Von Yuriko Wahl
Demenz nimmt rasant zu. Kaum eine Familie ist nicht betroffen. Pflegekräfte fehlen, Angehörige sind überlastet. Das Zweite weist nun mit zwei Dokus auf die Krankheit des Vergessens hin.
Sepp Friedrich ist orientierungslos. Dieter Hartmann hat keinen Schimmer, was er vor fünf Minuten gesagt hat. Seniorin Helga kümmert sich Tag für Tag um ihre verwirrte Freundin Dorit. Und Gabriele Briem steht ihrem pflegebedürftigen Mann auch zur Seite, wenn er um sich schlägt und schreit. Demenz prägt ihr Leben.
Rund 1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an der unheilbaren Krankheit, die am häufigsten als Alzheimer auftritt. Viele pflegende Angehörige klappen zusammen. Demenz ist längst Volkskrankheit, Tendenz stark steigend. Im Fernsehen macht man bisher noch einen Bogen um das Thema. Das ZDF zeigt nun die Dokumentation Reise ins Vergessen - Leben mit Alzheimer.
«Es gruselt einen», sagt Seniorin Helga im Film über die Wesensveränderung der immer hilfloseren Freundin Dorit. Ihre gesamte Zeit und Kraft - vom morgendlichen Anziehen bis zum Ins-Bett-Singen am Abend - schenkt die 74-Jährige ihrer langjährigen Freundin. «Das schaff' ich nicht auf die Dauer», weiß sie.
Ohne Familien bricht das System zusammen
Die Filmemacher Uta Claus und Bodo Witzke haben für ihren Zweiteiler zum 1. und 8. Februar mehrere Menschen mit Demenz und deren Angehörige begleitet. Ihr Beitrag macht klar: Ohne den aufopfernden Einsatz der Familien bricht das Pflegesystem zusammen. Und ohne mehr Unterstützung für die Pflegenden brechen die Angehörigen zusammen.
Die leisten oft Übermenschliches, sind noch dazu belastet mit Kassenabrechnungen oder Pflegestufen-Bürokratie. Da wuchtet die zierliche Gabriele Briem mit Hilfe einer Nachbarin Tag für Tag den schweren Ehemann vom Bett in den Rollstuhl, der schlägt und schimpft. Hoffnung hat sie keine, aber Angst: «Seine Krankheit bleibt nicht stehen. Es wird weiter eine Stufe nach unten gehen.» Irgendwann wird er wohl nicht mehr schlucken und kauen. Bei fortgeschrittener Demenz werden Erinnerungen ausradiert, der Patient weiß nicht mehr, wo und wer er ist, wird immobil, verliert alle erlernten Fähigkeiten.
«Der Anstieg der Demenzkranken ist eine tickende Zeitbombe für unsere alternde Gesellschaft», meint das ZDF. Und zeigt die beiden 45-Minuten-Beiträge zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. «Alzheimer ist eines der relevantesten gesellschaftlichen Themen überhaupt», sagt der Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen, Heiner Gatzemeier. Auf die gesamte Gesellschaft rolle ein immenses Problem zu. Parallel zur Doku will der Mainzer Sender auch in anderen Sendungen über das Thema informieren.
Stille Helden
Deutschland stehe vor einem Kraftakt, sei aber längst nicht gerüstet für die anstehenden Herausforderungen, betont der Demenzforscher und Münchner Mediziner Professor Hans Förstl. Jedes Jahr erkranken 300.000 Menschen neu. «Hauptrisiko ist das Alter.» Jede zweite Frau und jeder dritte Mann müsse damit rechnen, an der Altersverwirrtheit zu leiden. «Frauen haben ein erhöhtes Demenz- Risiko, weil sie eine höhere Lebenserwartung haben», erklärt Förstl. Medikamente müssten billiger werden, auch wenn sie nicht heilen, aber doch den Verlauf etwas verzögern oder die Symptome lindern können.
In der ZDF-Doku bekommen Betroffene eine Stimme. Und der Zuschauer sieht, was die Angehörigen daheim leisten - stille Helden, die Hochachtung verdienen. «Als Filmemacher stehen wir auf der Seite der pflegenden Angehörigen», sagt Autor Witzke und verlangt mehr Hilfe und finanzielle Unterstützung für sie. In Deutschland werden rund 60 Prozent der Demenzkranken zu Hause gepflegt. Autorin Uta Claus hofft, dass die Doku aber auch klarmacht: «Wir müssen alle viel mehr mit ran, um das Problem menschlich zu lösen.»
Reise ins Vergessen - Leben mit Alzheimer, Dienstag, 1. Februar 2011, 20.15 Uhr, ZDF.
ruk/ivb/news.de/dpa
Now that's sbutle! Great to hear from you.
jetzt antwortenKommentar meldenGerade gestern Nachmittag waren wir, mein Mann und ich, bei einem guten Freund ( 75 Jahre), der im vergangenen Herbst die " Reise ins Vergessen" angetreten ist. Einfach so, ohne Vorwarnungen!! Plötzlich konnte er die Gabel zu Mittag nicht mehr halten, sich nicht mehr richtig bewegen, es war Alles weg!!Vor einem halben Jahr war er mit seiner Frau noch zum 70. Geburtstag meines Mannes mit dem Auto bei uns!! Inzwischen hat er nach Krankenhausaufenthalt und einer Kur mit, bei der ihm seine Frau begleitet hatte, seine Hilfe zu Hause gefunden. Seine Frau leistet " Unheimliches" !! Hut ab!!
jetzt antwortenKommentar meldenHallo, wir sollten uns einmal Gedanken über die Ursachen der häufigen Krebs- und Demenzerkrankungen machen!! Alle Erkenntnissen von angesehenen Wissenschaftlern z.B. über den Mobilfunk und die AKW-Strahlungen werden nicht so ernst genommen wie es nötig wäre. Wir brauchen zum Naturschutz endlich auch den Menschenschutz !! Die Reinhaltung von Luft, Boden und Wasser werden sträflich vernachlässigt, die bestehenden Grenzwerte sind willkürlich und die Schwelle viel zu hoch.... mfg.Lilo
jetzt antwortenKommentar meldenSie koennen den Film auch auf der ZDF-Website sehen: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1215846/Maenner-als-Gewinner-der-Emanzipation#/beitrag/video/1237246/Reise-ins-Vergessen---Teil-1
jetzt antwortenKommentar meldenSendung verpasst- schade. Sehe leider keine Wiederholung dieser Sendung im Programm! Gut, dass dieses Thema so klar aufgegriffen wird! Die stillen pflegenden Helden verdienen in dieser Weise dargestellt zu werden. Gut, wenn auch sie durch sensible und engagierte Mitmenschen nicht selber in Einsamkeit und Isolation geraten.
jetzt antwortenKommentar meldenein heisser tipp: http://www.ilsewobistdu.at/ - ein weiterer Film zu diesem wichtigen Thema
jetzt antwortenKommentar melden