Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Das Timing ist perfekt. Nachdem Red Dead Redemption den Wilden Westen auf die Spielekonsolen brachte und True Grit zehn Oscarnominierungen einheimste, trumpft mit Rango der nächste Western groß auf: Gore Verbinskis erster Animationsfilm ist grimmig, witzig und eine wahre Augenweide.
Chamäleon Rango ist zwar absolut nicht wildnistauglich, dafür jedoch ein ambitionierter Schauspieler. Als es ihn vom sicheren Terrarium in das Wüstenkaff Dirt verschlägt, gibt er sich dort als Revolverheld aus. Als Rango dann auch noch mit mehr Glück als Verstand einen Bussard besiegt, ernennen ihn die Bürger kurzerhand zum Sheriff. Gleich sein erster Fall hat es in sich. Dirt geht das Wasser aus und der zwielichtige Bürgermeister hat etwas damit zu tun. Rango nimmt die Ermittlungen auf.
Ein Western als Fabel: In Dirt tummelt sich allerlei übles Gelichter und Verbinski beweist viel Mut zur Hässlichkeit. Derart zerrupfte und zerlumpte Katzen, Hasen und Wühlmäuse gab es in einem Kinderfilm selten zu sehen. Wenn Rango zum ersten Mal den Saloon betritt, kann nicht nur dem unbedarften Chamäleon angst und bange werden.
Verbinskis Film braucht bis dahin allerdings eine kleine Ewigkeit, um in die Gänge zu kommen. Die Einführung der Hauptfigur ist zu lang, ihre Wahnvorstellungen sind amüsant, aber überflüssig. Ab dem Moment jedoch, in dem das kleine Reptil die Westernstadt betritt und die eigentliche Geschichte beginnt, gewinnt Rango merklich an erzählerischer Struktur.
Bildschöne Tierfabel
Als Western funktioniert der Film dabei genau so perfekt wie als familienkompatibles Animationsspektakel. Verbinski begeht glücklicherweise nicht den Fehler, Rango als reine Persiflage anzulegen und unentwegt auf Vorbilder anzuspielen, die die jüngeren Zuschauer ohnehin nicht kennen dürften.
Überraschend deutlich scheint Verbinskis Hintergrund als Realfilmregisseur durch: Er reiht nicht einfach Sketche aneinander, lässt Actionszenen nie ins Hysterische abgleiten und kann darum mit Spannungsmomenten auftrumpfen, von denen die meisten anderen Animationsfilme nicht mal zu träumen wagten.
Wie ernst es Verbinski mit Rango sein muss, für den er immerhin die Regie bei Fluch der Karibik 4 sausen ließ, zeigt auch eine Personalie. Mit dem neunfach oscarnominierten Roger Deakins holte er den vielleicht besten Kameramann der Gegenwart als Berater mit ins Boot. Ob Wüstentableaus vor untergehender Sonne oder Schattenspiele im Saloon: Die Fabel vom Chamäleon, das zum Westernhelden wird, ist bildschön gefilmt.
Von der Karibik in den Wilden Westen
Zum ersten Mal betritt mit Rango George Lucas' Effektschmiede Industrial Light & Magic (ILM) als Produzent ein Feld, dessen Claims zwischen Pixar (Ratatouille), Dreamworks (Shrek) und Blue Sky (Ice Age) als weitestgehend abgesteckt galten. ILM nutzt die Gelegenheit nicht zur bloßen Leistungsschau, sondern stellt sich in den Dienst eines chamäleonhaft wandlungsfähigen Regisseurs. Bevor Verbinski mit Fluch der Karibik Schwung ins sieche Piratenfilmgenre brachte, hatte er sich bereits in Sachen Kinderfilm (Mäusejagd) und Horrorschocker (The Ring) ausgetobt.
Mit Rango überzeugt er nun auf einem weiteren Gebiet. Dies ist der Film, den Pixars Cars 2 bei den nächsten Oscarverleihungen wird schlagen müssen. Vielleicht wird dann ja auch das kleine Westernrevival mit einem Preis belohnt. ILM hat in jedem Fall eine Duftmarke gesetzt. Die Platzhirsche werden gewarnt sein: Es ist ein Neuer in der Stadt.