Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Denis Scheck hat als knallharter Buchkritiker der ARD-Sendung Druckfrisch schon viele schlecht geschriebene Bestseller in die Tonne befördert. News.de erläutert, warum sein Sachbuch Sie & Er - Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken dort nicht hingehört.
Es hat schon Seltenheitswert und ist hart, wenn ein Kritiker die Fronten wechselt. Vom mächtigen und äußerst bequemen Richterstuhl begibt er sich auf die unkomfortable Anklagebank, darf nicht urteilen, sondern muss aushalten. So nun auch Denis Scheck, der mit seiner monatlichen Sendung Druckfrisch seit 2003 quasi das Erbe von Marcel Reich-Ranicki und seinem Literarischen Quartett als Literaturkritiker beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk angetreten hat.
Zusammen mit der Medizinerin Dr. Eva Gritzmann, die er schon von Kindesbeinen an kennt, schrieb er Sie & Er - Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken und spürte auf knapp 280 Seiten der Wahrheit in Geschlechterklischees beim Essen, dessen Zubereitung und beim Geschmack nach. Das Ergebnis ist dabei seiner, mit dem Einsatz von Blenden, Unschärfen und Lichtspielereien erfrischenden, Sendung Druckfrisch ähnlich: unterhaltsam, kenntnisreich, reflektierend und auf den Punkt.
Geschlechtsspezifische Verzehrstudien
Neben zahlreichen Interviews mit Köchen und Buchautoren, die Scheck schon in seiner Sendung vorstellte, sind auch ein paar Ausflüge in die Welt der Prosa und Klassiker in diesem originellen «Kochbuch» zu finden. Unter anderem ein längeres Zitat aus Marcel Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder das Gedicht Sylvestereintopf des chinesischen Lyrikers Leung Ping-Kwan haben es ins Buch geschafft. Dies dürfte der kulturell anspruchsvolle, offene Teil der Leserschaft vollmundig goutieren, während der literarisch interessierte, nach Unterhaltung suchende Teil darin das ein ums andere Mal bemühte Schöngeistigkeit entdecken dürfte.
Scheck und Gritzmann geben die hedonistischen Bildungsbürger, die eher auf Qualität, denn Quantität in der Küche achten und entsprechend ihrer Erfahrungen geben sie am Ende jeden Kapitels Restaurant-, Film- und Buchtipps. Die Reise im Auftrag des guten Geschmacks führte das Autorenduo quer durch Deutschland, in die USA und bis nach China, wo sie für ihre Küche berühmte wie berüchtigte Restaurants besuchten. Neben der Schilderung ihrer Erlebnisse dort berührt Sie & Er – Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken auch wissenschaftliche Erkenntnisse um geschlechtsspezifische Verzehrsstudien, die Geschmackswahrnehmung auf der Zunge und die Herkunft von Fleisch.
Vom Verlust des Geschmackssinnes
Insbesondere mit den Themen Fleischverzehr und Vegetarismus, die ausführlich zur Sprache kommen, orientiert sich das Autorenduo an einem derzeitigen kulinarischen Trendthema, welches auf Massentierhaltung und weitere Missstände in der Nahrungsmittelindustrie aufmerksam macht. Ob Anständig essen von Karen Duve, Thilo Bodes Die Essensfälscher oder Jonathan Safran Foers Tiere essen: Seit Monaten dominieren aufrüttelnde wie erschütternde Sachbücher über Ernährungsgewohnheiten und fragwürdige Produktionsbedingungen von Fleisch die Bestsellerlisten. Scheck und Gritzmann moralisieren dabei in ihrem Buch nicht, treten jedoch ein für ein kulinarisches Verantwortungsbewusstsein.
Die abgedeckte Bandbreite von der evolutionären Wirkung des Kochens über den Verlust des Geschmackssinnes durch ewiggleiche Fast-Food-Produkte bis hin zur Vegetarismus-Debatte sorgt allerdings dafür, dass Scheck und Gritzmann das ein oder andere Mal etwas vom eigentlichen Thema abzuschweifen drohen. Doch finden sie stets und rechtzeitig den roten Mann-Frau-Unterschieds-Faden jenseits zahlreicher platter Erkenntnisse in Buchtiteln, die mit «Warum Männer…» beginnen, wieder. Und so ist ihr Buch freilich eines, welches gleichermaßen dem ästhetischen wie intellektuellen Geschmacksurteil über die ganze Strecke standhält.
Titel: Sie & Er - Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken
Autoren: Denis Scheck und Eva Gritzmann
Verlag: Bloomsbury
Seitenzahl: 286 Seiten
Preis: 18 Euro
Erscheinungstermin: 26. Februar 2011