Von news.de-Mitarbeiterin Annika Einsle
Für ehrliches Fernsehen, gegen Quotenheische: Im Interview mit news.de spricht Wissensmoderator Ranga Yogeshwar über die Intelligenz der Masse und erklärt, warum ihn der Wetten, dass..?-Unfall nicht überraschte.
Herr Yogeshwar, welches war Ihr bisher aufregendstes Experiment?
Ranga Yogeshwar: Ich bin bei jedem Experiment aufgeregt. Das macht den Reiz aus. Aber es gab Experimente, die geblieben sind. Wie zum Beispiel eins, das Francis GaltonSir Francis Galton (1822 - 1911) war ein britischer Naturforscher und Schriftsteller. Er wurde 1909 zum Ritter geschlagen und war ein Cousin von Charles Darwin . vor über hundert Jahren mal gemacht hat. Und ich habe dieses Experiment im Internet wiederholt - es war ein Schätzversuch.
Und worum geht es da?
Yogeshwar: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Behälter, in dem bunte Kügelchen sind. Den würde ich Ihnen zeigen und sagen: «Raten Sie mal, wie viele da drin sind.» Und dann sagen Sie «2400», der nächste sagt «3600», und wenn man das mit ganz vielen Personen macht und den Mittelwert aller errechnet, dann stellen wir fest: Der ist fast genau da, wo die tatsächliche Zahl der Kugeln liegt. Das ist Magie - Intelligenz der Masse.
Sie haben auch mal einen Versuch mit einem Gekkomaten gemacht.
Yogeshwar: Ja, da bin ich die Wand hochgeklettert. Das sah wahrscheinlich spektakulär aus für Außenstehende. Aber ich habe viel Hochgebirgs-Bergsteigerei gemacht - insofern bin ich schwindelfrei und hatte keine Angst davor. Beim Gekkomaten war es aber deshalb spannend, weil ich an einer 70 Meter hohen Glasfassade von außen hochgestiegen bin. Und durch Glas kann man gucken. In dem Gebäude gingen Leute hoch, und ich konnte immer in deren Gesichter gucken. Der Blick dieser Menschen war seltsam, als warteten sie ein bisschen darauf, dass ich abstürze.
Wenn Sie gewagte Experimente machen, haben Sie dann Angst oder vertrauen Sie auf die Wissenschaft?
Yogeshwar: Ich habe keine Angst, sonst würde ich das Experiment nicht machen. Es ist auch so, dass ich sehr genau darüber nachdenke, was ich mache. Vor Kurzem war dieser
Unfall bei Wetten, dass..?. So etwas hätte ich nie gemacht. Nicht, weil man im Nachhinein schlauer ist, sondern weil zum Beispiel ein Experiment unter dem Zeitdruck einer Livesendung etwas anderes ist. Wenn Sie etwas machen,
das besonders ist, dann müssen Sie sich Zeit lassen.
Kürzlich vermeldete die Marktforschungsfirma Media Control, dass die TV-Sehdauer im vergangenen Jahr so hoch wie nie zuvor war (223 Minuten im Durchschnitt). Gleichzeitig boomen Formate wie DSDS oder Das Dschungelcamp. Macht Ihnen das - auch als Vater von vier Kindern - Angst?
Yogeshwar: Angst nicht, aber was wir sehen, sind drei Trends. Der erste ist, dass sich das Medienfernsehen inhaltlich entmündigt. Das heißt, das, was es einmal war - die große Hoffnung, dass wir mithilfe des Fernsehens mehr Bildung schaffen, vielleicht auch bildungsferne Schichten erreichen, eine Art Nachhilfeunterricht geben, politische Zusammenhänge klarmachen können und eine Plattform für einen gesellschaftlichen Dialog darstellen - wird immer mehr verdrängt von dem Gesetz einer Quote, das letztlich mit dünner Unterhaltung aufwartet.
Der zweite Punkt ist, dass wir neben dem Fernsehen auch das Internet haben, was in den nächsten Jahren alles überholen wird. Und damit haben wir die Fragmentierung der Gesellschaft, weil jeder nur noch in seinem «Kästchen» guckt.
