Zehn Jahre Wikipedia
Vom «primitiven Projekt» zum Netz-Giganten

Was vor zehn Jahren noch undenkbar war, ist längst selbstverständlich geworden. Wikipedia gehört heute zu den wichtigsten Nachschlagewerken. Doch im Jubiläumsjahr hat der Brockhaus des digitalen Zeitalters Nachwuchssorgen.

Unglaubliche Erfolgsgeschichte: Am 15. Januar wird die Internetplattform Wikipedia zehn Jahre alt. Bild: dpa

Was ist eigentlich Dioxin? Wer sich angesichts des aktuellen Lebensmittelskandals ausf√ľhrlich √ľber diesen Giftstoff informieren m√∂chte, greift heute sicher kaum mehr zum dicken Lexikon im B√ľcherregal. Im digitalen Zeitalter ist das n√§mlich viel schneller und vor allem aktueller m√∂glich: Ein Klick, und Wikipedia gibt bereitwillig Auskunft.

Vor zehn Jahren, als Internet-Unternehmen der ersten Stunde reihenweise pleitegingen, hätte wohl kaum jemand gedacht, dass so ein zuverlässiges Nachschlagewerk im Netz entstehen kann - und dass diesem nicht binnen Monaten das Geld ausgeht. Die Wikipedia hingegen setzte am 15. Januar 2001 zu ihrem Siegeszug an. Und so sind seitdem wie aus dem Nichts weltweit fast 18 Millionen Artikel in rund 270 Sprachen entstanden.

FOTOS: Witziges und Erstaunliches Die wunderbare Welt der Wikipedia

Unter ihnen befindet sich auch der √ľber «Polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane», wie die giftigen Dioxine wissenschaftlich korrekt genannt werden. Aber kann ein Text √ľber solch ein spezielles Thema auch zuverl√§ssig sein, wenn jeder Internetnutzer ihn einfach ver√§ndern und umschreiben kann? Das Grundprinzip der Wikipedia hat von Anfang an Kritik an dem Lexikon hervorgerufen.

Und das sicher nicht zu Unrecht: «Damals ist die Wikipedia wirklich als primitives Projekt gestartet», sagt Kai Oesterreich, ein erfahrener Wikipedianer, der sein Geld als promovierter Chemiker in T√ľbingen verdient und ehrenamtlich in der Chemie-Redaktion der Wikipedia mitarbeitet. «Meine ersten Artikel h√§tten heute keine Chance mehr, sie w√ľrden sofort gel√∂scht.» Zu hoch seien laut Oesterreich heute die Anforderungen an Relevanz und Qualit√§t.

Immer wieder wurden in der Vergangenheit aber auch F√§lle bekannt, in denen Autoren bewusst falsche Fakten in die Texte eingeschleust hatten. So mogelte ein anonymer Witzbold beispielsweise einen falschen Vornamen in die Wikipedia-Biografie des heutigen Verteidungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Besonders peinlich geriet dies f√ľr die Bild-Zeitung, die Guttenbergs fehlerhaften Namen in gro√üen Lettern auf der ersten Seite abdruckte.

Millionen-Spenden finanzieren das Wiki

In der Folge entstanden externe Aufpasser, die sich die Verbesserung der Internet-Enzyklop√§die auf die Fahnen geschrieben haben. So wie Wiki-Watch, ein Projekt der Europa-Universit√§t Viadrina in Frankfurt (Oder). Dort erf√§hrt der Leser beispielsweise, wann der Artikel erstellt wurde, wie viele Nutzer daran mitgearbeitet haben und bekommt dann eine Einordnung, wie vertrauensw√ľrdig die Infos sind.

Das Projekt, das im Oktober 2010 in der deutschsprachigen Wikipedia gestartet ist, erweitert seine Qualit√§tskontrolle jetzt auch auf die englischsprachige Ausgabe. «Den Millionen von Wikipedia-Nutzern bieten wir damit einen n√§heren Blick auf dieses faszinierende System, wie gut die Artikel bearbeitet wurden und von wem», erkl√§rte Wolfgang Stock vom Wiki-Watch-Projekt an der Europa- Universit√§t Viadrina in Frankfurt (Oder). Anhand verschiedener Algorhythmen errechnet Wiki-Watch, wie vertrauensw√ľrdig ein Artikel bei Wikipedia ist.

