Literatur Dan Chaons Thriller «Identität»

Dan Chaons Thriller «Identität» (Foto)
Dan Chaons Thriller «Identität» Bild: dpa

Reinbek (dpa) ­ Drei Menschen streifen ihr altes Leben ab wie einen alten Mantel: Der junge Ryan verlässt seine Adoptiveltern auf Nimmerwiedersehen, um mit seinem leiblichen Vater Jay in einer einsamen Hütte in den Wäldern als Identitätsräuber die Konten anderer Menschen abzuräumen.

Reinbek (dpa) ­ Drei Menschen streifen ihr altes Leben ab wie einen alten Mantel: Der junge Ryan verlässt seine Adoptiveltern auf Nimmerwiedersehen, um mit seinem leiblichen Vater Jay in einer einsamen Hütte in den Wäldern als Identitätsräuber die Konten anderer Menschen abzuräumen.

Miles durchquert die Staaten auf der Suche nach seinem seit Jahren untergetauchten schizophrenen Zwillingsbruder Hayden, während sich Lucy von ihrem attraktiven Lehrer verführen lässt, mit ihm in die Einsamkeit Nebraskas abzutauchen.

Die Lebenswege dieser Aussteiger überkreuzen und verknoten sich in Dan Chaons atemberaubendem Thriller «Identität» so kompliziert, dass es einige Konzentration erfordert, sie nachzuvollziehen. «Personen scheinen aus einer Geschichte in die nächste zu spazieren. Tauchen auf, spielen einen Part, verschwinden», schreibt ein Rezensent treffend. Am Ende fühlt sich der Leser substanziell verunsichert. Und das ist so beabsichtigt, geht es doch in der Geschichte um eine der großen Gefahren der Gegenwart: um den Verlust von Identität im Universum des Internets, in dem ein Mensch schnell zur «namenlosen physischen Gestalt» mutiert, «die sich austauschen und austauschen und austauschen ließ, bis nur noch Moleküle übrig waren».

Als zentrale Figur des Thrillers erweist sich Miles Zwillingsbruder Hayden, der, so wird der aufmerksame Leser erfahren, auf seinem rastlosen Trip durch die Länder in zahllose neue Rollen schlüpft und eine verbrecherische Spur hinter sich her zieht. Lucy und Ryan hingegen erleben ihren Aufbruch zu neuen Ufern bald als Horrortrip. Während sich Identitätsräuber Ryan von skrupellosen Verfolgern bedroht sieht, beobachtet Lucy mit erkaltenden Gefühlen, wie sich der Geliebte vom charismatischen reifen Mann in einen angstwinselnden Betrüger verwandelt.

Niemand scheint der zu sein, der er zu sein vorgibt in diesem Psychodrama von beängstigender Aktualität. «Als ob man die Teile seines Lebens, die man nicht mehr haben will, einfach wegwerfen kann. Tja, manchmal denke ich, so steht es mit uns als Gesellschaft. Wir wissen Beziehungen nicht mehr zu schätzen.» Da werden Spuren eines Menschen zu «unbedeutenden Laufmaschen im Gewebe des großen Ganzen». Und wenn der 46 Jahre alte Autor aus Ohio nicht wenigstens einige seiner Figuren am Ende gerettet hätte, wären verstörte und deprimierte Leser zurückgeblieben.

«Ich habe lange darauf gewartet, dass jemand mal ein richtig gutes Buch über Identitätsraub schreibt, und ich bin sehr froh, dass Dan Chaon es nun getan hat», urteilte Bestsellerautor Jonathan Franzen über den Thriller. Die Tatsache, dass «Identität» ­ fast ­ ohne Blutvergießen auskommt, tut der Spannung keinen Abbruch.

Dan Chaon

Identität

Rowohlt Verlag, Reinbek

400 Seiten, 14,95 Euro

ISBN 978-3-8625-2003-9

news.de/dpa

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