Fernsehen Ein biederer «Lear» in Hamburg

Ein biederer «Lear» in Hamburg (Foto)
Ein biederer «Lear» in Hamburg Bild: dpa

Im offenen Seidenkimono, die Haare lang und strähnig, schaukelt er am Seil, das von der Decke hängt. Väterlich zärtlich blickt er dabei auf seine Lieblingstochter Cordelia (Julia Nachtmann), die sich an ihn schmiegt.

Hamburg (dpa) - Im offenen Seidenkimono, die Haare lang und strähnig, schaukelt er am Seil, das von der Decke hängt. Väterlich zärtlich blickt er dabei auf seine Lieblingstochter Cordelia (Julia Nachtmann), die sich an ihn schmiegt.

Dieser Lear (Markus John) ist nicht wie üblich ein steinalter Mann, sondern ein Macher in den besten Jahren, der vom Ausstieg aus den Geschäften träumt. Von seiner Souveränität auch in Zukunft wirkt er jedoch überzeugt, als er sich entschließt, seinen Besitz unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Mit dieser sinnfälligen Szene beginnt Regisseur Georg Schmiedleitner seine Deutung von Shakespeares wohl düsterster Tragödie «König Lear» von 1606 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Bei der Premiere am Samstagabend spendete das Publikum reichlich Applaus. Dennoch vermochte der Abend nicht durchweg zu überzeugen: Im Laufe der gut drei Stunden scheint Schmiedleitner seinen Ansatz zu vergessen und lässt sein großes, ihm wacker folgendes Ensemble eher bieder vom Blatt spielen. Dabei sorgen Unstimmigkeiten und die Verwendung so altbackener Theatermittel wie lautes Deklamieren, wüstes Gerangel, nackter Busen, viel Blut und jede Menge Plastikwassereimer, mit denen Lear sein eigenes Seelen-Unwetter inszeniert, für äußere Turbulenzen. Mitempfinden mit einem Verblendeten, der sein Unglück dank mangelnder Menschen- und Liebeskenntnis selbst heraufbeschwört, lässt es weniger.

Wahnsinn und Tod sind bei Shakespeare der Preis für Lears Unreife. Der erkennt: «Der Mensch ist nur ein wildes Tier.» Dazu schildert der große Dramatiker, wie eine ganze Welt aus den Fugen gerät - ein familiäres Unrecht eine Kette von Sünden und Zerstörung nach sich zieht. In Hamburg unterstützt das Bühnenbild von Florian Parbs diesen Gedanken auf recht plakative Weise. Bereits als Johns wuchtiger Lear die wahrhaftige Cordelia verstößt, gellt ein Schrei und die Pappwände kriegen den ersten Riss. Später verkommen die vermeintlich festen Mauern immer mehr zu kreisenden Ruinen, auf denen der Narr (Jana Schulz) mit Papierkrone turnt und weise spottet. Dann wird alles schwarz.

www.schauspielhaus.de

news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig