Von Nadine Pilz
Was tun, wenn der Vater pflegebedürftig ist? Für Ira liegt die Antwort auf der Hand: natürlich zu Hause pflegen. Ihr Ehemann und ihr Papa sind darüber gar nicht begeistert. Katja Riemann brilliert in dem TV-Film Die fremde Familie.
Wohin mit Vater? Vor dieser Frage steht Ira Wolfens (Katja Riemann) in dem ARD-Drama Die fremde Familie (12. Januar, 20.15 Uhr). Welche emotionale Ausnahmesituation die häusliche Pflege von Angehörigen für eine Familie bedeuten kann, ist bekannt. Dass diese sich noch vertieft, je komplexer die Familienstrukturen sind, zeigt Regisseur Stefan Krohmer einfühlsam anhand eines Pflegefalls in einer Patchwork-Familie.
Riemann spielt die «gute Tochter», die den Vater trotz ihres schwierigen Verhältnisses bei sich aufnimmt. Der 80-Jährige Zyniker Robert (Fritz Schediwy), nach einem Sturz plötzlich pflegebedürftig, ist davon ebenso wenig angetan wie Iras Ehemann Marquard (Thomas Sarbacher). Ihr Vater will seine Selbstständigkeit um keinen Preis aufgeben, ihr Mann sieht die mit dem Auszug des Sohnes wiedergewonnene Freiheit in Gefahr.
Doch Ira, die seit ihrer Jugend verzweifelt um die Zuneigung ihres Vaters kämpft, setzt sich durch - nicht zuletzt in der Hoffung, ihm so doch noch näher zu kommen. Robert, der sie und ihre Mutter sitzen gelassen und eine neue Familie gegründet hatte, zieht ihr seit jeher seinen lebenslustigen Sohn Bernd aus zweiter Ehe vor. Dennoch will Ira den Vater nicht ins Heim «abschieben», sondern zu Hause pflegen. Die einzig bezahlbare Alternative für die Übersetzerin ist eine Pflegekraft aus Osteuropa, die schwarz für sie arbeitet und bei ihnen wohnt. «Mein Vater ist eine Zumutung», warnt Ira die junge, hübsche Elisaveta aus Rumänien.
Fremd in der eigenen Wohnung
Doch die lässt sich nicht abschrecken und so wird es in der behindertengerecht umgebauten Wohnung der Familie bald mächtig eng. Erst recht, als auch noch Halbbruder Bernd auftaucht, sich in die Pflege des Vaters einmischt und zu allem Überfluss ein Verhältnis mit Elisaveta anfängt. Für alle Beteiligten ist das unvermittelte und teils ungewollte Zusammenleben ein schwieriger Gewöhnungsprozess. Mit dem (Schwieger)Vater und der Pflegekraft ziehen gleich zwei «fremde»? Menschen in die Wohnung des Paares, und der Alltag aller Beteiligten verändert sich drastisch. Privatsphäre gibt es praktisch nicht mehr, und vor allem Marquard fühlt sich zu Hause nicht mehr wohl: «Ich krieg ja schon Beklemmungen, wenn ich diese Wohnung betrete - meine eigene Wohnung!»
Seine Stärke entfaltet das Familiendrama in den wie aus dem Leben gegriffenen Dialogen, die beim Zuschauer den Eindruck vermitteln, er sitze selbst mit am Küchentisch. Was die Darstellung der körperlichen und auch der psychischen Belastungen angeht, dürfte der Film jedoch noch deutlich hinter der Realität pflegender Angehöriger zurückbleiben - insbesondere die eigentliche Pflege wird nur pietätvoll angedeutet. Und nicht jede osteuropäische Pflegekraft dürfte so viel Kompetenz und perfekte Deutschkenntnisse mitbringen.
Katja Riemann dagegen überzeugt als pflichtbewusste Tochter, die auf der Suche nach väterlicher Anerkennung viel aufs Spiel setzt. Als ihr Mann darauf beharrt, dass der Vater doch ins Heim soll, heißt es: Dein Vater oder ich? Die Ehe der beiden endet dann aber doch sehr abrupt, zumal sie zu Beginn noch als sehr harmonisch und leidenschaftlich gezeichnet wird. Am Ende steht für Ira die Erkenntnis, dass manche Menschen trotz Verwandtschaft immer fremd bleiben und dass man Familie manchmal gerade da findet, wo man sie am wenigsten erwartet hätte. Dass es schließlich der Luftikus Bernd ist, der eine praktikable Lösung für das heimische Pflegechaos findet, ist unrealistisch und passend zugleich.
Titel: Die fremde Familie
Regie: Stefan Krohmer
Darsteller: Katja Riemann, Frank Sarbacher, Fritz Schediwy, Stephan Luca und andere
Sendetermin: Mittwoch, 12. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste