So., 27.05.12

Bosse 23.02.2011 «Zirkeltraining und Entschlackung in einem»

Bosse (Foto)
Bosse Bild: Vertigo Berlin (Universal)

Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke

Nach dreijähriger Pause veröffentlicht Axel Bosse dieser Tage sein neues Album Wartesaal. Im news.de-Interview erzählt er von einer neuen Songwriter-Generation, alten Musikinstrumenten und was man tun muss, um den Verstand nicht zu verlieren.

Ihr neues Album heißt Wartesaal: Worauf warten Sie?

Bosse: Ich warte oft auf die Züge der Deutschen Bahn, sonst auf relativ wenige Dinge. Aber so ist das Album auch gar nicht gemeint: Mit den Jahren habe ich gelernt, dass vieles einfach Zeit braucht. In dem Fall bedeutet «warten» eher «entspannt bleiben». Warten ist ja nichts anderes, als ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben.

Das letztes Album hieß Taxi, das neue Wartesaal. Da stehen sich schon per Titel die Themen Bewegung und Stillstand gegenüber. Ist das Absicht?

Bosse: Auf Taxi gibt es viele Texte, die sich mit der Suche nach etwas befassen. Klar, dass das auch für Bewegung sorgt. Trotzdem ist Wartesaal kein Album, das komplett bewegungslos ist. In den meisten Songs geht es ums Ankommen und die Probleme, die in solchen Situationen auf einen einprasseln können. Wartesaal handelt von jemandem, der schon ein Stück weiter, aber noch nicht wunschlos glücklich ist.

Neues Bosse-Album
Bloß nicht den Verstand verlieren

Bosse -- Weit weg - MyVideo
Video: MyVideo

Worin unterscheiden sich Wartesaal und Taxi?

Bosse: Der Plan, den ich bei Wartesaal hatte, war der, dass ich am Ende gern tanzbare Songs haben wollte. Deshalb klingen die Songs auch etwas elektronischer als bisher. Es sollte Popmusik dabei herauskommen, die gut zu meinen Texten passt.

In den letzten Jahren haben sich mit Clueso, Philipp Poisel, Gisbert zu Knyphausen und Ihnen auffällig viele männliche Singer/Songwriter ein breites Publikum ersungen. Woran liegt es, dass es Männern plötzlich wieder leichter fällt, über ihre Gefühle zu singen?

Bosse: Was ich mache, unterscheidet sich stark von der Hamburger SchuleDie Musikbewegung entstand Ende der 1980er Jahre und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Zu ihren Vertretern gehören unter anderem Blumfeld, Nationalgalerie, Erdmöbel, Tomte und Kettcar. In ihren Texten üben die Bands sehr offensichtlich Kritik an Gesellschaft und Politik. , die von außen auf Situationen schaut und ziemlich indirekt, aber trotzdem sehr deutlich, Position bezieht. Das hat zwar seinen Reiz, aber ich habe mich anders entschieden und mache schon sehr lange diese Art von Musik - genau wie Gisbert zu Knyphausen und Philipp Poisel. Interessant ist, dass die Menschen erst jetzt anfangen, es toll zu finden, jemanden auf diese Art kennenzulernen und sich ihm so auch ein Stück weit verbunden fühlen.

Wobei sich Ihre Musik nicht zum Nebenbeihören eignet.

Bosse: Stimmt, aber diese Entwicklung finde ich gut. Plötzlich müssen Musiker nicht mehr oberpoppig und oberhip sein, sondern können Lieder schreiben, für die es auch ein ausreichend großes Publikum gibt, das sich die Zeit dafür auch nehmen will. Möglicherweise liegt das an der chaotischen Zeit, in der wir leben. Menschen sehnen sich nach Musik, die sie zur Ruhe kommen lässt und nach Texten, aus denen sie nicht unbedingt eine Geschichte des Künstlers heraushören. Es geht darum, sich selbst ein Stück weit in den Texten wiederzufinden. Die Leute haben offenbar wieder Lust auf Inhalte und das ist die schönste Entwicklung, die man sich als Texter vorstellen kann.