Der Eintrag √ľber Dioxin gilt demzufolge als zuverl√§ssige Quelle. Das d√ľrfte auch die 164.000 Nutzer gefreut haben, die das Stichwort in der ersten Januarwoche aufriefen. Denn auch √ľber die Besucherzahlen gibt Wiki-Watch bereitwillig Auskunft. Den Vergleich mit einem gedruckten Brockhaus-Eintrag muss der Text ebenfalls nicht scheuen: Vom Umfang her ist er fast 20 Mal so lang und unschlagbar aktuell: Der Skandal um dioxinverseuchtes Futterfett ist bereits erw√§hnt.

Der Dankbarkeit ihrer Nutzer √ľber so viel zusammengetragenes Wissen konnte sich Wikipedia, die sich einzig √ľber Spenden finanziert, auch bei der j√ľngsten Spendenkampagne sicher sein. Allein in Deutschland sammelte der Wikipedia-F√∂rderverein Wikimedia rund zwei Millionen Euro ein, dreimal so viel wie im Vorjahr. √úber die weltweit gespendeten 16 Millionen Dollar freute sich Jimmy Wales anl√§sslich des zehnj√§hrigen Bestehens: «Daher ist es so wichtig, dass wir das Jahr genau so starten k√∂nnen: mit einem gesicherten Budget, das Wikipedia und alle ihre Schwesterprojekte finanziell unterst√ľtzt und es uns erm√∂glicht, in die n√§chsten zehn Jahre unserer gemeinsamen Arbeit zu starten.»

Neulinge haben es schwerer als am Anfang

Rein rechnerisch könnte der deutsche Wikipedia-Ableger in zehn Jahren 2,6 Millionen Einträge haben, wenn wie bisher rund 400 neue Texte am Tag hinzukommen. Anders als in den Anfangstagen ist es inzwischen aber wesentlich schwieriger, als Einsteiger neue Inhalte beizutragen.

Der Soziologe Christian Stegbauer hat das «R√§tsel der Kooperation» in seinem gleichnamigen Buch untersucht und festgestellt, dass sich eine «Herrschaft der Administratoren» etabliert habe - einem kleinen Kreis von knapp 300 Mitarbeitern. Sie werden von der Wikipedia-Community gew√§hlt und haben besondere Rechte. Darunter auch das L√∂schen von Artikeln.

Dieser Zirkel hat strenge Regeln f√ľr Mitarbeiter formuliert - Stegbauer nennt sie gar eine «Produktideologie». In Deutschland ist vor allem die Relevanz immer wieder ein Streitthema. Die Liste mit Relevanzkriterien ist umgerechnet rund 30 DIN-A4-Seiten lang und formuliert Regeln f√ľr Hunderassen, Pornostars und Brauereien. Viele Neulinge blicken nicht mehr durch - und steigen aus. «Man will Leute, die keine Ahnung haben, drau√üen halten», sagt Stegbauer.

Und so hat Wikipedia im Jubil√§umsjahr Nachwuchssorgen. «Wir haben Millionen von Lesern. Aber verh√§ltnism√§√üig wenige wissen √ľberhaupt, dass sie mitmachen k√∂nnen», sagt Catrin Schoneville, Sprecherin des Wikipedia-F√∂rdervereins Wikimedia. Um Autoren zu gewinnen, investiert der Verein einen Teil der Spenden in Projekte f√ľr Studenten oder √§ltere Menschen, die aus dem Berufsleben ausgestiegen sind und nun ihr Wissen aus 40 bis 50 Berufsjahren mitteilen wollen. Die Art der Mitarbeit ist vielf√§ltig: Vom Bebildern der Artikel √ľber die Zusammenstellung von Bildersammlungen bis hin zur Korrektur von Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Eben alles, was zu einem Mitmachlexikon dazugeh√∂rt.

eia/ruk/news.de/dapd

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