Und das dritte ist, dass wir die Überprüfbarkeit der Qualität, der Authentizität, der Wahrheit zunehmend weniger haben. Die Medien sind selbstreferenziell, sie beziehen sich auf sich selbst. Ein Beispiel: Fernsehkanal A sagt etwas, Kanal B übernimmt es, und Kanal C zieht nach, weil A und B es haben.
Auf diese Art und Weise erleben wir zunehmend eine Fernsehlandschaft, die eigentlich nur noch in sich selbst lebt, die sehr wenig mit der realen Welt zu tun hat und die auf Dauer - und das ist das Gefährliche bei jungen Menschen, die zum Beispiel Wikipedia als Wissensbasis nehmen - überhaupt nicht mehr begreifen, dass es ein Qualitätsattribut gibt. Sie sollten sich immer fragen, ob die Information, die Sie dort sehen, wirklich echt ist.
Aber nicht alles, was bei Wikipedia steht, ist falsch und schlecht...
Yogeshwar: Aber man hat Experimente gemacht, in denen man bei Wikipedia Dinge eingestellt hat, die es nicht gibt. Die werden aber von anderen zitiert - also jeder schreibt von jedem ab - und irgendwann ist es die Masse, die etwas sagt. Wenn Sie dann nach etwas suchen - Sie googeln, wie man so schön sagt - dann stellen Sie fest: Alle sagen dasselbe, dann muss es wohl stimmen. Stimmt aber nicht.
Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung?
Yogeshwar: Meine Botschaft ist Authentizität, also prüfe Dinge selbst. Ein Beispiel sind die Hopi-Ohrkerzen, die hier überall verkauft werden - eine alte Tradition der Hopi-Indianer, wird behauptet. Aber so ist es nicht: Man muss nur mal bei den Hopi-Indianern nachfragen, ob sie eine entsprechende Tradition haben und dann wird man erfahren, dass es eine solche Tradition nie gegeben hat. Also manchmal
hilft einfach nachfragen.
Wenn Sie einen Tag lang das Fernsehprogramm bestimmen könnten - wie würde es aussehen?
Yogeshwar: Es gäbe garantiert keinen Dieter Bohlen, es gäbe wenig Talkshows, und ich glaube, mein Fernsehprogramm würde - was tragisch wäre - kurz nach Mitternacht enden und erst am späten Nachmittag oder frühen Abend auf Sendung gehen. Dazwischen gäbe es nichts. Das wäre die Aufforderung: Mach mal was anderes!
Und inhaltlich?
Yogeshwar: An einem Tag ändern Sie die Welt nicht. Aber es wäre das Bemühen, an der einen oder anderen Stelle etwas ehrlicheres Programm zu machen. Also zum Beispiel einfache Dinge zu erklären. Natürlich darf auch Humor da sein, aber es wäre nicht dieses selbstbezügliche Fernsehen. Und bei meiner Talkshow gäbe es Personen, die Sie nicht kennen und die nicht schon Woche für Woche in anderen Talkshows gelungert haben.
Sie haben einen Großteil dazu beigetragen, Wissenschaft in den Medien populär zu machen und gelten als wichtiger Vertreter des «Infotainments».
Yogeshwar: Ja, das steht so im Internet. Das Wort «Infotainment» finde ich furchtbar. Ich bin kein Vertreter des «Infotainments», weil ich gar nicht weiß, was das ist.
Gut, dann nennen wir es Wissensvermittlung. Zuletzt wurden Sie vom Medium Magazin zum Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2010 geehrt. Und auch alle großen Zeitungen haben mittlerweile Wissenschaftsteile. Sehen Sie sich da als eine Art Vorbild?
Yogeshwar: Nein. Das erste ist: Wer in den Spuren eines anderen geht, kann ihn nie überholen. Also: Vorbilder sind nie sehr reizvoll. Das zweite ist: Habe die Leidenschaft für das, was du tust. Am Anfang freuen Sie sich über die Ehrungen, aber irgendwann kriegen Sie so viele Auszeichnungen und Preise, dass es nicht mehr wichtig ist. Das Wichtige ist die Leidenschaft für die Sache.
