Musik Benyamin Nuss macht Klassik aus der Konsole

Benyamin Nuss macht Klassik aus der Konsole (Foto)
Benyamin Nuss macht Klassik aus der Konsole Bild: dpa

Einmal, erzählt Benyamin Nuss, habe er vor einem reinen «Ü60-Publikum» gespielt. «Also ein klassisch geschultes Publikum. Die wussten nicht, was auf sie zukommt.»

Köln/Aachen (dpa) - Einmal, erzählt Benyamin Nuss, habe er vor einem reinen «Ü60-Publikum» gespielt. «Also ein klassisch geschultes Publikum. Die wussten nicht, was auf sie zukommt.»

Der 21-Jährige setzte sich ans Klavier und spielte Werke des japanischen Komponisten Nobuo Uematsu. Werke, die normalerweise Teile der Computerspiel-Serie «Final Fantasy» unterlegen. «Die meisten der Zuschauer konnten mit Computerspielen nichts anfangen. Aber hinterher fanden sie es alle ganz toll. Sie seien froh, dass es endlich mal was Neues gibt, haben sie mir gesagt.»

Diese Reaktion hat Nuss schon oft erlebt. Auch sein Professor am Aachener Teil der Kölner Hochschule für Musik und Tanz (HfMT) reagierte verwundert, als Nuss plötzlich nicht mehr nur noch Schubert und Bach spielen wollte, sondern vor allem Uematsu.

«Zuerst wusste er nicht, wer das ist, aber dann haben wir zusammen daran gearbeitet, und er fand es supertoll», erzählt der junge Mann. Es folgten eine so gut wie ausverkaufte Tournee durch Deutschland und Japan und die erste Solo-CD beim renommierten Plattenlabel Deutsche Grammophon: «Benyamin Nuss plays Uematsu». Die eigentlich als Begleitung für virtuelle Kämpfe gegen Monster gedachte Musik war - klassisch arrangiert - plötzlich ein Kassenschlager.

Uematus Stücke erinnern an Filmmusik - mal aufbrausend und bombastisch, mal dahinplätschernd und beruhigend. Sie sind klassisch aufgebaut mit eingängigen Melodien und Einflüssen aus Pop und Jazz. Keine Spur mehr vom eintönigen Gepiepse alter Computerspiel-Zeiten, wie etwa bei «Super Mario Brothers» oder «Tetris».

«Uematsus Musik ist nicht banal», sagt der in den Medien bereits als «Ausnahmepianist» und «Klaviervirtuose» gefeierte Nuss. Im Gegenteil: Der 51-jährige japanische Komponist benutze nie eine Note zuviel. «Er bringt alles auf den Punkt.»

Der in der Nähe von Köln geborene Nuss hat schon als kleines Kind die Lautstärke beim Computerspielen nie heruntergedreht. Am Klavier versuchte er bereits damals, die Melodien nachzuspielen. Heute übt er mindestens vier Stunden täglich - «aber wenn die Hochschule zu hat, spiele ich auch immer noch gerne und viel Computer».

Längst hat auch die Musikwissenschaft die Klänge aus der Konsole entdeckt: Sowohl technikgeschichtlich als auch kulturell wird das Thema seit mehreren Jahren an vielen deutschen Universitäten - etwa in Köln oder in Bayreuth - erforscht. Mehrere Festivals und Kongresse - wie «SoundTrack» in Köln oder «A Maze» in Berlin - beschäftigen sich damit, und in Berlin ist im Januar gar ein ganzes Computerspiele-Museum eröffnet wurden.

Meistens wird die Musik aus Videospielen gemeinsam mit der Filmmusik behandelt. «Die Filmmusik stiehlt der Videospielmusik ein bisschen die Show», sagt Komponist Frank Brempel. «Videospiele werden gerne nur als Unterhaltungsmedium gesehen und nicht als Kunstform anerkannt. Dabei ist in diesem Bereich so mancher Schatz vergraben.»

Allerdings könne die Videospielmusik nicht als eigenes musikalisches Genre gelten, sagt Brempel, der seine Diplomarbeit zu diesem Thema geschrieben hat. Sie habe schließlich hauptsächlich eine Funktion: Schön und prägnant, aber auch nicht zu auffällig zu sein - schließlich spielen viele stundenlang am Stück.

«Musik für den Mainstream und die Computergeneration», kritisiert dann auch ein Mann, der sich «Klavierprofessor» nennt, beim Online-Verkaufsportal Amazon. Uematsus Musik sei anspruchslos und geistlos. Viele andere Käufer sehen das nicht so: Die CD sei eine «Brücke zwischen zwei Welten», schreibt der User «doc10nut»: «Das Verdienst des Pianisten Benyamin Nuss wird einmal sein, dass er (...) den Computerkids einen neuen und attraktiven Weg in den Konzertsaal bahnt.»

Benyamin Nuss

Frank Brempel

Standort Aachen der Kölner Hochschule für Musik und Tanz

Computerspielemuseum

A MAZE

SoundTrack_Cologne

news.de/dpa

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