In der ersten Single Weit weg geht es um einen jungen Mann, der vergessen und in der Fremde neu anfangen will. An einer Stelle in dem Song heißt es: «Die Probleme werden wie Luft sein.» Das klingt, als würden Sie Ihren Hörern empfehlen, dass es manchmal Sinn macht, vor etwas davonzulaufen.

Bosse: Es geht mir gar nicht um ferne Länder, also reisen und abhauen. Die Situation, die ich in Weit weg aufgreifen wollte, ist die eines kleinen Kindes, das sich zwar weg wünscht, das sich aber auch - mit dem Wissen eines Erwachsenen - nur kurzzeitig ausklinken will. Nach dem Zurückziehen kommt der klare Blick, den man in der heutigen Gesellschaft - bei all dem Druck, dem man ausgesetzt ist - eben braucht, um nicht den Verstand zu verlieren.

Gibt es Themen, die Sie in Ihren Songs gar nicht aufgreifen würden?

Bosse: Eigentlich nicht. Für das letzte Album habe ich zum Beispiel 80 bis 100 Skizzen geschrieben. Das sind im Grunde fertige Songs. Irgendwann muss ich mich dann entscheiden. Wenn ich einen Titel wirklich übel finde, kommt der nicht auf das Album. Wichtig ist mir dabei, darauf zu achten, ob ich wirklich sagen will, was ich in dem einen oder anderen Text aufgegriffen habe. Was ich mich noch nicht getraut habe, ist, politisch zu werden. Unter den Skizzen sind immer auch politische Songs oder Stücke zum Thema Hass. Aber die schaffen es einfach nie aufs Album. Schlimm sind auch oberflächliche Lieder oder Songs, denen das fehlt, was mich nach zwei Tagen immer noch kickt.

Welche politischen Inhalte sind Auslöser dafür, dass Sie einen Song schreiben?

Bosse: Der letzte Song, den ich geschrieben habe, war ein Einwanderer-Lied. Darin ging es um Integrität. Darum, woher man kommt und wohin man geht. Irgendwann passiert es mir aber, dass ich erkenne, dass meine Meinung gar nicht versiert genug ist, um sie in einen Song einfließen zu lassen. Dafür höre ich dann lieber Peter Licht - dem gelingt es sehr gut, seine politische Meinung auszudrücken. Ich habe mich aber für einen anderen Ansatz entschieden und weiß gar nicht, ob ich unbedingt politisch werden muss, weil ich in dem Feld, in dem ich mich bewege, noch so viel zu erzählen habe.

Der Song Frankfurt/Oder ist eigentlich von Ihrem Album Guten Morgen Spinner. Jetzt hat er es wieder auf ein Album geschafft. Warum?

Bosse: Frankfurt/Oder ist eines der wenigen eigenen Lieder, das mir auch nach langer Zeit noch sehr gut gefällt. Es ist ein Lied, das mir schon immer sehr am Herzen lag. Als ich mich von der EMI getrennt habe, war das der einzige Song, den ich zurücklizensieren wollte. Das bedeutet, ich habe Geld ausgegeben, um mein eigenes Lied zurückzukaufen, um irgendwann wieder daran arbeiten zu können. Nachdem die Lizenz zunächst bei der EMI lag, musste ich zehn Jahre warten. Jetzt war es soweit, deshalb ist der Titel auch wieder auf meinem neuen Album. Ich hatte das Gefühl, dass der Song es verdient hat, von mehr Leuten gehört zu werden. Und ähnlich wie Weit weg oder Roboterbeine, zwei andere Songs von Wartesaal, hat auch Frankfurt/Oder jetzt einen Remix-Charakter.

Diesmal haben Sie den Song mit Anna Loos noch mal aufgenommen. Wie kamen Sie ausgerechnet auf sie?

