Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Umkämpfte Onlinewelt: Das Internet wächst und gibt damit reichlich Anlass für Streit und Zank. Denn auch abseits der epochalen Taten von Wikileaks geht es um Macht und Geld. Und manchmal um plötzlich einsetzende und äußerst steile Karrieren.
Es wächst schnell, das Netz. Und weil sich mit dem Netz Geld verdienen, Regierungen stürzen und Existenzen vernichten lassen, gibt es an vielen Online-Schauplätzen heftige Kabbeleien um Macht, Einfluss und eben Geld. Das zurückliegende Jahr brachte neben dem politisch hoch brisanten Material, das die Whistleblower-Plattform Wikileaks online veröffentlichte, teils höchst kuriose Streitigkeiten mit sich.
Da wäre der Streit zwischen Gema und Google, genauer deren Video-Portal YouTube. Die Rechteverwertungsgesellschaft will Geld von YouTube, mehr Geld als bisher. Nun streitet man sich schon seit Monaten. Die User haben derweil das Nachsehen, da einige Videos auf Verlangen der Gema vorerst gesperrt bleiben. Apropos gesperrte Videos: «Dieses Video enthält Content von Sony Music Entertainment. Es ist in deinem Land nicht verfügbar» ist einer der meist gesehenen Clips auf YouTube. Die Plattenfirmen setzen offenbar nicht auf die geballte Nutzerschaft von YouTube, sondern kochen lieber ihr eigenes Süppchen.
Dass die Kraft von YouTube ausreicht, aus Unbekannten Stars zu machen, hat auch Christian Horsters miterleben können. Der Mittfünfziger wurde von Freunden gefilmt, als er bei einer Feierlichkeit als Diskjockey die Grenzen der Erwartungshaltung sprengte. Das Video machte ihn als «DJ der guten Laune» berühmt. Die Nachwehen sind für ihn auch Monate nach dem Hype zu spüren. Horsters macht im TV Werbung für einen Baumarkt und tritt in diversen Fernsehshows auf.
Kleine sind nicht immer Großen unterlegen. Diese Erfahrung hat ein Hamburger Sportjournalist im Herbst gemacht. Über drei Jahre wehrte sich Oliver Fritsch als Betreiber des Amateurfußball-Videoportals Hartplatzhelden gegen den Deutschen Fußball-Bund und den Württembergischen Fußballverband. Die wollten erwirken, dass die Bildrechte an Kreisligaspielen bei den Fußballverbänden liegen und Aufnahmen davon nur auf deren Portalen veröffentlicht werden dürfen. Der Bundesgerichtshof hatte etwas dagegen, geniale Tore aus unterklassigen Ligen dürfen dementsprechend auch weiterhin auf Fritschs Portal veröffentlicht werden.
Höherklassiger Fußball wurde derweil während der WM in Südafrika gespielt. Da nicht wenige Vorrundenspiele bereits am Nachmittag angepfiffen wurden, waren die übertragenden Fernsehsender teilweise sehr überrascht, wie viele Interessenten so ein Livestream eines Fußballspiels anziehen kann. Doch nach anfänglichen Ruckeleien vor allem auf den Seiten des Ersten waren auch in den Büros die meisten Spiele in ordentlicher Qualität zu sehen. Der deutsche Nachmittagskick gegen Serbien (0:1) kurz nach dem Mittagessen war jedenfalls mit einiger Zeitverzögerung im Zweiten gut sichtbar.
Mindestens zwei politische Debatten waren im Jahr 2010 so zielgruppengerecht, dass sie auch wenig politikinteressierte Blogger oder Twitterati erreichten: Das unrühmliche politische Ende der sogenannten Netzsperren und die peinliche Posse um den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag erregten die Gemüter nicht zu knapp. Übrig blieb vor allem der Spitzname für Familienministerin Ursula von der Leyen. Sie wird seit ihrer Stoppschild-Kampagne in der Netzgemeinde nur noch Zensursula genannt.
Um Inhalte und nur um Inhalte ging es ebenso wenig in der Diskussion um die Internetangebote der öffentlich-rechtlichen Sender. Während beispielsweise die Redaktion der Tagesschau im Sommer aufgrund neuer Regelungen des Rundfunkstaatsvertrags einen beträchtlichen Teil ihrer Online-Archive in einer Depublizierung gehörig amputierten, reagierten findige Internet-Nutzer mit der umgehenden Wiederpublikation der gelöschten Inhalte auf den Seiten von Depub. Und dass die Zeitungsverleger erneut gegen eine kostenlose Smartphone-App der Tagesschau protestierten, wird sicher bald vergessen sein.
Und dann war da ja noch der Aufreger des Jahres. Opel-Autos mit Kamera-Stativ waren in den vergangenen zwei Jahren durch fast jede Straße der Republik gefahren, um Aufnahmen für Google Street View zu machen. Die 20 größten Städte Deutschlands sind nun abzüglich diverser stark weichgezeichneter Hausfassaden virtuell durchstreifbar. Eine kleine Umfrage auf einer Party an noch unbekanntem Orte ergab: Ziemlich genau 100 Prozent der Befragten hatte sich zuvor bei Street View informiert, wie denn das Haus aussieht, in dem man da feiert. Der große Rest von Deutschland wird die flächendeckende Einführung des Dienstes wohl auch neugierig erwarten.
eia/news.de