«Der gefrorene Rabbi» Vom Eisheiligen zum Medienguru

Neuer Roman von Steve Stern: Der gefrorene Rabbi erzählt die Reise eines vereisten Juden vom Schtetel in die USA. Der Wiederaufgetaute erwärmt sich für den großen amerikanischen Traum und avanciert vom Frömmler zum Powerkapitalisten.

Der gefrorene Rabbi (Foto)
Steve Sterns Roman wurde von Friedrich Mader aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen. Bild: Blessing

«Beim Abendessen, das sonst im Zeichen monotoner Erzählungen seines Vaters über Geschäftsprobleme und dem gelangweilten Desinteresse seiner Frau stand, nuschelte Bernie: ‹In der Tiefkühltruhe liegt ein alter Mann.› Eigentlich hatte er gar nicht davon anfangen wollen. Wenn seine Eltern dort unten im Keller ein schmutziges Geheimnis hatten, ging ihn das nichts an. Was hatte ihn also dazu getrieben, damit herauszuplatzen?»

Bernie Karp ist ein kleiner verfressener Teenager aus Memphis (Tennessee), der sich eigentlich für rein gar nichts interessiert - außer für Selbstbefriedigungstechniken. Diese führen ihn eines Tages auf der Suche nach einem Stück williger Leber zur Kühltruhe der Familie. Was sich ihm zwischen Rinderbraten und Pommes-, Häppchen- und Erbsenschachteln offenbart, ist ein sehr merkwürdiges Familienerbstück: Ein gefrorener Rabbi, der aussieht, «als würde er ein gemütliches Nicherchen halten».

Wer jetzt an Mord, Totschlag und Krimi denkt, liegt weit daneben. Denn vor den Augen des pubertierenden Amerikaners taut der seit über 100 Jahren zu Eis erstarrte Rabbi auf. Der Frömmler versank einst zuerst in Meditation und dann in einem russischen Teich - wo er schließlich gefror. Als Wunder gefeiert und Eisblock-Reliquie verehrt, wurde er von da an von Generation zu Generation weitergereicht.«Er ist ein Andenken.» Mr. Karp verfiel in Verteidigungshaltung: «Angeblich bringt er Glück.».

Bernie nimmt sich des dank eines Stromausfalls auferstandenen Talisman der Familie an. Begierig liest er im beiliegenden Buch zum Rebbe die Geschichte seines erwachten Urahns Elisier ben Zephir - sein Großvater schrieb sie einst nieder - und versucht, die jüdische spirituelle Mystik zu erkunden. Er reift zu einem religiösen Menschen. Der greise jüdische Gelehrte indes wandelt sich in gleichem Maße zu einem kapitalistischen, sexhungrigen Guru.

Der bereits durch seine irrwitzigen Geschichten bekannte Stern entspinnt so in seinem jüngsten Werk einen abermals skurrilen amerikanischen Gesellschaftsroman. Und erzählt ganz nebenbei noch 100 Jahre jüdische Geschichte. Denn im Mittelpunkt des Plots steht keineswegs der gefrorene Rabbi. Seine größten Momente hat der Roman während der - in Rückblenden - atmosphärisch dicht erzählten Reise des unterkühlten Judens.

Die oftmals schlimmen Einzelschicksale der Behüter des frostig-frommen Mannes werden zugleich ulkig und dennoch mit dem nötigen Ernst geschildert. Die dabei gekonnt eingeflochtenen jiddischen Begriffe und der sprichwörtliche, trockene jüdische Witz tragen dabei sowohl zum humoresken Grundtenor als auch zur Authentizität des Romans bei. Darum wird der preisgekrönte Autor in den USA übrigens auch als Nachfolger des großartigen Isaac Bashevis Singer gehandelt.

Wer sich allerdings vom Klappentext verführen ließ und viel Klamauk in der Jetztzeit erwartet, der wird ganz sicher enttäuscht. Denn die Erzählfreude Sterns über jüdische Vergangenheit drängt die skurrile eigentliche Story in den Hintergrund. Dem Autor geht schlicht das Erzähltemperament durch: Der vielversprechende irrwitzige Romananfang erstarrt in einem allzu konstruierten Ende. Wer sich für osteuropäisch-jüdische Folklore und Geschichte interessiert und jiddischen Humor mag, dem sei das Buch dennoch empfohlen.

Autor: Steve Stern
Titel: Der gefrorene Rabbi
Verlag: Blessing
Seitenzahl: 480 Seiten
Preis: 21,95 Euro
Erscheinungstermin: Januar 2011

car/ivb/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig