Lesetipp Irgendwo in Afrika

In Afrika lautet der harmlose Titel von Heinz Strunks viertem Buch. Auf dem Umschlag finden sich possierliche Abbildungen von afrikanischen Tieren - selbst das Krokodil grinst. Doch trotz der äußeren Erscheinung ist das Buch alles andere als harmlos.

Heinz Strunk In Afrika (Foto)
Heinz Strunks viertes Buch ist eine deutsche Gesellschaftsstudie fernab von Deutschland - und ein wahres Lesevergnügen. Bild: Rowohlt Verlag

Heinz Strunk erreichte mit seinem Debütroman Fleisch ist mein Gemüse schlagartig deutschlandweite Bekanntheit. Dabei war er schon vorher nicht unbekannt. Als Gründungsmitglied des Hamburger Humoristentrios «Studio Braun» kann Heinz Strunk, ebenso wie die anderen Braunen Jacques Palminger und Rocko Schamoni, sich auf eine eingeschworen-treue Fangemeinde verlassen.

In Hamburg sind die drei schon längst ein fester Teil der kulturellen Szene, nicht zuletzt dank diverser Aktivitäten als Schauspieler, Regisseure und Autoren im Schauspielhaus. Von albernen Telefonstreichen in die Hochkultur, die Lebensläufe von Strunk, Palminger und Schamoni sind erstaunlich. Heinz Strunk ist inzwischen auch als Schriftsteller - eine Bezeichnung, die er sich selbst kaum geben würde, eher noch «Buchautor» - anerkannt. Die Literaturkritik liebt ihn, das Publikum liest ihn: Alle seine Bücher sind Bestseller. Mit In Afrika gelingt ihm wieder ein großer Wurf.

Weihnachten in Kenia

Dezember 2007. Heinz Strunk wird von seinem besten Freund C. überredet, über Weihnachten zu urlauben - in Afrika. Genauer gesagt in Mombasa, der zweitgrößten Stadt Kenias. Strunk lässt sich darauf ein, es wird aber schnell klar, dass er lieber zu Hause bleiben würde - erstmals seit vielen Jahren ist die Wahrscheinlichkeit einer weißen Weihnacht bei 85 Prozent, wer will da weg? Strunk, von Natur aus ängstlich, würde am liebsten möglichst wenig erleben. Überhaupt spräche eigentlich alles gegen Urlaub in Afrika. Seinem persönlichen Ranking zufolge kommt, wenn überhaupt, nur Urlaub in Asien in Betracht, selbst die Karibik ist Strunk zu dreckig. Afrika aber geht gar nicht:

«Wildtiere, Dschungel, Orakel, Ritualmorde. Opferblut/-tod/-gabe/-tier, Altäre. Hottentotten, Schamanen. Zulukaffer, Voodoo, schwarzes Wasser, Fehden. Feuer, Seuchen, Krieg», lautet die niederschmetternde Assoziationskette. Egal, Strunk fliegt trotzdem, ab Hamburg, sein Freund C. kommt aus Wien, Treffpunkt ist der Frankfurter Flughafen. Doch wegen des Schneechaos' an deutschen Flughäfen verspäten sie sich. Strunk schafft es soeben noch in den Flieger nach Mombasa, C. nicht. Tragisch für den Angstreisenden. Noch tragischer: Auch sein Koffer bleibt irgendwo auf der Strecke.

Also muss Strunk allein und ohne frische Kleidung die afrikanische Hotelanlage und vor allem dessen Bewohner besichtigen. In der Beschreibung offenbart sich dem Leser das größte Talent des Hamburgers: Die Beobachtung fremder Menschen und die ironische Wiedergabe dieser Beobachtungen beherrscht Strunk wie kein anderer. Jede im Buch auftauchende Person bekommt erstmal einen Spitznamen (die Wolfs, der Rouladenmann, Boneman), darauf folgt die passende Lebensgeschichte. Beziehungsweise erfindet Strunk anhand von Verhalten, Gesten oder schlicht dem Aussehen passende Lebensläufe: Ironiegetränkte Geschichten, die tief blicken lassen in Strunks Weltbild, in dem sich Depression und Witz verquer nah sind.

Strunk studiert anhand der anwesenden Urlauber die deutsche Gesellschaft und das falsche Verhältnis der westlichen Welt zum schwarzen Kontinent - eine bissige Gesellschaftsanalyse fernab von Deutschland und seinen Klischees und dabei ungemein treffend und voll bitterem Humor.

«‹Was gibt's Neues, Bursche?› - ‹Nichts›»

Übrigens passiert ansonsten im Nyali Beach Hotel nicht sehr viel. Gut so, schließlich hat Strunk kurz vor dem Urlaub gelesen, dass Urlaube, in denen nichts geschieht, am erholsamsten sind. So sollte es seiner Meinung nach bleiben, doch das wird es nicht. Aber erstmal versucht Strunk krampfhaft nicht zuzunehmen (auch wichtig, damit der Urlaub positiv erinnert wird), während Freund C. total erkältet und schlecht gelaunt einen Tag später ankommt und sich Hals über Kopf ans Büfett stürzt.

Die Dialoge zwischen den Freunden sind ein Fest - schon früh im Buch warnt Strunk den Leser vor dem ruppigen Ton zwischen ihm und C., und der Leser wird nicht enttäuscht. Die Gespräche sind klugscheißerisch, direkt, teilweise fies und unheimlich lustig. C. spricht Heinz Strunk grundsätzlich mit «Bursche» an, der antwortet grundsätzlich äußerst wortkarg - Strunk der Schweiger.

Weil nichts passiert, vertreiben sich Strunk und sein Freund die Zeit, indem sie ihr Geld in den umliegenden Casinos in Automaten versenken oder beim Black Jack verzocken. Strunk jeden Abend sturzbetrunken, C. aufgrund seiner Erkältung meist abstinent. Erst nach ein paar Tagen wagen sich die beiden aus dem Hotel heraus und fahren ins Stadtzentrum von Mombasa. Dort gehen sie - Überraschung! - ins Casino und verzocken ihr Geld. Viel mehr gibt die heruntergekommene, graue Stadt nicht her - bis auf ein paar Prostituierte und einen kleinen Bürgerkrieg, in den Strunk und C. am zweiten Weihnachtstag stolpern.

Bitterer Witz, Romantik und Tränen

In Afrika macht von der ersten Seite an Spaß. Auch wenn objektiv nicht viel geschieht, Heinz Strunks Art dieses Nichts zu beschreiben und mit Lebensgeschichten zu füllen, ist außergewöhnlich. Der bittere Humor des Hamburgers gefällt mit Sicherheit nicht jedem, doch wer über Zynismus lachen kann, wird dieses Buch lieben. Nicht zuletzt bleibt bei Strunk auch Raum für Romantik und Rührung, zweimal fließen beim Autoren Tränen, und die Liebe zur Kellnerin Lucy und vor allem zum besten Freund C. ist ehrlicher als in jedem Kitschroman.

Denn Heinz Strunks Buch ist nicht nur eine Studie der Deutschen und Afrikas, sondern ein Spiegel der Freundschaft zu C. Und die ist stark. Am letzten Abend in Afrika versprechen sich C. und Strunk einen gemeinsamen Lebensabend in ihrer Alters-WG:

«‹Kleine Stadthäuser, ein großer Garten, ein Brunnen. Und überall Olivenbäume.›

‹Olivenbäume?›

‹Ja, vielleicht.›

‹Wie wir's machen, machen wir's richtig. Wir bleiben bei uns.›»

Was für eine Liebeserklärung!

Autor: Heinz Strunk
Titel: In Afrika
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 272 Seiten
Preis: 13,95 Euro
Erscheinungstermin: Januar 2011

car/ivb/news.de

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