Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff
Mit seinem halbdokumentarischen Film The Green Wave lässt der Deutsch-Iraner Ali Samadi Ahadi die im Sommer 2009 blutig niedergeschlagenen Aufstände im Iran Revue passieren. Ein guter Zeitpunkt - denn die Proteste im Iran gelten als Vorbild für die aktuellen Umbrüche in Afrika.
Dunkel legt sich die Nacht über die Häuser Teherans: ein Meer erleuchteter Fenster. Über allem thront der riesige Fernsehturm Milad - ein Zeichen der Macht, erbaut von den Mächtigen. Doch diese wanken, das ist im Bild sichtbar an dem leichten Flackern, das in dieser Nacht über der Stadt liegt: So scheint es tatsächlich so als würde der Turm wackeln. Vor allem aber ist hörbar, dass etwas geschieht in Teheran: Rufe gellen durch die Nacht. «Allahu Akbar - Gott ist groß» verkünden mutige Menschen im Schutz der Dunkelheit von ihren Dächern. Damit loben sie nicht nur ihren Gott, sondern sie kritisieren ihre Regierung - ein Aufruf der Revolutionäre gegen Präsident Ahmadinedschad und seine gefälschte Wahl.
Bilder wie dieses gingen im Sommer 2009 um die Welt, in Nachrichtensendungen und -sendern wie CNN und BBC. Doch in dem Film des Deutsch-Iraners Ali Samadi Ahadi ist etwas anders: die Szenerie ist gezeichnet.
The Green Wave ist eine Dokumentation über die ereignisreichen Wochen im Sommer 2009 im Iran. Am 12. Juni fand dort die Präsidentschaftswahl statt und Teheran stand kurz vor einer Revolution. Die Erinnerung an die Fernsehbilder von demonstrierenden Studenten und offen Gewalt anwendenden Milizionären sind fast schon wieder verblasst, doch der Film kommt zu einem perfekten Zeitpunkt in die Kinos: Die Parallelen zur aktuellen Protestwelle in Nordafrika sind bedrückend.
Bedrückend deshalb, weil sowohl The Green Wave als auch Tunesien, Ägypten und nun Libyen uns so offensiv vor Augen führen, wie wenig wir uns mit dem Schicksal der Menschen in den arabischen Ländern auseinandersetzen. Wir glauben, die ganze Zeit bestens über das dortige Geschehen Bescheid zu wissen, wie in Nordafrika: Liveticker im Internet, ARD-Brennpunkte und Youtube halten uns immer auf dem neuesten Stand. Aber wir fühlen nichts dabei. Wir sehen blutende Menschen, lesen von hunderten Toten - und beißen in unser Butterbrot. Und jetzt, wo Mubarak und Ben Ali abgetreten sind und Gaddafi folgen könnte, wollen wir am liebsten nichts mehr davon hören. Und vor allem wollen wir keine Flüchtlinge in unserem schönen Europa.
Darauf baut auch dieser Film: Arabiens Träume von Freiheit sind weit weg und da wollen wir sie auch lassen. Doch The Green Wave lässt uns nicht so einfach entkommen, mit Gewalt wirft der Film uns mitten hinein in die Probleme junger, freiheitssuchender Iraner. Anhand der Studenten Kaveh und Azadeh zeigt er typische Schicksale: beide landen als Regime-Gegner im Gefängnis, werden gefoltert, mißhandelt.
THE GREEN WAVE teaser (German) from Jan Krueger on Vimeo.
Dabei war es dem Regisseur Ali Samadi Ahadi nicht wichtig, wahre Personen abzubilden, sondern beispielhaft zu erzählen. Was seinen fiktiven Charakteren im Sommer 2009 zugestoßen ist, ist so oder so ähnlich hunderten, vielleicht tausenden Iranern widerfahren. Das Konzept geht auf: Geschickt setzt er Comic-Szenen ein, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu bieten, sich in die Hauptfiguren hinein zu versetzen. So sind die gezeichneten Szenen die bewegendsten des Films, das grauenvolle Schicksal der vielen Menschen, die nichts anderes wollten als ein wenig mehr Freiheit, ist erschütternd. Folterszenen, Schüsse auf offener Straße, Polizisten und Milizionäre, die auf Motorrädern sitzend mit großen Messern auf Demonstranten einstechen, wirken verstörend und rütteln wach.
So lässt The Green Wave den Zuschauer nicht kalt. Noch dazu, wenn er weiß, dass der Regisseur einen Großteil seiner Informationen aus Blogs hat - wahre Geschichten, die unter größtem Risiko das Land verlassen habe. Andererseits ist die Dokumentation ein wenig überambitioniert. Der Film nimmt sich sehr ernst, was die meisten Zuschauer wohl eher abschrecken wird. Ginge der Regisseur noch einen kleinen Schritt weiter, würde er komplett auf Comic-Darstellung setzen und auf die für eine Dokumentation typische Einbindung von Interviews verzichten, dann hätte der Film mehr Potenzial: Glorreiches Vorbild wäre die großartige israelische Dokumentation Waltz with Bashir. So aber bleibt The Green Wave hinter den Möglichkeiten zurück.
Titel: The Green Wave
Regie: Ali Samadi Ahadi
Filmlänge: 80 Minuten
FSK: ohne Alterseinschränkung
Verleih: Camino
Kinostart: 24. Februar 2011
Wir verlangen mit Recht von Iran, dass er kritisch mit seiner Politik umgehen muss. Das müssen wir aber auch mit unseren Filmen. So sehr uns Hoffnung und Emotionen in dem Film auch berühren, bleiben viele Fragen offen. Eine Dokumentation der iranischen Propagandasendung Press TV zu den Wahlen 2009 war selbst objektiver als der Beitrag des Demokraten Ali Samadi. Dort kamen im Gegensatz zu Samadis Film alle Kandidatenanhänger zu Wort. "Green Wave" basiert dagegen ausschließlich auf den Darstellungen der Grünen Bewegung. Eine Analyse,die kritisch mit dem Film umgeht: http://tinyurl.com/Gr-Welle
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