Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Der sechsjährige Felix wird als schwer erziehbar abgestempelt. Dabei ist er Autist. Der ARD-Zweiteiler Der kalte Himmel erzählt die Geschichte des Jungen, der in den 1960er Jahren im bayerischen Hopfenland aufwächst. Ein sehenswertes Familiendrama und Sittenporträt.
«Schwererziehbare schicken wir gleich auf die Hilfsschule», bekommt Hopfenbäuerin Marie Moosbacher zu hören, als ihr Söhnchen Felix bei der Einschulung Ärger macht. Die Bäuerin hat längst gemerkt, dass ihr Bub anders ist als Gleichaltrige. Felix hat keine Freundschaften, lebt in seiner eigenen Welt und versteht oft nicht, was die Erwachsenen von ihm wollen. Aber er hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis und eine Vorliebe für Zahlen.
Dass Felix unter dem Asperger-SyndromAls Asperger-Syndrom wird eine Störung innerhalb des Autismusspektrums bezeichnet, die vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist. , einer Form des AutismusAutismus ist eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht. leidet, ahnen weder seine Eltern noch die Dorflehrer und der Arzt. Es ist das Jahr 1967, wir sind im bayerischen Hopfenland, da wird ein Kind wie Felix schnell für verrückt oder gar vom Teufel besessen erklärt.
Der Zweiteiler Der kalte Himmel (zu sehen am 3. und 4. Januar, jeweils 20.15 Uhr im Ersten) beschäftigt sich mit einem Thema, das an den Roadmovie Rain Man aus dem Jahr 1988 mit Dustin Hoffman und Tom Cruise erinnert. Hier wie dort geht es um die Annäherung an einen Menschen, der unfähig ist, sich in Gefühle und Gedanken seiner Mitmenschen hineinzuversetzen.
In Der kalte Himmel muss Hopfenbäuerin Moosbacher allerdings weite Wege gehen, bis sie sich mit der Besonderheit ihres Sohnes abfinden und damit leben kann. Sie begehrt dagegen auf, dass ihr Sohn als verrückt abgestempelt wird. Sie weiß, dass Felix kein Dummkopf ist. Eine Odyssee beginnt, in deren Verlauf der Junge einer Teufelsaustreibung unterzogen und von Psychologen gequält wird.
Der kalte Himmel ist eine Mischung aus Familiendrama und detailgenau ausgestattetem Sittenporträt. Im Mittelpunkt steht zwar die bewegende Geschichte Maries und ihres autistischen, aber hochbegabten Sohns Felix, zugleich aber wird ein Deutschland im Umbruch gezeigt: Während die Bäuerin fast noch wie im Mittelalter lebt, verändert sich in den Großstädten durch die Studentenunruhen und die Hippie-Bewegung die Gesellschaft massiv.
Autorin Andrea Stoll und Regisseur Johannes Fabrick nehmen sich Zeit und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, sich die Krankheit, die viel mit Strukturen und Mustern zu tun hat, visuell zu erschließen. Beeindruckend die Bilder, in denen Felix, in seiner eigenen Wahrnehmung gefangen, über die Hopfenfelder jagt, wie er zusammengekauert unter der Kirchenorgel sitzt und das mechanische Spiel der Pedale verfolgt, wie er still und heimlich, der Erwachsenenwelt den Rücken kehrend, Zahlenkolonnen notiert oder Gehörtes gebetsmühlenhaft rezitiert.
Christine Neubauer spielt Felix’ Mutter – ein ausdrücklicher Wunsch des Produzenten Nico Hofmann. Neubauer, bei Kritikern nicht immer unumstritten in ihren Rollen und mitunter belächelt, kann in diesem Fall ihre Stärken ausleben. Sie spricht den Dialekt, sie ist das Muttertier, das ohne Unterlass für den Nachwuchs kämpft, obwohl wissend, dass es keinen Weg zurück zur Normalität geben kann. Sie fährt schließlich mit Felix, dessen Rolle sich die Zwillinge Eric und Marc Hermann teilen, nach Berlin und folgt dort dem jungen Arzt Niklas Cromer (Tim Bergmann), der sich als erster Mediziner dem Jungen konstruktiv nähert. Mutter Marie und Cromer stellen fest, dass Felix über unglaubliche Fähigkeiten verfügt.
«Noch heute kommt es vor, dass bei autistischen Kindern Fehldiagnosen gestellt werden, die eher schaden als helfen», sagt Tim Bergmann im Interview mit news.de. Wirklich geheilt werden könnten diese Kinder sowieso nicht. Man könne nur versuchen, das Umfeld auf die Krankheit einzustellen. «Noch immer kämpfen unzählige Menschen darum, in ihrem Anderssein respektiert und geachtet zu werden. Für sie und ihre betroffenen Familien soll unser Film eine Botschaft sein», ergänzt Drehbuchautorin Andrea Stoll. Typisch für die betroffenen Menschen sei, dass sie nahezu unfähig sind, Freundschaften zu schließen. Ihre Mimik und Gestik ist eingeschränkt, ihre Bewegungen seien sparsam, mitunter stereotyp. Vor allem in ländlichen Regionen durchlaufen laut Stoll viele Eltern eine Odyssee an Arztbesuchen, zerbrechen Familien an der Belastung.
Zumindest für die, die den Zweiteiler Der kalte Himmel sehen, wird die Krankheit Autismus nach diesem Film kein Fremdwort mehr sein.
Titel: Der kalte Himmel
Regie: Johannes Fabrick
Darsteller: Christine Neubauer, Eric und Marc Hermann, Marcus Mittermeier, Tim Bergmann und andere
Sendetermin: Montag und Dienstag, 3. und 4. Januar, jeweils 20.15 Uhr, Das Erste
Lesen Sie auch unser Interview mit Tim Bergmann.
jpf/ivb/news.de
"Der sechsjährige Felix wird als schwer erziehbar abgestempelt. Dabei ist er Autist." Aha! Autisten sind demnach einfach erziehbar ?
jetzt antwortenKommentar meldenDieser Film hat mich tief beeindruckt! Christine Neubauer war nie meine Favoritin in Fernsehfilmen. Diese Rolle war ihr auf den Leib geschneidert und verdient Hochachtung. Außerdem konnte ich mich mit dem Thema Autismus noch mehr auseinandersetzen. Super war auch Rolling-Stones Musik und andere Oldies der Sechziger. Alles in allem ein beeindruckender Zweiteiler.
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