Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Verschwörungstherorien im Schatten des Brandenburger Tors: Im Actionthriller Unknown Identity turnt Liam Neeson durch Berlin, stürzt erst in die Spree und dann in die Krise. Diane Kruger darf ihn retten und die Stasi schaut auch mal vorbei.
Der erste Schritt auf Berliner Boden glitscht über den Schnee, Doktor Martin Harris zieht die Schultern zu den Ohren und guckt verkniffen. Auch seine elfenhafte Gattin scheint nicht begeistert zu sein. Harris knurrt ein zynisches «Willkommen in Berlin» und schlüpft ins Taxi.
Spätestens da ahnt man schon, dass das kein Spaziergang wird, der Martin Harris (Liam Neeson) im Kinofilm Unknown Identity auf deutschem Boden erwartet. Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra hat Neeson in einen Actionthriller gesteckt, ihn in der Spree versenkt, ihn über die Friedrichstraße gescheucht und auch sonst treibt er ein ganz perfides Spiel mit dem Mimen. Unknown Identity ist nicht nur ein Actionthriller, sondern auch ein Berlin-Film, der lustvoll Verschwörungstheorien spinnt.
Harris soll bei einem Biotechnologen-Kongress im Berliner Hotel Adlon einen Vortrag halten, der Bahnbrechendes verspricht - um nichts weniger als das Ende des Welthungers geht es dabei. Aber erst einmal durchbricht er mit dem Taxi der Bosnierin Gina (Diane Kruger) die Balustrade der Oberbaumbrücke und stürzt in die winterliche Spree. Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, fühlt sich der Wissenschaftler wie im falschen Film: Keiner scheint ihn zu vermissen, geschweige denn zu kennen – nicht einmal seine Frau. Nicht er hat sein Gedächtnis verloren, sondern offenbar jeder um ihn herum.
Aus der Dusche an den Dachsims
Wie laviert sich der Regisseur aus dieser Nummer wohl wieder heraus, grübelt man, während Harris sich durch einen Albtraum kämpft, an dessen Konstellation auch Kafka seine diebische Freude gehabt hätte. Aber natürlich wird das Wirrwarr am Ende aufgelöst – wir sind hier ja nicht in der tschechischen Literaturgeschichte. Und genau das ist dann auch das Problem dieses Films, denn mit der Plausibilität nimmt Collet-Serra, der seine Karriere mit Werbefilmen begann, es nicht so genau.
Das sieht dann alles ziemlich schick aus, macht aber leider nicht allzu viel Sinn. Wieso die spröde Taxifahrerin dem Fremden hilft, ist nicht ganz nachvollziehbar. Warum dann auch noch ein ehemaliger Stasi-Mann ausgerechnet für den Klassenfeind in die Bresche springt, noch weniger. Da gibt es dann einen spektakulären Faustkampf zwischen zwei Männern in den Trümmern des Hotel Adlon, aber leider hat Collet-Serra vergessen zu erklären, was genau der Grund für den gegenseitigen Groll ist. Zuvor kam Neeson gerade noch aus der Dusche, im nächsten Augenblick hängt er komplett bekleidet am Dachsims. Das ist ärgerlich, weil es den Zuschauer immer wieder aus der Geschichte hinauswirft.
Darüber hinaus ist es auch ein recht merkwürdiges Berlin-Bild, das Regisseur Jaume Collet-Serra da zeichnet: Nässe, Kälte, Schneematsch, Graffiti, lange unwirtliche U-Bahnhofsgänge – gut, das ist aus Berlin nicht wegzudiskutieren, aber ein recht einseitiger Blickwinkel ist das schon. Gina wohnt natürlich in Kreuzberg, doch wo zum Teufel die Filmemacher dieses verranzte Haus aufgetrieben haben, in dem es eher aussieht wie in der Bronx der 1970er Jahre – es ist ein Rätsel. Und musste die Dame im Krankenhaus ausgerechnet «Schwester Gretchen» heißen?
