Von news.de-Redakteur Martin Walter
Böse digitale Welt: Thomas Montasser wünscht sich in seinem Buch Weil die Erde keine Google ist das analoge Leben zurück. Eine humorvolle Kritik der gesellschaftlichen Abhängigkeit von Facebook, iPhone und Navigationsgeräten.
Dieser Mann scheint Mitleid verdient zu haben. Thomas Montasser, hauptberuflich als Literaturagent aktiv, kämpft allein auf weiter Flur gegen die Digitalisierung unserer Gesellschaft an. So zumindest hat es den Anschein. Selbst seine eigene Familie hat sich gegen den 44-Jährigen verschworen: Statt ein gemeinsames Glas Wein zu trinken, loggt sich seine Gattin lieber zum Chatten bei Facebook ein. Sein fünfzehnjähriger Sohn Philip hängt nur noch an seinem iPhone und die jüngere Tochter braucht mindestens einmal im Jahr einen neuen Mp3-Player. Vom Sklaventum, dem sich der Vater dank des neu erworbenen Navigationssystems im Auto unterwerfen muss, ganz zu schweigen.
Das ist für den technophoben Thomas Montasser zu viel des Guten: Der Familienvater holt zum großen Rundumschlag aus und zieht aus Sicht der Generation der 40- und 50-Jährigen über die Errungenschaften der digitalen Welt her. Daraus entstanden ist das Buch Weil die Erde keine Google ist - Lob des analogen Lebens.
Böse neue Technik-Welt
«War sie nicht schön, die gute alte Welt, in der ein Telefon noch ein Telefon, ein Bild noch ein Bild und ein Brief noch ein Brief war?», fragt Thomas Montasser sich und den Leser. Frei nach dem Motto «Früher war alles besser» bedient sich der Autor eines Stilmittels, das im Mittelalter als «Laudatio temporis acti» («Lob der vergangenen Zeit») bezeichnet worden wäre. Und ungefähr genauso verstaubt und veraltet müssen Montassers konservative Ansichten wohl auf einen Jugendlichen des 21. Jahrhunderts wirken.
«Die Digitalisierung hat unser ganzes Leben verändert», klagt der Autor, und hat mit dieser Aussage natürlich nicht unrecht. Die Geschwindigkeit, in der sich Technik und Lebensumstände unserer Welt im Internetzeitalter verändern, ist gigantisch. Und kein Wandel findet ohne Schmerzen statt. Die immer schnellere Entwicklung setzt in vielen Fällen ein blindes Vertrauen in die technischen Neuerungen voraus. Und so lässt Montasser auch nahezu kein Alltags-Element des digitalen Wandels aus: Navigationsgerät und Blu-Ray, E-Ticket und Onlinebanking, Spielekonsole und Spam-Mails, iPhone und Facebook, Google Street View und Cybersex.
Es ist ja durchaus ein populäres Eltern-Phänomen, allen Neuerungen des Lebens erst einmal mit Skepsis gegenüberzutreten und die blinde Technikbegeisterung der jungen Generation kritisch zu hinterfragen. Doch Thomas Montasser, der als Vertreter des Jahrgangs 1966 den digitalen Wandel von Anfang an miterlebte, geht es um mehr. Er geißelt nicht nur eine Entwicklung, mit der er selbst nicht mehr Schritt halten kann, sondern vor allem die Abhängigkeit davon, der sich unsere Gesellschaft offenbar freiwillig und bedenkenlos hingibt.
Lebensrettende Maßnahmen
Mit seiner zuweilen ironischen Analyse des eigenen Lebens trifft er in vielen Bereichen den Kern der Dinge und bringt den ertappten Leser zum Schmunzeln. Auch der Abdruck einer Gegendarstellung seines Sohnes, der sich gegen das von ihm vermittelte Image als «Technik-Junkie» erwehrt, zeugt von Humor. Doch wenn Montasser die «Zerstückelung unserer Welt und unseres Lebens durch die moderne Technik» anprangert, ist es ihm mit diesem Klagelied durchaus ernst.
Lob des analogen Lebens entwickelt sich zu einem Art Bashing gegen alles, was sich im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte im technischen Bereich an Neuerungen ergeben hat. Am Ende versteigt sich Montasser sogar dazu, dem Leser mit einem selbst entworfenen Fragebogen individuell vor Augen zu führen, wie sehr die elektronifizierte Welt ihn im Griff hat. Als Sofortmaßnahmen empfiehlt der Autor einen handschriftlichen Brief und ein abgeschaltetes Handy.
Autor: Thomas Montasser
Titel: Weil die Erde keine Google ist. Lob des analogen Lebens.
Verlag: Random House GmbH
Seitenzahl: 240 Seiten
Preis: 16,99 Euro
Erscheinungstermin: November 2010