieder. Zum Beispiel heute Abend bei Arte.
Titel: Shining
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Jack Nicholson, Shelley Duvall, u.a.
Sendetermin: Mittwoch, 16. März 2011, 22.25 Uhr, Arte