Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Der Wilde Westen ist ein Ponyhof: Im neuen Kinofilm der Coen-Brüder True Grit lässt ein 14-jähriges Mädchen Kerle mit Colts ziemlich dumm dastehen und Jeff Bridges darf das Raubein rauskehren.
Stechend ist der Blick, den Rooster Cogburn auf das Mädchen wirft. Wie ein schroffer Fels hat er sich vor ihr aufgebaut. Mattie reckt das Köpfchen zwischen den Zöpfen, ihre Augen hat sie fest auf Cogburns zerfurchtes Gesicht gerichtet. Sie will den Einäugigen engagieren. Er soll ihr helfen, den Mörder ihres Vaters zu finden.
Wir sind im Wilden Westen. Die Männer laufen breitbeinig, reden nicht viel und wenn sie dann doch mal den Mund aufmachen, dann sagen sie mit Reibeisenstimme Dinge wie: «Ich reite schnell, esse wenig und schlafe auf dem Boden.» Das beeindruckt Mattie (Hailee Steinfeild) nicht, immerhin war sie schon auf Waschbärenjagd. Mit der beneidenswerten Unerschrockenheit eines Teenagers kämpft sich das Mädchen durch eine Welt voller Raubeine. Immer ihr Ziel im Blick: Sie will den Tod ihres Vaters rächen.
Mit ihrem Western True Grit haben die Brüder Ethan und Joel Coen einen Roman von Charles Portis verfilmt. Dass es schon einen Film zum Buch gibt, in dem John «The Duke» Wayne die Hauptrolle spielt, sehen die Regisseure betont gelassen. Sie hätten sich ausschließlich auf die literarische Vorlage konzentriert und den Western-Klassiker absichtlich ignoriert, beteuern sie. Und damit sind sie sehr erfolgreich, besonders in Europa lockt der Film die Massen in die Kinos und mit zehn Oscar-Nominierungen geht er als aussichtsreicher Kandidat in die Verleihung der begehrten Filmpreise.
Aus den Wassersandalen in die Cowboystiefel
In True Grit geht es um Loyalität, Schneid und Vergeltung, aber in erster Linie ist dieser Western ein Frauenfilm. Mattie hält die Zügel der Story fest in ihren Händen und lässt die Cowboys tanzen, wie es ihr passt. Während die harten Kerle auf Maisfladen ballern, um sich zu beweisen, wer besser schießen kann, muss das Mädchen ein Machtwort sprechen.
Hailee Steinfeld spielt ihre Rolle mit einem bitteren Zug um den Mund und einer beneidenswerten Klarheit in den Augen. Man fragt sich immer wieder, woher die junge Schauspielerin die Unverfrorenheit nimmt, diese komplexe Figur so souverän zu spielen. Und dabei hat man dann beinahe vergessen, auch noch die ausnehmend exzellente Leistung von Jeff Bridges, Matt Damon und Josh Brolin angemessen zu bewundern.
Unter der Regie der Coen-Brüder darf Bridges aus den Wassersandalen des «Dudes» in die Cowboystiefel des «Dukes» schlüpfen und das macht er selbstverständlich ganz großartig. Einen Teil seiner herrlich verranzten Lebowski-Attitüde hat er in die neue Rolle mitgenommen. Wenn er im versifften Baumwollstrampler aus dem Bett kriecht und sich das zottelige Haar von der Augenklappe streicht, dann blitzt die legendäre Rolle für einen kurzen Augenblick wieder auf. Aber Bridges zeigt diesmal noch viel mehr: Selten war es so ein Genuss, einem versoffenen Zausel dabei zuzusehen, wie er in einen Stollen ballert und grölend durch die Pampa reitet. Daneben sieht selbst Captain Jack Sparrow alt aus.
Bridges, Matt Damon und Josh Brolin brauchen für True Grit ein gesundes Selbstbewusstsein, denn das blutjunge Mädchen lässt die Herrenriege ziemlich dumm dastehen: Damon muss sich von ihr für seinen Fransen-Fummel auslachen lassen und der garstige Bösewicht Brolin fällt unter ihrem gnadenlosen Blick gar zu einem Häuflein Elend zusammen, bis er am Lagerfeuer lamentiert: «Alle sind gegen mich.» Und Bridges? Der wird plötzlich redselig und quasselt seine Begleiterin mit seinen gescheiterten Beziehungen voll. Lustvoll zerlegen die Coen-Brüder die Cowboymasken, bis nur noch das jämmerliche Gerippe übrig bleibt.
Staub auf der Linse und azurblaue Augen
Und währenddessen sieht True Grit auch noch phantastisch aus: Die Bilder sind beinahe altmeisterlich inszeniert. Wenn Jeff Bridges sich in tiefschwarzer Nacht vom warmen Schein des Lagerfeuers beleuchten lässt und in die Kamera herabblickt, glüht sein Gesicht wie auf einem Rembrandt-Gemälde. Auch bei Tageslicht ist hier alles gekonnt ins rechte Licht gesetzt, die Konturen sind rasiermesserscharf.
Dann wieder scheint sich der Staub der Piste über die Linse gelegt zu haben, andere Bilder sind grell überbelichtet und stellen so einen Bezug zu den Wurzeln des Western in den 1960er und 1970er Jahren her. Immer wieder spielen die Coens mit solchen ästhetischen Zitaten, etwa wenn Jeff Bridges am Boden liegt und die Kamera auf sein azurblau leuchtendes Auge zoomt.
Doch es bleibt nicht beim schlichten Zitieren eines Genres, der Film bricht die Posen und Klischees der sattsam bekannten Western geschickt auf, indem er den Kerlen den vertrauten Boden unter den Füßen nimmt. Und am Ende, wenn sich selbst Cogburn aus seinem klaustrophobischen Western-Korsett befreit hat, erscheint auch die Landschaft in einem völlig neuen Licht.
Er reitet nicht in den Sonnenuntergang, sondern daran vorbei. Um dann durch einen Wald voller gespenstischer Tim-Burton-Bäume zu streifen und schließlich an einen beinahe abstrakten Ort zu gelangen: Hier gibt es nur noch den gigantischen Sternenhimmel, das silbrig schimmernde Gras und das große Drama beinahe antiken Ausmaßes. Das ist selbst für einen gestandenen Mann wie Jeff Bridges zu viel: «Ich bin alt geworden», lassen ihn Ethan und Joel Coen dann keuchen. Dabei macht er allerdings eine ganz großartige Figur. Und die Brüder im Regiestuhl haben mal wieder alles richtig gemacht.
Titel: True Grit
Regie: Ethan und Joel Coen
Darsteller: Jeff Bridges, Matt Damon, Josh Brolin, Hailee Steinfeld
Filmlänge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Paramount
Kinostart: 24. Februar 2011