Bosse: Das war eine Sekunden-Entscheidung. Als ich mit meiner Band den Song an einem Abend neu eingespielt habe, kam uns die Idee. Möglich, dass wir von vielen Fans einen auf den Deckel bekommen werden, weil der Song etwas verloren hat. Wir finden aber auch, dass er etwas dazugewonnen hat. Anna Loos und ich wollten schon lange mal etwas gemeinsam machen - jetzt lag es halt einfach auf der Hand. Sie singt jetzt bei Silly und ich habe sie direkt an dem Abend angerufen. Anna hat sofort ja gesagt.

Im Jahr 2009 haben Sie Oliver Koletzki auf dessen Album Großstadtmärchen gesanglich unterstützt. Könnten Sie sich vorstellen, selbst ein ganzes Album auf Grundlage elektronischer Musik zu machen?

Bosse: Koletzki kenne ich schon lange, wir kommen beide aus Braunschweig. Als er damals an Großstadtmärchen gearbeitet hat, kam irgendwann die Anfrage, ob ich zu einem seiner Songs den Gesang beisteuern würde. Damals habe ich gerade die Aufnahmen einer anderen Band produziert. Und als die Mittagspause gemacht hat, habe ich mich hingesetzt und in einem Abwasch U-Bahn aufgenommen. Koletzki dachte erst, dass ich ihn verarschen will, weil das so schnell ging. Genau das war für mich entscheidend, warum ich auf Wartesaal Lust hatte, elektronischer zu werden. Offenbar hat Koletzki mir so ein wenig die Augen in Richtung Elektronik geöffnet. Trotzdem kommt für mich und als Bosse ein komplettes Elektronik-Album nicht in Frage. Das kann ich nicht machen. Was ich wollte, war einfach elektronische Musik mit echten Instrumenten zu mischen. Und ich hoffe, das ist mir gelungen.

Sie spielen auf großen Bühnen und davor viel in kleineren Clubs. Wo gefällt es Ihnen besser?

Bosse: Beides hat seine Reize. Näher als in einem Clubkonzert kommt man seinen Fans natürlich nicht. Aber auch eine große Menschenmasse hat eine Nähe, wenn sie von der ersten Sekunde an am Start ist. Wichtig ist, dass die Menschen mitgehen. Das fühlt sich dann an wie Zirkeltraining und Entschlackung in einem.

Welches Album läuft bei Ihnen aktuell besonders häufig?

Bosse: Auch wenn es nicht die aktuellste Platte ist, höre ich noch immer gern Lucky von Nada Surf. Von den aktuellen Sachen mag ich gerade die neue von Arcade Fire wirklich sehr. Letztens habe ich das neue Album von den Black Eyed Peas gehört. Faszinierend daran finde ich, dass es gar nicht so schlecht ist, wie immer alle sagen. Was da mit Synthesizern passiert, finde ich extrem spannend. Ähnlich gut gefallen mir B-Seiten von Christina Aguilera, die nicht so überproduziert sind und wo man wieder mal hören kann, was diese Frau eigentlich für eine großartige Stimme hat.

Axel Bosse wurde 1980 in Braunschweig geboren. Bereits mit 17 Jahren macht Bosse mit seiner Schülerband Hyperchild auf sich aufmerksam. Die Folge: Die Band bekommt einen Plattenvertrag bei Sony. Schon nach zwei Jahren gehen die Musiker wieder getrennte Wege, Axel Bosse macht solo weiter Musik. Mit Wartesaal erscheint sein mittlerweile viertes Album. Ab März geht der Sänger damit auf Tour und tritt unter anderem in Leipzig (24. März), München (29. März) und Hamburg (9. April) auf. Weitere Tour-Termine sind auf der Homepage von Axel Bosse nachzulesen.

Interpret: Bosse
Titel: Wartesaal
Plattenfirma: Vertigo Berlin (Universal)
Veröffentlichungsdatum: 25. Februar 2010

wie/ivb/news.de
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