Von news.de-Mitarbeiter Paul Salisbury
Männerfreundschaften scheinen oft simpel, stellen sich bei näherer Betrachtung aber manchmal als durchaus kompliziert heraus. Kevin James und Vince Vaughn zeigen im Kinofilm Dickste Freunde, warum eine Herrenbeziehung mindestens genauso anspruchsvoll wie eine Ehe ist - und keineswegs nur zum Lachen.
Manche Filme entpuppen sich als echtes Überraschungs-Ei. Wähnt man hinter dem neuen Film mit King-of-Queens-Star Kevin James und Vorzeige-Sprücheklopfer Vince Vaughn etwa eine typische leichtverdauliche Männerkomödie à la Kindsköpfe, wird einem spätestens nach der Hälfte des Streifens klar: Hier geht es hochdramatisch her. Und man muss sich zwangsläufig wie bei jeder Überraschung fragen: Ist es eine der guten oder eine der schlechten Sorte? So richtig beantworten kann man dies erst am Ende des Films. Aber da sind wir ja noch nicht, also erst einmal schön der Reihe nach.
Nick (James) und Ronny (Vaughn) sind seit dem College beste Freunde. Darüber hinaus sind sie in ihrer gemeinsamen Firma für Autoteile Arbeitskollegen und haben Großes vor: Sie wollen den Autoriesen Chrysler dazu bringen, für eine neue Serie von Elektroautos ihre Software zu kaufen, die jeden Öko-Antrieb wie einen 12-Zylinder klingen lässt. Der Deal ist zum Greifen nah.
Und auch privat läuft es prächtig für die Buddies. Nick ist seit Jahren glücklich mit der Augenweide Geneva (großartig in ihrer Rolle: Winona Ryder) verheiratet und Ronny steht kurz davor, seiner Langzeitfreundin Beth (Jennifer Connelly) endlich einen Antrag zu machen. Dazu braucht er ein lauschiges Plätzchen und findet es im botanischen Garten. Zu blöd nur, dass paradiesische Gärten gemeinhin auch Orte der Sünde sind, und so muss Ronny während seiner Suche nach der perfekten Stelle für seinen Kniefall mit ansehen, wie Nicks Ehefrau Geneva dort einen Fremden küsst.
Ein echtes Dilemma
«Sag ich’s ihm oder sag ich’s ihm nicht?» An dieser Frage hängt für Ronny nun sowohl sein privates als auch sein berufliches Glück. Denn Tüftler Nick steckt mitten im Entwicklungsprozess der Motorensoftware und jede Störung könnte in dieser Phase das Scheitern des Vorhabens Chrysler-Auftrag bedeuten. Je länger Ronny allerdings zögert, umso komplizierter wird alles. Immer tiefer verstrickt er sich in einem Netz aus Ausreden und Notlügen. Solange bis nicht nur Ronnys Freundschaft zu Nick gefährdet ist, sondern auch seine Beziehung zu Beth.
Der Orignaltitel The Dilemma (das Dilemma) fasst die Handlung des Films um einiges treffender zusammen als der deutsche, bei dem man meinen könnte, zwei Kumpel müssten gemeinsam zur Abspeck-Kur antreten. Ronny steckt in einer echten Zwangslage und der Film nimmt seinen inneren Konflikt trotz der obligatorischen Lachnummern durchaus ernst. Ron Howard, der Regisseur des Films und Schöpfer Oscar-prämierter Werke wie Apollo 13 oder A Beautiful Mind, ist nicht unbedingt ein Komödienspezialist und so treffen die dramatischen, emotionalen Szenen auch häufiger ins Schwarze als die vielen eingestreuten Gags.
Komödie oder was?
Letztlich glückt der gar nicht einfach zu bewerkstelligende Balance-Akt zwischen Komödie und Drama aber, vor allem dank der überzeugenden Darsteller. Besonders der zuletzt häufig auf den großmäuligen Kindskopf reduzierte Vince Vaughn erinnert den Zuschauer als schuldbeladener bester Freund auf rührende Weise, dass er mehr kann als stetig den ewigen Spaßmacher zu geben. Eine echte Entdeckung ist Channing Tautum als Ehebrecher Zip, bei dessen vermeintlich eindimensionalem Charakter der Schein ähnlich trügt wie bei der Vermarktung dieses Films.
Am Ende kann man getrost sagen, dass die hier servierte Überraschung alles in allem eine positive ist, die beweist, dass an einem alten Zitat über das humoristische Genre immer noch einiges dran ist: «Komödie ist Tragödie, die anderen Leuten geschieht.» Ein Dilemma der Art wie Ronny es hat, wünscht man in der Tat keinem seiner Freunde. Umso amüsanter ist es, einem erfundenen Mann im Kino dabei zu sehen, wie er damit von einem Fettnapf in den nächsten tappt. Ob das komisch genug oder gar zu rührselig für einen Männerabend im Kino ist, muss jede Herrenrunde für sich selbst herausfinden.
Titel: Dickste Freunde
Regie: Ron Howard
Darsteller: Vince Vaughn, Kevin James, Winona Ryder, Jennifer Connelly, Channing Tautum
Filmlänge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Universal
Kinostart: 27. Januar 2011