Literatur Neue Biografien über Max Frisch

Zürich/Köln (dpa) ­ Max Frisch war vorbehaltlos neugierig. So heißt es in den legendären «Fragebögen» seiner Tagebücher etwa: «Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.» Oder: «Lieben Sie jemand?»

Neue Biografien über Max Frisch (Foto)
Neue Biografien über Max Frisch Bild: dpa

Zürich/Köln (dpa) ­ Max Frisch war vorbehaltlos neugierig. So heißt es in den legendären «Fragebögen» seiner Tagebücher etwa: «Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.» Oder: «Lieben Sie jemand?»

Fragen zum Leben und Schreiben des Schweizers selbst wollen zwei neue Biografien zum Auftakt des «Frisch-Jahres» mit dem 100. Geburtstag (15. Mai) und dem 20. Todestag (14. April) beantworten.

Gleichermaßen begeistert vom großen literarischen Identitätssucher legen Volker Weidermann mit «Max Frisch, Sein Leben, seine Bücher» und Ingeborg Gleichauf in «Jetzt nicht die Wut verlieren» die Ergebnisse ihrer Spurensuche vor.

Beide verblüffen mit sprachlichen Eigenheiten, die gerade beim Thema Frisch als Meister der stark verknappten, immer zurückhaltenden Sprache ins Auge fallen. «Der Roman "Stiller" ist ein Hammer, ein gewaltsames, ein gewaltiges Buch auch heute noch», knallt Weidermann eine seiner vielen Liebesbekundungen auf das Papier. Während der Feuilletonchef der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» nur hin und wieder mit solch lärmenden und zugleich inhaltsleeren Einordnungen irritiert («"Montauk" ist eine der schönsten Erzählungen über die Liebe, die es gibt»), kommt Ingeborg Gleichauf kaum mal eine ganze Seite ohne unbeholfene Sprachverrenkungen aus.

«Es gibt Briefe Frischs, die so intensiv sind, dass in ihnen seine Gefühls- und Gedankenlage zur Sprache kommt oder zwischen den Zeilen lesbar wird.» Kaum ist die «Gedankenlage» des Lesers nach dieser Information wieder einigermaßen im Lot, legt Gleichauf im selben Absatz nach: «Welch eine Welt sich da auftut in einem einzigen Brief, und was für ein Mensch sich zu erkennen gibt und sich verrätselt in einem, und das in der brieflichen Hinwendung zu einem Freund.»

Derlei immer und immer wieder vergällt die Lektüre dieser durchaus informativen, aber auch biederen Biografie. Eindeutig munterer und auch widersprüchlicher geht es bei Weidermann zu. Über die stürmischen vier Jahre des Schweizers mit seiner ebenso erfolgreichen und berühmten österreichischen Kollegin Ingeborg Bachmann Anfang der 60er Jahre erfährt der Leser hier eindeutig mehr. Den recht häufigen Wechsel seiner (immer jünger werdenden) Partnerinnen hat Frisch selbst ja mit atemberaubender Offenheit zum literarischen Thema in den Tagebüchern, vor allem aber im Spätwerk «Montauk» (1975) gemacht.

Hier erzählt er von einem Wochenende als 63-jähriger Ehebrecher mit der 33 Jahre jüngeren New Yorkerin Lynn. So offen, dass die Beziehung zur Ehefrau Marianne daran endgültig zerbrach. Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Montauk-Wochenende hat der Biograf Weidermann den literarisch berühmt gewordenen Frisch-Ausflug von New York zum Küstenort mit der Amerikanerin wiederholt und daraus eine interessante Reportage gemacht.

Lynn heißt in Wirklichkeit Alice Carey, ist inzwischen Mitte 60 und erzählt dem 25 Jahre jüngeren Biografen von ihrer Zeit mit dem «lebenssatten Europäer» Frisch. Ein halbes Jahr später sitzt Weidermann im Wohnzimmer von Marianne Frisch in Berlin-Friedenau, die sagt, «sie habe ihren Mann lediglich um die Eliminierung einiger Bösartigkeiten im Abschnitt über die verstorbene Ingeborg Bachmann gebeten». 1962 hatte die junge Marianne Oellers Frisch kennengelernt, als er mit Bachmann liiert war.

Weidermann erzählt detailliert vom Beziehungs-Auf- und ­Ab des Schriftstellers. Auch die Neugier von Biografielesern auf Frischs Verhältnis zum Geld (er hatte viel und gab gern), zum Alkohol (zu viel) und zu seinen Kindern (Literatur ging immer und Frauengeschichten wohl oft vor) wird unbefangen befriedigt.

Die Frage, ob Frischs Bücher von «Homo Faber» (1959) bis «Blaubart» (1982) Bestand haben, beantwortet der Biograf eindeutig: «Er hat sich immer wieder neu erfunden, hat die Beweglichkeit seines Denkens, die Zweifel an sich selbst in die besten seiner Bücher immer mit hineingeschrieben. Das hält sie lebendig, das macht sie modern.»

Volker Weidermann: Max Frisch - Sein Leben, seine Bücher. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 407 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-462- 04227-6

Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch - eine Biografie, Verlag Nagel & Kimche, Zürich, 271 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3-312-00989-3

news.de/dpa

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