Technoclub, Currywurst und Rassismus
Gut, dass es auf der anderen Seite aber auch diesen phantastischen Kameraschlenker vom Nacken der Goldelse über den Tiergarten gibt - sehr romantisch tanzen dazu die Schneeflocken. Berlin-Kenner wundern sich nebenbei allerdings noch über die Route, die der Fahrer wählt, um vom Flughafen Schönefeld zum Hotel Adlon zu kommen.
Leider hangelt sich der Film von einem Berlin-Klischee zum nächsten: So reckt das Jungvolk im Technoclub extatisch die Arme – dass das inszeniert ist, merkt man dabei aber leider viel zu sehr. Der Chef der Taxizentrale darf ein paar rassistische Sprüche vom Stapel lassen, während Diane Kruger in einem türkischen Café serviert. Klar, dass dann auch noch eine Currywurst verspeist werden muss.
Richtig problematisch wird der Film, wenn die Stasi ins Spiel kommt. So hockt Bruno Ganz als knochentrockener «Herr Jürgen» in einer Wohnung, die den untergegangenen Staat zelebriert. Ganz darf in den wenigen Auftritten, die er hat, glänzen, doch Zeit für ein kritisches Licht auf die Stasi bleibt dabei nicht. Im Gegenteil: Der Mann wird zum Helfer in der Not. Mittels seiner Spitzelkenntnisse und alter Seilschaften trägt er dazu bei, das Rätsel um die Identität aufzudecken. Nur ein Schlupfloch bleibt Bruno Ganz, das er brilliant zu nutzen weiß: Dem Geständnis, er sei stolz darauf, bei der Stasi gewesen zu sein, schließt er einen grandiosen Hustenanfall an, der so vieles andeutet, zu dem der Film hätte mutiger Stellung beziehen müssen.
Der deutsche Kollege Sebastian Koch hat es in der Rolle des Professsors etwas leichter und so konnte er sich auf der Berlinale auch freuen, dass die Deutschen endlich nicht immer nur den Nazi spielen müssen. Stipe Erceg, der sich als stummer Schläger geben darf, hätte man hingegen die eine oder andere Textzeile gegönnt.
Thrillerspannung vom Feinsten
Dennoch: Bei all den Schwächen zeigt Collet-Serra auch, dass er ein begnadetes Talent für Dramaturgie und Actionszenen hat. Bei keinem Geringeren als Alfred Hitchcock holt sich der Spanier seine Inspiration. Immer wieder reißt er den Zuschauer vom Kinosessel in den Film, zieht ihn mit großem Tempo mit, wenn er schicke Limousinen in einer spektakulären Verfolgungsjagd über die Friedrichstraße rasen lässt.
Dabei wählt er eine collagenhafte Schnitttechnik, spielt mit Unschärfen, Detailaufnahmen und frischen Kameraperspektiven. Im Krankenhaus gibt es eine Szene, die Thrillerspannung vom Feinsten zelebriert: Eine gefühlte Ewigkeit versucht der gefesselte Neeson die Schere in der Tasche der ohnmächtigen Krankenschwester zu erreichen, jeden Augenblick kann der finstere Schurke mit der großen Spritze zurückkehren.
Nebenbei arbeitet der Regisseur mit cleveren Tricks, um dem Zuschauer den Zustand des Helden nahe zu bringen: Die Kamera schwankt bedrohlich, als Harris seiner Frau begegnet und sie ihn nicht erkennt, wenn er über den Krankenhausflur flieht, begleiten ihn Stromspannungsgeräusche, ein Tinnitusfiepen markiert große Stresssituationen. Mit diesen Zutaten gelingt es, aus «Unknown Identity» doch noch einen sehr sehenswerten Film zu machen. Und dann jagt Collet-Serra auch noch sehr spektakulär das Hotel Adlon in die Luft – das muss man sich auch erst einmal trauen.
Titel: Unknown Identity
Regie: Jaume Collet-Serra
Darsteller: Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Stipe Erceg
Filmlänge: 113 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 3. März 2011