So., 27.05.12

Denis Scheck 15.03.2011 «Es lebe das Butterbrot!»

Scheck (Foto)
Literaturkritiker und nun auch Buchautor Denis Scheck. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert

In seiner monatlichen ARD-Sendung Druckfrisch nimmt Literaturkritiker Denis Scheck kein Blatt vor den Mund. Nun hat er selbst ein Buch über Geschlechterunterschiede beim Essen geschrieben. News.de spricht mit ihm über guten Geschmack, schlechtes Essen und die kulinarische Zukunft.

Herr Scheck, was steht bei Ihnen im Kühlschrank?

Denis Scheck: Ich habe ja einen etwas ausgefalleneren Geschmack. In meinem Kühlschrank befindet sich zum Beispiel immer Botarga. Das ist getrockneter und gepresster Rogen der Meeräsche oder vom Thunfisch – ein in Sardinien und Sizilien besonders beliebtes Lebensmittel. Auch Dorschleber wird man in meiner Speisekammer neben Krabbenfleisch, Sardinen und anderen Fischkonserven ziemlich häufig finden.

In Ihrem zusammen mit Dr. Eva Gritzmann geschriebenen Buch Sie & Er – Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken geht es fast weniger ums Essen als ums Essengehen. Können Sie selbst kochen?

Scheck: Meine Großmutter war professionelle Köchin, die erste Köchin von Theodor Heuss, von der ich auch einiges gelernt habe. Nach Aussagen von meinen Gästen und meiner Freundin kann ich ziemlich gut kochen – zumindest für einen Hobbykoch. Kochen ist ebenso wie Lesen auch ein Modus, sich die Welt anzueignen. Diese Überlegung war auch der Ausgangspunkt des Buches.

Wie kam es zu der Idee für das Buch?

Scheck: Im Laufe der über 30 Jahre, die Eva Gritzmann und ich uns schon kennen, haben wir häufig gemeinsam gekocht und sind auch viele hundert Male zusammen essen gegangen. Am Anfang des Buches stand dabei eine Wette: Jedes Mal, wenn wir im Restaurant saßen und ein Kellner ein Gericht durchs Lokal trug, haben wir gewettet, ob dieses von einem Mann oder einer Frau bestellt wurde. Die Lebenserfahrung lehrt, dass ein Holzfällersteak und ein Weizenbier von einer Frau nur sehr selten bestellt werden. So kamen wir ins Nachdenken darüber, woran es denn liegen könnte, dass die beiden Geschlechter sich so unterschiedlich ernähren.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Ihrer Co-Autorin Eva Gritzmann – haben Sie alles zusammen verfasst?

Scheck: Wir haben alles zusammen geschrieben. Meistens war es so, dass ich an der Tastatur saß und sie mir so wunderbare, eher aus dem Radsport bekannte Weisheiten wie «Quäl dich, du Sau!» an den Kopf warf (schmunzelt). Bei den Interviews haben wir uns jedoch aufgeteilt. Besonders schwierig war es indes mit der Erzählhaltung, die sie und mich einschließen sollte. Wir haben auch überlegt, ein Zweispaltenbuch wie Arno Schmidt zu verfassen, also «Sie sagt» und «Er sagt», haben das aber schnell wieder verworfen und uns zugunsten der vielleicht etwas manieriert wirkenden Versalien entschieden.

In ihrem Buch stellen Sie heraus, dass ein Ernährungswechsel und die «Entdeckung» der Zubereitungsform des Kochens vor einer Million Jahren evolutionäre Bedeutung für den Menschen hatte. Wie sieht die Zukunft des Essens aus?

Scheck: Das wird eher dystopisch. In meiner Kindheit gab es eine weltweite Bewegung unter dem Motto ZPG, Zero Population Growth, welche davon ausging, dass die Welt unter Überbevölkerung leidet. Das war das Denken Anfang der 1970er Jahre, als etwa 3 Milliarden Menschen auf der Welt lebten. Inzwischen sind wir bei 6 bis 7 Milliarden Menschen angekommen und von ZPG ist keine Rede mehr. Wir sind dabei, unsere letzten Wildbestände an Fischen aufzubrauchen, unsere Enkel werden nicht mehr in den Genuss dieser Köstlichkeit kommen. Wir können auch diese Art von Landwirtschaft nicht unendlich fortführen, wenn wir weiterhin kulinarisch interessante Produkte erzielen wollen. Ich denke, dass man nur zwei Wege einschlagen kann: Entweder über die Reduktion der Weltbevölkerung oder durch eine Stärkung des kulinarischen Bewusstseins der Verbraucher. Aufklärung und sinnstiftende, nachhaltige Arbeit im Kampf gegen das Hässliche und Gemeine der Supermärkte und Discounter müssen stattfinden.

Hat der Gourmet Denis Scheck einen Favoriten bei Fast Food oder lehnt er diese kulinarische Form kategorisch ab?

Scheck: (lacht) Es gibt perfektes Fast Food: Es lebe das Butterbrot! Ein erstklassiges Roggenbrot und wunderbare gesalzene Butter, dazu noch ein Apfel und einen tollen Käse: Dann haben Sie ein Mahl eines Kaisers würdig. Das ist besser als ein Fertigprodukt, welches den Magen aufreißt. Ich bin so verblüfft, dass wir Kritik nur noch in der Kunst zulassen. Das diskursive Denken der Philosophie beginnt doch im Abendland damit, dass man sich über Qualität unterhält: Nicht nur in der Kunst, sondern auch beim Käse, bei Brötchen, beim Fleisch, bei Schuhen und bei der Kleidung und so weiter sollte dieser Diskurs geführt werden.

Wo würden Sie selbst Ihr Buch in der aktuellen Literaturlandschaft einordnen?

Scheck: Zunächst einmal ist es ein Sachbuch (schmunzelt). Darüber hinaus ist es jedoch auch ein Kuriosum, ein ungewöhnliches Buch in seiner Machart, da ich es mit Eva Gritzmann zusammen geschrieben habe. Weil wir nicht behaupten wollten, dass wir zu diesem Thema die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, haben wir in großem Maße auch Interviews mit verschiedenen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen in verschiedenen Berufen miteinbezogen. Diese verschiedenen Ansichten wollten wir miteinander collagieren. Dem unglaublich gut argumentierenden Vegetarier Heinrich Steinfest wurde somit sein Pendant in Person der Metzgermeisterin Silke Wallisch-Binder gegenübergestellt – traditionelle Rollenerwartungen wurden somit auch unterlaufen.

Auch wenn Sie noch keine literarischen Morddrohungen von Martin Walser erfahren haben, war der ein oder andere scharfzüngige Verriss in der Rubrik Ihrer Literatursendung Druckfrisch, wo Sie sich die Spiegel-Bestsellerliste vorknöpfen, natürlich auch dabei. Was denken Sie, wie gut Sie mit Kritik an Ihrem Buch umgehen können?

Es gibt nur eine Möglichkeit, mit Kritik umzugehen: Man nimmt sie persönlich (schmunzelt). Aber ich glaube, dass ich ausreichend in Drachenblut gebadet habe, um das auszuhalten. Mein Leben wird sich aber dadurch nicht verändern, da bin ich mir ziemlich sicher.

 

wie/news.de
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