Nach Ihnen ist sogar ein Kleinplanet benannt.
Yogeshwar: Ja, aber er weiß nichts davon (lacht).
Wie kam es dazu?
Yogeshwar: Ein Astronom hat ihn entdeckt und nach mir benannt. Das fand ich nett, sehr rührselig, ich habe den Mann auch irgendwann kennengelernt. Aber man sollte sich nichts darauf einbilden.
Wenn Sie Bücher schreiben und Ihre Shows vorbereiten, empfinden Sie das als Arbeit oder leben Sie den Wissenschaftsjournalismus so sehr, dass es Ihnen leicht von der Hand geht?
Yogeshwar: Ein Buch schreiben ist richtig Arbeit. Das hat wenig mit der romantischen Vorstellung zu tun, dass man das herunterdiktiert. Nein, man muss eine Geschichte richtig bauen, man muss gucken, ob sie stimmt und man muss mehrfach Hand anlegen. Man muss einen Text reifen lassen und überlegen, ob man sich wirklich korrekt ausgedrückt hat. Mit Sprache zu arbeiten ist wirklich Arbeit. Eine schöne Arbeit, aber es ist Arbeit.
Und wenn Sie in die Bücher schauen, dann stellen Sie fest, dass ich oft nicht einfach nur ein Faktum erkläre wie in einem Lexikon, sondern versuche, Dinge in Zusammenhang zu bringen. Es ist immer eine Schwierigkeit, es so zu vereinfachen, dass es verständlich, aber nicht verfälscht wird.
Die zweite Herausforderung ist, dass es um unterschiedliche Inhalte geht. Ob Sie einen kurzen oder langen Artikel zu einem Thema schreiben, ist völlig egal. Sie müssen dieselbe Recherche machen. Und bei 108 Kapiteln - wie in meinem ersten Buch - oder den kurzen Sendungen von Wissen vor 8 ist die inhaltliche Recherche enorm. Aber das ist ja auch der Spaß an der Sache. Und ich schreibe sie alle selber, da gibt es kein Team, keine Armee der Hilfsarbeiter.
Sie unterstützen auch verschiedene Projekte und engagieren sich unter anderem bei Schulen ans Netz. Worin sehen Sie die Gefahren im Internet?
Yogeshwar: Da gibt es einige Zonen, zum Beispiel das große Thema der Privatheit. Ein anderes großes Thema ist für mich aber auch, dass ein Großteil der Internet-Infrastruktur in amerikanischer Hand ist. Nichts gegen die Amerikaner, aber Google, Facebook, Microsoft, Apple und Wikipedia gehorchen alle den amerikanischen Gesetzen.
Ich finde es immer sehr bedenklich, wenn ein global umfassendes Netz - und das ist das Internet - plötzlich von einem Land bestimmt wird. Ich würde mir wünschen, dass es noch ein anderes Land gibt, um eine gewisse Unabhängigkeit zu garantieren. Als WikiLeaks da war, haben wir gesehen, wie schnell im Internet agiert werden kann.
Stellen Sie sich mal vor, Sie haben nicht ein demokratisches System, sondern ein diktatorisches. Wenn die Nazis das Internet gehabt hätten, dann wäre die Endlösung eine Frage einer Woche gewesen.
Ranga Yogeshwar (51) gehört zu den führenden Wissenschaftsjournalisten Deutschlands. Als Moderator zahlreicher Sendungen wie Quarks & Co, Wissen vor 8 und Die große Show der Naturwunder wurde er vielfach ausgezeichnet. In seinen Büchern Sonst noch Fragen? Und Ach so! geht er den Phänomenen des Alltags auf den Grund. Sein besonderes Engagement gilt den Themen Innovation und Bildung. Yogeshwar ist Mitglied in vielen Kuratorien und engagiert sich zudem aktiv in mehreren sozialen Projekten.
