So., 27.05.12

«Adams Erbe» 01.04.2011 Kein Liebesroman über die Liebe

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (Foto)
Die wirklich großen Momente liegen in den kleinen humorvollen Beschreibungen der Romanhelden und der geschichtsträchtigen Persönlichkeiten. Bild: Diogenes

Von news.de-Mitarbeiterin Katharina Bott

Adam Cohens große Liebe verschwindet 1938 während der Reichspogromnacht plötzlich aus Berlin. Adam macht sich auf die Suche nach ihr. Astrid Rosenfeld verknüpft in ihrem Debüt Adams Erbe zwei Lebensgeschichten zu einem wunderbaren Roman.

Wie ein Roadmovie liest sich die Kindheit Edward Cohens: Er wuchs in einer Berliner Wohnung bei Großmutter, Großvater und Mama auf. Die Großeltern erinnert er an den einstigen Bruder des Großvaters Adam, auf den die beiden Alten allerdings nicht gut zu sprechen sind. Den Liebhaber der Mutter, Jack Moss, ein amerikanischer Haudegen und Elvis-Imitator, mag die Großmutter ebenso wenig. Denn der charmante Jack luchst deutschen Hausfrauen auf Wochenmärkten den letzten Pfennig aus der Tasche und pfeift sonntags den Elefanten im Zoo ein Liedchen. Mama, Edward und Jack pfeifen schließlich auf die stets nörgelnde Großmutter und verlassen das traute Heim und Berlin.  Ein Jahre andauernder Streifzug von einem dubiosen Geschäft des neuen Ziehvaters zum anderen - quer durch Deutschland - beginnt.

Erst 2004, als die Großmutter stirbt, kehrt der nun erwachsene Edward, inzwischen Besitzer einer angesagten Berliner Modeboutique, in das großelterliche Haus zurück. Auf dem Dachboden findet er einen an eine gewisse Anna Guzlowski adressierten Stapel Papier - geschrieben von seinem Großonkel Adam Cohen. Der Großonkel gilt als das schwarze Schaf der Familie, denn 1938 verschwand er plötzlich mit dem gesamten Familienerbe. Edward beginnt auf dem Dachboden zu lesen: Die zweite und eigentliche Geschichte im Buch beginnt - Adams Geschichte.

Die Suche nach der Liebe

Adams Aufzeichnungen schildern seine traurige Liebes- und Lebensgeschichte, die dennoch mit viel Witz erzählt wird. Adam wächst ebenso wie sein Großneffe Edward im Haus der Großmutter auf. Der ebenso naive wie mutige Adam verbringt als Großmamas Liebling viel Zeit mit der exzentrischen alten Dame. Die dem Likörchen nicht abgeneigte Lady kann in den Gesichtern der Menschen lesen, kommt zu aberwitzigen und treffenden Einschätzungen und bringt diese Gabe auch dem jungen Adam bei:

«‹Adolf (gemeint ist Hitler, Anm. d. Red.) säuft, ich war mit einem Säufer verheiratet, ich weiß, wovon ich spreche. Der Itzige hat gesoffen, und Hitler säuft auch.› Aber das machte die Sache nicht leichter, im Gegenteil. Bei einem Säufer wusste man nie so genau, was er als Nächstes tun würde. Bussler zitterte immer wie ein junges Kalb, wenn wir über Adolfs Alkoholproblem diskutierten.»

Schließlich verliebt sich Adam, doch die Jüdin Anna Guzlowski verschwindet spurlos in der Reichspogromnacht. Und weil Adam seine Liebste suchen muss, wird Adam Cohen zu Anton Richter, Rosenzüchter im Garten des berüchtigten Generalgouverneurs der polnischen Gebiete Dr. Hans Frank auf Schloss Kressendorf in Polen. Und tatsächlich findet er Anna. Ihre Spur endet im Warschauer Ghetto. Adam rettet sie zu einem hohen Preis: Er wird Anna niemals wieder sehen.

Edward Cohen, der Nachgeborene im heutigen Berlin, wird Anna jedoch finden und ihr sein Erbe anvertrauen. Das klingt kitschig, ist auch herzergreifend. Doch durch die Art und Weise des Erzählens ist Adams Erbe soviel mehr als eine tragische Liebesgeschichte. In diesem druckfrischen Debütroman verknüpft die 33 Jahre junge Berliner Schriftstellerin Astrid Rosenfeld gekonnt zwei Liebes- und Lebensgeschichten miteinander. 

Ein Debüt voller skurriler Gestalten

Sie verwandelt die Buchseiten in einen dichtgewebten, bunten Teppich, auf dem der Leser mühelos durch die Zeit reist - vom heutigen Berlin bis ins Berlin der dreißiger Jahre. Die besten Zeilen finden sich fraglos auf den Seiten, die von Adam berichten. Denn die Kunstfertigkeit in Rosenfelds Erzählstil besteht vor allem darin, dem Tieftraurigen gekonnt Humor beizumischen, ohne das Geschehen ins Lächerliche zu ziehen. Darin erinnert sie an den großen George Tabori, und an unvergessliche Filmminuten in Benignis Das Leben ist schön.

Im Roman Adams Erbe wimmelt es von skurrilen Gestalten, vor allem von grotesken Nazis. Dank ihnen wird die Geschichte nicht schwarz-weiss gemalt, sondern immer in fein nuancierten Grautönen. Sie stellen das Geschehen in ihrer ganzen Absurdität dar: So bleibt der einarmige Geige spielende Nazischerge Bussler auf Lebzeiten ein Freund der jüdischen Familie. Und auch der Rosen züchtende Obernazi und Massenmörder Hans Frank, der Chopin mag, ist ein Widerspruch in sich, ein Monster.

Astrid Rosenfeld, die ein schreibendes Handwerk nie erlernt hat, arbeitet derzeit schon an einem neuen Roman. In einem Interview auf der Buchmesse Leipzig erzählte sie, Deutsch wäre nie ihre Stärke gewesen. Ihr Deutschlehrer lache sich schief, wenn er erführe, dass sie ein Buch geschrieben habe. Schmunzeln wird jeder, der diesen wunderbaren Debütroman zur Hand nimmt - schmunzeln mit einer Träne im Knopfloch.

Titel: Adams Erbe
Autor: Astrid Rosenfeld
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 384 Seiten
Preis: 21,90 Euro
Erscheinungsdatum: 22. Februar 2011

bok/eia/ivb/news.de
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