So., 27.05.12

Dieter Moor 15.03.2011 «Kultur ist ein Nischenprodukt»

Dieter Moor (Foto)
Dieter Moor sieht privat kaum fern - liest aber täglich. Bild: dapd

Von André Hoffmann

Bücher im Fernsehen? Da ist Moderator Dieter Moor mit seiner ARD-Sendung Titel, Thesen, Temperamente eines der Aushängeschilder. Vor der Leipziger Buchmesse erzählt er, was er selbst liest - und warum er sich mehr Mut im Fernsehen wünscht.

Sie sind bereits zum sechsten Mal auf der Leipziger Buchmesse und werden auf dem Stand des ARD-TV-Forums viele Gäste zum Gespräch bitten. Welche Bedeutung hat die Messe für Sie?

Moor: An Leipzig schätze ich besonders den direkten Kontakt zum Publikum und dass die Messe viel mehr in die Stadt integriert ist als zum Beispiel in Frankfurt. Man merkt einfach, dass die Menschen gerne kommen. Das betrifft sowohl die Besucher als auch die Aussteller. Das Ganze hat ein bisschen den Charakter einer Klassenzusammenkunft. Was mich zusätzlich fasziniert, sind die vielen jungen Manga-Fans, die in ihren Kostümen über die Messe laufen. Das ist für mich ein unglaubliches Phänomen, das ich nicht nachvollziehen kann, mich aber sehr begeistert. Ich finde es herrlich, wie diese Menschen das Gelände im Prinzip erobert haben und sich eigentlich gar nicht darum kümmern, ob vielleicht irgendwo ein berühmter Schriftsteller sitzt.

Interview
Dieter Moor über seine Lieblingsbücher
Video: YouTube

Wie schätzen Sie als Moderator die Bedeutung von Kultur und Literatur im Fernsehen ein?

Moor: Ich denke, dass man die Bedeutung von Kultur gar nicht hoch genug einschätzen kann. Wie alle Massenmedien schielt leider auch das Öffentlich-Rechtliche auf die Quote. Das ist vergleichbar mit Eisenbahnlinien, die still gelegt werden: Wenn ich einen Zug habe, der nur alle vier Stunden fährt, dann ist die Folge, dass nur sehr wenige Menschen in diesen Zug einsteigen, weil er eben nur alle vier Stunden geht. Deswegen beschließt der Zugbetreiber dann irgendwann, die Strecke einzustellen. Wenn man aber den Zug ganz oft fahren lassen würde, dann würden die Leute vermutlich wie blöd einsteigen, weil sie sich denken, das ist ja viel billiger als Autofahren. Und so ähnlich verhält es sich mit Massenmedien und Kultur. So lange Kultur ein Nischenprodukt ist und nur spätnachts alle zwei Wochen läuft, werden wir auch keine Quote erreichen.

Sollte Quote denn das Ziel von Kultursendungen sein?

Moor: Nein, es ist natürlich nicht der Sinn von Kultursendungen, Quote zu erzielen. Vielmehr gibt es ja diesen fast verstaubten Begriffs des öffentlich-rechtlichen Auftrags, weswegen Kultur bei der ARD zum Glück auch einen wesentlich höheren Stellenwert als bei den Privaten genießt. Allerdings ist der Stellenwert meines Erachtens immer noch nicht hoch genug und die Sendungen noch nicht mit ausreichend Budget ausgestattet. Letztendlich fehlt dadurch auch oft der letzte Mut zum Experiment. Wir verurteilen uns bisweilen selbst zu purer Berichterstattung und ignorieren dabei die Tatsache, dass Fernsehen ein unbestrittener Teil unserer Lebenskultur ist. Den mitzugestalten und Kultur zu machen, statt nur darüber zu reden, das wäre doch eine Herausforderung, die wirklich Spaß machen würde.

Hätten Sie denn konkrete Ideen, wie man Kultur und speziell auch das Buch stärker ins Fernsehen bringen könnte?

Moor: Ich denke, das Buch ist sehr schwer im Fernsehen aufzubereiten. Fernsehen ist ein extrem schnelles Medium und das Buch dagegen auf angenehme Weise ein extrem langsames Medium. Was man aber beispielsweise schon wagen könnte, sind Hintergrundgeschichten rund um das Buch. Also beispielsweise aufzuzeigen, was eigentlich ein Schriftsteller ist oder was ein Verleger tut. Es gibt unglaublich spannende Geschichten und Biographien von Verlegern. Es fallen mir ad hoc auch keine Sendungen ein, die junge Schriftsteller unterstützen. Ich hätte zum Beispiel Spaß daran, eine Sendung zu machen, für die ich drei Tage am Stück einem Schriftsteller auf der Pelle sitze und den Zuschauern am Ende die Möglichkeit gebe, diesen Menschen vielleicht in einer Stunde kennenzulernen.

Welcher Bestandteil nimmt in Ihrem Privatleben einen größeren Teil ein: das Fernsehen oder das Buch?

Moor: Fernsehen nimmt in meinem Privatleben einen fast peinlich kleinen Bestandteil ein. Aber nicht, weil ich Fernsehen nicht mag oder weil ich finde, dass alles nur Schrott ist – das stimmt ja auch nicht –, sondern weil ich einfach keine Zeit dafür habe.

Wie kommt das?

Moor: Ich betreibe einen Bauernhof und seltsamerweise kommen wir überhaupt nicht mehr auf die Idee, dass wir vor einer Mattscheibe sitzen und überhaupt nichts tun und nur zugucken. Vielmehr versuchen wir die Zeit anderweitig zu nutzen. Das Lesen findet bei mir sehr viel öfter statt, nämlich tagtäglich. Allerdings auch nicht in stundenlangen Marathonlesesitzungen. Weil ich meinen Körper leider dazu erzogen habe zu sagen: «Aha der Alte liegt im Bett und bald wird geschlafen.» Das nimmt der Körper ernst und deshalb schaffe ich nicht mehr als 40 Minuten pro Abend. Aber ich habe mir sagen lassen, das kennt fast jeder.

Welches Buch lesen Sie gerade privat?

Moor: Ich bin gerade dabei, meiner Frau vor dem Einschlafen einen fetten T.C. Boyle-Wälzer vorzulesen, damit bin ich jetzt fast durch. Zum Glück, denn meine Frau kann ewig zuhören. Irgendwann muss ich dann immer kapitulieren, weil ich einfach nicht mehr kann.

Dieter Moor (52) moderiert seit 2007 die Sendung ttt - Titel, Thesen, Temperamente immer am Sonntagabend im Ersten. Zuvor war er unter anderem im ORF und bei Vox (Canale Grande) zu sehen, zudem steht Moor auch als Schauspieler vor der Kamera. Der gebürtige Schweizer lebt gemeinsam mit seiner Frau Sonja auf einem Öko-Bauernhof in Brandenburg. Auf der Leipziger Buchmesse moderiert Moor das ARD-TV-Forum (Halle 3, Stand C 501).

mik/ruk/ivb/news.de
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