Menschen bei Maischberger: Dichter, Denker, Dumpfbacken: Deutschland setzen, 6!, u.a. mit Ranga Yogeshwar zu Gast, Dienstag, 25. Januar, 22.45 Uhr, ARD
Quarks & Co: immer dienstags, 21 Uhr im WDR
Wissen vor 8: dienstags bis freitags, 19.45 Uhr im Ersten
Ranga Yogeshwar: Ach so! Warum der Apfel vom Baum fällt und weitere Rätsel des Alltags, KiWi Verlag, 304 Seiten, 8,95 Euro, erschienen am 18. November 2010
Ranga Yogeshwar: Sonst noch Fragen? Warum Frauen kalte Füße haben und andere Rätsel des Alltags, KiWi Verlag, 240 Seiten, 8,95 Euro, erschienen am 2. April 2009
boi/news.de
Für mich ist Herr YOG. einer der wenigen Journalisten, die diesen Namen noch verdienen. Alles andere sind Sensationsre- porter, denen es nicht genug Tot und Elend geben kann und die nicht recherchieren, sondern lieber noch ein paar Tote drauflegen um Ihre Quotengier zu befriedigen nach dem Motto "Es muß doch möglich sein, Tschernobyl zu übertreffen". Gegen diese Hatzjäger ist Dieter Bohlen allerdings ein Sandkasten-Spielkind, das im Fernsehen weniger Unheil anrichtet als diese Wichtigtuer. Es kotzt mich mittlerweile an, diesen großmäuligen dummen Idioten zuzuhören.
jetzt antwortenKommentar meldenHerr Ranga Yogeshwar ist ein kluger Kopf,ein Denkphänomen! Verbindet Spurensuche bei TV interessiert,solvent anspruchsvollen Sehern/Seherinnen mit Erstaunen, Neugier und oft auch mit verbleibender,offener Sprachlosigkeit. Nicht nur mitsehen,sondern auch mitdenken ist angesagt, wird angeregt und verbindet so mindestens zwei Parteien der TV Zuschauer zu einem Konflikt, den im Endeffekt jeder für sich selber austragen sollte. Anregung statt Aufregung. Wo liegt hier das Problem?
jetzt antwortenKommentar meldenRanga hat einfach nur recht, da gibt es nichts hinuzufügen!
jetzt antwortenKommentar meldenherr yogeshwar ist doch nichts anderes, als der dieter bohlen im wissenschafts-mäntelchen, der selbst in zahlreichen talk-shows "rumlungert".
jetzt antwortenKommentar meldenherr yogeshwar ist doch nichts anderes, als der dieter bohlen im wissenschafts-mäntelchen, der selbst in zahlreichen talk-shows "rumlungert".
jetzt antwortenKommentar meldenSorry, aber warum würden dann Arbeitslose auf der Staße rumlungern und sich besaufen? Ich bin (leider noch immer) arbeitslos und habe gewiss anderes zu tun als am Nachmittag fernzusehen. Mein Fernseher läuft nie vor 19.00 Uhr. Im Internet bin ich ein oder zwei Stunden vormittags, das reicht mir dann auch. Aber schön, dass Sie dazu beitragen dieses Klischee zu erhalten, da freuen sich die Hartz IV - Hetzer.
jetzt antwortenKommentar meldenJa, da hat der gute Yogeswar der Lauf der Zeit aus dem gekrümmten Raum vergessen. Unser Fernseh- ist ein Zeitvertreib für eine der größten Gruppe gedacht, die Rentner. Außerdem (es wurde schon erwähnt) es sind Arbeitsplätze, und wenn nur uralte Filme, über RTL oder die anderen Privaten, ausgestrahlt werden, erfühlt den Zweck. Grüße Theodor Fabian.
jetzt antwortenKommentar meldenein glück das dieser herr nicht über fernsehzeiten zu entscheiden hat sonst würden noch mehr arbeitslose auf den strassen rumlungern und sich sinnlos betrinken
jetzt antwortenKommentar meldenHerr Yogeshwar möchte die Sendezeit des Fernsehens so wie etwa in den 50ziger Jahren. Aber auch er als guter Naturwissenschaftler kann die Zeit nicht anhalten. Der Zeitbegriff ist eine Erfindung des Menschen wegen der Strukturierung seines Lebens. Die Natur oder besser Materie kennt den Zeitbegriff nicht.
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