Von news.de-Redakteur Martin Walter - 28.01.2011, 07.13 Uhr

YouTube-Film: Das Leben der Erde in 24 Stunden

Einzigartiges Experiment: Der Dokumentarfilm Life in a day komponiert aus tausenden Videos das Leben der Menschen weltweit an einem Tag. Entstanden ist ein beeindruckender Film, der im Internet Weltpremiere feierte und nur dort zu sehen ist.

Eine Szene aus Life in a day: Ein kleines Mädchen mit Motorradhelm. Bild: Screenshot news.de (Youtube)

Es klingt nach einer völlig unrealistischen Anstrengung: Das Leben der Menschen dieser Erde zu dokumentieren, an einem einzigen Tag, an tausenden Orten weltweit, zusammengefasst in einem einzigen Film von 90 Minuten Länge. Doch Tausende von Hobbyfilmern folgten einem Aufruf des britischen Regisseurs und Dokumentarfilmers Kevin MacDonald und ließen mit ihren ganz persönlichen Videos des 24. Juli 2010 ein so noch nie da gewesenes Projekt wahr werden.

Entstanden ist daraus der Film Life in a day, ein gewaltiges Potpourri an Bildern, Eindrücken und Emotionen aus allen Teilen der Welt, der jetzt auf dem Sundance Film Festival in Utah seine Weltpremiere feierte und von Internetusern weltweit über das Videoportal YouTube verfolgt werden konnte.

Alltägliches und Außergewöhnliches

Es ist ein Film der Kontraste: Zu sehen sind lebenslustige Ziegenbauern, die mit ihrer Herde durch die karge Berglandschaft Zentralasiens ziehen, ein lateinamerikanischer Junge, der sich und seine Familie mit Schuhputzen ernährt, fröhliche afrikanische Frauen, die singend ihrem Tagwerk nachgehen, ein Koreaner, der mit seinem Rennrad seit Jahren die Welt bereist und von der Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea träumt, ein desillusionierter Familienvater in den verdreckten Slums einer Großstadt, der trotz aller Widrigkeiten an einen tieferen Sinn seines Lebens glauben mag.

Zu sehen sind Menschen in ihren alltäglichsten Dingen: Beim Zähneputzen und Frühstücken, während der Arbeit und beim Spielen, lachend und weinend. Aber auch die erhabenen Momente des Lebens: Die Geburt eines neuen Menschenkindes, der Heiratsantrag, das bestandene Studium, die Eheschließung. Alles geschehen und gefilmt innerhalb eines einzelnen Tages.

Atemberaubenden Aufnahmen idyllischer Natur folgen Bilder aus den Slums der Metropolen, dem stolzen Lamborghini-Besitzer steht die verhärmte indische Marktfrau gegenüber. Nahtlos aneinandergeschnitten reihen sich Liebesglück und Trauer, die Geburt eines Giraffenbabys und die brutale Schlachtung einer Kuh. In zig Variationen ist zu sehen, wie Menschen den Tag begrüßen, wie sie sich aus dem Bett quälen, sich ihre unterschiedlichsten Frühstücke zubereiten und auf welch vielfältige Weise sie ihren Kaffee kochen.

Alltäglich und außergewöhnlich

Life in a day ist ein Film, der zeigt, wie ähnlich wir Menschen uns sind, und wie sehr wir uns gleichzeitig doch unterscheiden. Ein Film, der Einblick gibt in den Alltag der Menschen, wie es jeder andere Dokumentarfilm und erst recht jedes fiktionale Werk nicht tun könnte. Doch MacDonalds Streifen liefert mehr, als die bloße Skizzierung von Eindrücken und Geschehnissen an diesem einen Tag. Vielmehr vermag er es, mittels seiner natürlichen Authentizität, einen realen Blick in die Leben der Menschen zu geben, die sich durch ihre eigenen Videos als Protagonisten beworben haben. In wenigen Sekunden begreift der Zuschauer oft mehr, als tausend Worte erzählen könnten, was Life in a day zu einem der Filme macht, die man selbst gesehen haben muss, um sie in ihrer Gesamtheit fassen zu können.

4500 Stunden Material aus 192 Ländern

Menschen auf der ganzen Welt konnten am 24. Juli 2010 Ausschnitte aus ihrem Leben festhalten und via YouTube bei den Machern von Life in a day einreichen. Heraus kamen 80.000 Filmschnipsel aus über 192 Ländern, ein Gesamtmaterial von 4500 Stunden. Die Endversion des Films enthält Sequenzen aus über 1000 Clips von YouTube-Usern aus der ganzen Welt. Um den Film zu einem global repräsentativen werden zu lassen, hatte das Team um Regisseur MacDonald vorher über 400 Kameras in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verteilen lassen.

Der britische Dokumentarfilmer und Produzent Ridley Scott haben daraus in monatelanger Kleinarbeit einen Film geschaffen, in dessen Mittelpunkt die Fragen «Was liebst Du?», «Was fürchtest Du?» und «Was bringt Dich zum Lachen?» stehen.

Ein historisches Experiment

Es sollte ein historischer Versuch sein, «ein einzigartiges Experiment im Bereich des kollaborativen Filmemachens, das den zukünftigen Generationen zeigen wird, wie es war, am 24. Juli 2010 auf dieser Welt zu leben», wie Regisseur MacDonald das Projekt angekündigt hatte. Ausgerechnet an dem Tag, als auf der Loveparade in Duisburg ein tragisches Unglück 21 junge Menschen in den Tod riss. Auch den Ablauf der dramatischen Geschehnisse auf der Technoveranstaltung dokumentiert der Film anhand des eingesandten Videomaterials.

Inzwischen sicherte sich National Geographic die Rechte an dem Streifen und will den Film pünktlich am Jahrestag des Experiments am 24. Juli 2011 auch auf die amerikanischen Kinoleinwände bringen. Im Internet gibt es den Film vorab zu sehen. Für alle, die die Premiere um 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit verpasst haben, zeigt YouTube noch einmal eine Wiederholung des Streifens in voller Länge.

Life in a day, heute, 19 Uhr, bei YouTube (http://www.youtube.com/lifeinaday).

ruk/ivb/news.de

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