Literatur Vor 75 Jahren starb Kurt Tucholsky

«Ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten», so charakterisierte Erich Kästner einmal seinen Schriftstellerkollegen Kurt Tucholsky.

Vor 75 Jahren starb Kurt Tucholsky (Foto)
Vor 75 Jahren starb Kurt Tucholsky Bild: dpa

Berlin (dpa) - «Ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten», so charakterisierte Erich Kästner einmal seinen Schriftstellerkollegen Kurt Tucholsky.

Wortgewaltig stemmte sich Tucholsky, einer der meistgelesenen politisch-satirischen Autoren der Weimarer Republik, gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus. Aber auch mit liebevollen und populären Unterhaltungsgeschichten wie «Rheinsberg - Ein Bilderbuch für Verliebte» und «Schloss Gripsholm» erzielte er Bestsellerauflagen. Vor 75 Jahren, am 21. Dezember 1935, starb Tucholsky, geplagt von Krankheiten, vereinsamt im schwedischen Exil an einer Überdosis Tabletten.

Für Marcel Reich-Ranicki war Tucholsky «gewiss kein Genie, aber in der Geschichte der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ohne Konkurrenz». Der Humorist und Melancholiker, der Christian Morgenstern und Theodor Fontane bewunderte, sei der erfolgreichste Unterhaltungskünstler in der Geschichte des deutschen Journalismus, der gleichzeitig das Feuilleton politisiert habe, «eine außergewöhnliche Leistung».

Kaspar Hauser, Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger - Tucholsky schrieb unter vielen Pseudonymen. Er arbeitete für die «Weltbühne» und den von den Nazis verfolgten Carl von Ossietzky. Mit seinen bissigen Attacken gegen Spießermuff, Dummheit und Obrigkeitsdenken, gegen Speichellecker und Mitläufer, gegen Justizwillkür und Nationalismus machte sich «Tucho», wie ihn seine Freunde nannten, in seiner Heimat herzlich unbeliebt. Bis heute aktuell ist der Streit, den Tucholsky mit seiner Aussage «Soldaten sind Mörder» auslöste. Die Nazis bürgerten ihn aus und verbrannten seine Bücher.

Zum 75. Todestag zeigt das Tucholsky-Museum in Rheinsberg nahe Berlin eine Ausstellung über Tucholskys erste Ehefrau Else Weil, die in der Erzählung «Rheinsberg» (1912) als Claire zur literarischen Gestalt geworden ist. Diese Geschichte für Verliebte schrieb ein Mann mit leichter Hand, der sein Leben lang nur unglücklich verliebt war und ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen hatte - nicht zuletzt, weil er sich wie viele Künstler weigerte, «erwachsen» zu werden. Den frühen «Rheinsberg»-Erfolg konnte Tucholsky 1931 mit der Sommergeschichte einer Liebe zu dritt («Schloss Gripsholm») noch einmal wiederholen.

Tucholsky war ein glänzender Beobachter des Menschlichen- Allzumenschlichen. Er war auch Mitschöpfer des literarischen Chansons in Deutschland («Mutterns Hände», «Fang nie was mit Verwandtschaft an»). Mit liebevollem Zorn beschrieb er die Schwächen seiner Mitmenschen, besonders der ständig mit irgendetwas beschäftigten Berliner. «Ich liebe diese Stadt nicht, der ich mein Bestes verdanke, wir grüßen uns kaum», schrieb der Mann, der jahrelang gerne in Paris gelebt hatte, über das «Radauzentrum Berlin».

Mit Berlin und Deutschland verband ihn eine lebenslange Hassliebe. 1929 bejahte er aber in dem gemeinsam mit dem Politgrafiker John Heartfield veröffentlichten kritischen Band «Deutschland, Deutschland über alles» seine Heimat: «...nun wollen wir auch einmal Ja sagen, Ja - zu der Landschaft und dem Land Deutschland.»

In seinen letzten Lebensjahren resignierte er und hörte auf zu publizieren. «Gegen einen Ozean pfeift man nicht an», schrieb er. Schweden lehnte seinen Antrag auf Einbürgerung ab. «Er ging leise aus dem Leben fort, wie einer, der eine langweilige Filmvorführung verlässt, vorsichtig, um die anderen nicht zu stören», notierte Tucholsky in seinem «Sudelbuch».

Die letzten Bände der Tucholsky-Gesamtausgabe sollen nach Angaben der Tucholsky-Forschungsstelle der Universität Oldenburg voraussichtlich im Juli 2011 erscheinen. Seit 1996 sind bereits 20 Bände erschienen.

news.de/dpa

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