Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Die Kölner betreiben wieder Kapitalismus-Kritik. Ein Zeitungsverlag soll mit einem britischen Unternehmen fusionieren. Externe Berater sind im Haus, sorgen für Unruhe bei der Belegschaft. Unter Druck hat eine simple Moral und noch simplere Charaktere.
Also ein Fall aus der Medienbranche. Gab’s schon länger nicht mehr beim Tatort. Das Problem: Die Realität ist meist spannender als die Fiktion. Gedreht wurde Unter Druck unter anderem im Glaspalast des rheinischen Verlagsriesen DuMont Schauberg, bei dem gerade der Konflikt zwischen Altverleger Alfred Neven DuMont und seinem Sohn Konstantin eskaliert. Dagegen kann dieser Kölner Tatort nicht anstinken. Wie so oft am Rhein ist das Motiv ehrbar, die Umsetzung (Regie: Herwig Fischer, Buch: Dagmar Gabler) aber wieder einmal äußerst bieder geraten.
Immerhin bietet die Kulisse imposante Ausblicke. Vom Glasschiff des Verlagsgebäudes sieht selbst Köln recht ansehnlich aus. Im Bauch des Verlagsdampfers bläst derweil die Mannschaft zur Meuterei. Controller einer Consulting-Firma haben das Deck geentert. Einer der Anzug-Schnösel ging bereits wieder über Bord. Fiel über eine Brüstung. Besser: Wurde gefallen. Klar, dass jemand nachgeholfen hat. Vielleicht sogar Druckereichef Peters (Volker Weidlich), der für die Betriebs-Optimierer schwarze Listen mit «im Bedarfsfall frei zu stellenden Betriebsmitteln» anfertigen muss und sich deswegen vor lauter Selbstekel am liebsten in sein Aquarium mit den hübschen Zierfischen übergeben würde.
Angeführt wird die Controller-Truppe von der taffen Rita Landmann. Zum Glück wird sie von Claudia Michelsen gespielt, die durch Ambivalenz sogar die penetrante Häufung von Klischees einigermaßen erträglich macht. Frau Landmann muss ständig Power-Drinks in sich hineinschütten, mit ihren ewig bimmelnden Handys jonglieren und an der Strippe fix englischen Small Talk machen. Kein Wunder, dass Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) schwer genervt ist. «Ich kann diese Business-Tante nicht ausstehen», mault er. Bei Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) meldet sich dagegen wieder einmal die Libido: «Die macht auch nur ihren Job», entgegnet er. Keine Frage: Der Kriminaler ist fasziniert von der smarten Frau, die auch mal ganz spontan vor den Mitarbeitern den Business-Kittel mit den Kaffeeflecken abstreift und sich eine Putzfrauen-Uniform anzieht.
Ein Boxer
Der Fall selbst tritt dagegen auf der Stelle. Verlagsgeschäftsführer Lars Fraude (Johann von Bülow) ist ein harter Hund, der ohne Rücksicht auf Verluste die Fusion mit den Briten durchdrücken will. Fraude hat sich nach oben geboxt – ein Bild, das überflüssigerweise verdoppelt wird, wenn er in seinem Büro eine Punching-Birne malträtiert. Sein Gegenpart ist der Verleger Ludwig Brinkmann (Hansjürgen Hürrig), ein Patriarch der alten Schule, knorrig, aber irgendwie sympathisch. Untrügliches Anzeichen dafür: Wichtiger als die Geschäfte ist ihm die gerade geborene Enkeltochter. Die Guten haben in diesem Tatort Familie, die zwielichtigen Gestalten einen Sportwagen. Opa Schenk verzweifelt fast, weil er vor lauter Arbeit seiner Enkelin keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann. Und der nettere der beiden Schnösel-Berater jammert: «Weißt du, wie lange ich meine Kinder nicht mehr gesehen habe?» Darauf der andere: «Kinder? Du hast echte Kinder?»
Unter Druck ist mehr Anklage als Krimi. Die Charaktere sind in Schwarz-Weiß-Manier auf den Bildschirm gepinselt. Auf der einen Seite die raffgierigen «Optimierer» und ihre Speichel leckenden Helfer (schön quallig: Felix Vörtler als Personalchef), dort die ehrlichen Arbeiter, die um ihre Arbeitsplätze zittern. Sogar ein betriebsinternes Liebesdrama muss der Zuschauer erdulden. Anzeigenmitarbeiterin Elli Klein (Christine Heim) hatte sich auf eine Affäre mit dem Mordopfer eingelassen, wurde fallengelassen und hängt jetzt schluchzend am Telefon. Schon sehr fragwürdig, was in diesem Tatort alles verquirlt wurde. Bleibt die Schlagzeile: «Verlagskrimi aus Köln stinkt ab». Wir hoffen auf bessere Fälle. Möglichst schon in naher Zukunft.
Titel: Tatort: Unter Druck
Regie: Herwig Fischer
Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Claudia Michelsen, Johann von Bülow und andere
Sendetermin: Sonntag, 9. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste
Überzeichnet und klischeehaft ist der Tartort bestimmt. Es fehlt nur noch die Darlegung der Tatsache, dass die Ergebnisse solcher Untersuchungen in der Regel aus purem "Bullshit" bestehen. Eine wichtige Person in dem "Beraterspiel" fehlt übrigens: Der Vorstands-Schleimer. Er ist derjenige, der normalerweise die Aufträge an Land zieht und dafür sorgt, dass Argumente von Fachleuten aus Fachabteilungen gar nicht erst gehört werden. Ach ja, einer dieser idiotischen Projektnamen fehlt übrigens auch. "Fit for Fusion" könnte höchstens der Untertitel sein, damit man weiß, worum es eigentlich geht.
jetzt antwortenKommentar meldenSicher, die Personen sind überzeichnet. Aber das ist im Fernsehen erlaubt und wer Berger & Co. einmal selber im Haus hatte - mit ausgedrückten Zigarettenkippen der jungen Nadelstreifenträger im Orangensaftglas und nichtswürdigen Ergebnissen - weiß, dass es im Großen und Ganzen genauso abläuft! Ich jedenfalls hatte meinen Spaß am Tatort aus Köln. Empfehlung: Lektüre des Wirtschaftsmagazins "Wirtschaft und Markt", Sonderheft "Roland Bergers Gutachten: Ad acta gelegt". Untertitel: "Das Fehlurteil und seine glückhafte Mißachtung". Martin Bergner
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