Keith Richards Ein Leben als Stinkefinger

Dass Keith Richards einmal 67 Jahre alt werden würde, hat er wohl selbst nicht geglaubt. In seiner Autobiografie Life blickt der Gitarrist der Rolling Stones zurück auf ein Leben voller Drogen, Frauen und Exzesse. Im Mittelpunkt steht trotzdem die Musik.

Keith Richards (Foto)
Keith Richards stichelt in seinem Buch immer wieder gegen Mick Jagger. Bild: Heyne

Der Mittelfinger von Keith Richards ist angeblich mit 1,6 Millionen Dollar versichert. Kein Wunder: Er braucht ihn nicht nur zum Gitarrespielen. Der Mittelfinger symbolisiert auch sein gesamtes Leben. Keith Richards ist die Verkörperung der Rebellion, des Aufbegehrens, der Unangepasstheit. Keith Richards ist Leck Mich.

Wie ein Stinkefinger prangt dann auch das Wort «Life» auf dem Buchrücken seiner gleichnamigen Autobiografie. Die ersten beiden Seiten sind ganz groß mit diesen vier Buchstaben bedruckt. In der Tat ist das wohl das Erstaunlichste am durch und durch spektakulären Leben von Keith Richards: dass er noch am Leben ist. Trotz aller Exzesse, Dummheiten und fast 50 Jahren als Mitglied der Rolling Stones. Und trotz der Tatsache, dass er die Top 10 der Rockstars anführt, die nach Schätzung der Fachpresse als nächstes sterben werden - und zwar seit 1973.

Stars als Schriftsteller: Wenn Promis zur Feder greifen

Gerade ist Keith Richards 67 Jahre alt geworden, und er gilt längst als praktisch unkaputtbar. Er liebt dieses Image; in seiner Lebensgeschichte pflegt er es und spielt damit. Das Buch beginnt mit einer spektakulären Räuberpistole aus dem Jahr 1975, in der es gleich um Drogen, Verbrechen, riesige Brüste und den Geheimdienst geht. Erst danach widmet sich Keith Richards der Chronologie – und auch dabei gibt es immer wieder kleine Übertreibungen («Jahrelang schlief ich im Durchschnitt zweimal pro Woche.») und ein paar neue Mythen («Die Rolling Stones verbrachten das erste Jahr ihres Daseins mit Rumhängen in Kneipen, Essenklauen und Üben.»).

Das geht zwar womöglich an einigen Stellen auf Kosten des Wahrheitsgehalts (auch auf ominöse Weise plötzlich aufgetauchte Briefe oder Tagebucheinträge, die zwischendurch zitiert werden, sind nicht immer ganz glaubwürdig), aber es steigert enorm den Unterhaltungswert von Life. Das Buch ist höchst abwechslungsreich und voller spannender Anekdoten und Enthüllungen.

Beispiele gefällig? Keith Richards hat Angst vorm Zahnarzt. Marlon Brando hat ihm mal einen flotten Dreier angeboten. In ihrer Studentenbude hatten die Rolling Stones ein Mikrofon auf dem Klo versteckt, mit dem sie die Gäste bei der Verrichtung ihres Geschäfts belauschten. Papst Johannes Paul II. hat, ohne es zu wissen, die Masterbänder von Emotional Rescue gesegnet. Eine ganze Nacht lang ist Keith Richards einmal auf der Jagd nach Uschi Obermaier gewesen. Richards hat Satisfaction förmlich im Schlaf geschrieben, am Ende des Demobandes sollen 40 Minuten lang Schnarchen zu hören sein. Nach seiner einzigen Liebesnacht mit Marianne Faithfull musste der Gitarrist aus dem Fenster springen, weil ihr Freund plötzlich nach Hause kam: Mick Jagger. Und in seinen Zeiten als Junkie hat er sich das Heroin am liebsten in den Hintern gespritzt.

Sticheleien gegen Mick Jagger

Keith Richards hat ganz offensichtlich richtig Lust aufs Erinnern und Erzählen. Life profitiert enorm von seiner Offenherzigkeit. Der zweitberühmteste Rolling Stone der Welt zeigt sich nicht nur clever, sondern auch vergleichsweise ehrlich, bescheiden und humorvoll. Dass sein Image als Verkörperung des Rock’n’Roll-Lifestyle für ihn Fluch, aber auch Segen war, das reflektiert er erstaunlich tiefgründig. Auch die oft problematische Beziehung zum anderen Glimmer-Twin, Mick Jagger, analysiert er ohne Rücksicht auf Verluste - und mit einigen köstlichen Frotzeleien.

Vor allem aber erweist sich Richards als extrem dankbar. Immer wieder macht er deutlich, welch großen Anteil andere Leute an seiner Karriere hatten. Er huldigt nicht nur ausgiebig den Helden des Chicago Blues, denen er Anfang der 1960er Jahre nacheiferte. Auch Wegbegleiter und Wegbereiter wie Ian Stewart, Jack Nitzsche oder Andrew Loog Oldham werden eifrig gelobt. Zudem baut er immer wieder Gastbeiträge ein, etwa von Kate Moss oder Tom Waits. Die überbrücken nicht nur die Lücken in seinem eigenen Gedächtnis, sondern verschaffen auch seinen Mitstreitern ein würdiges Forum.

Gelegentlich wird das Ganze allerdings ein bisschen zu selbstherrlich. Ähnlich wie etwa Paul McCartney glaubt offensichtlich auch Richards, über dem Gesetz zu stehen. Immer wieder zieht er über Polizei und Justiz her - ohne auch nur einen Funken von Selbsterkenntnis, dass er es den Behörden nicht eben einfach gemacht hat, ihn in Ruhe zu lassen. Gelegentlich widerspricht sich Richards auch selbst, gerade wenn es um Drogen und seinen angeblich kontrollierten Umgang damit geht.

Das größte High ist die Musik

Vor allem aber macht das Buch deutlich: Trotz all der Legenden, die sich um seinen Drogenkonsum, seine Frauengeschichten oder seine Künste als Messerwerfer ranken, ist Keith Richards in erster Linie Musiker. Durch und durch. Er doziert über Gitarren und Verstärker («Wenn ich einen Gitarrenkoffer mit einer alten Gitarre öffne, möchte ich am liebsten reinkrabbeln und den Deckel über mir zuklappen.»), er spürt dem Sound der Rolling Stones nach und ihrer Botschaft («Wir mussten die Anti-Beatles sein.»). Und während kein einziges Mal ein durch Drogen bedingtes High geschildert wird, tauchen im Buch immer wieder Stellen auf, an denen Richards beschreibt, wie ihn die Musik schweben lässt.

«Leser, die Keefs Guitar Workshop überspringen wollen, können das natürlich tun», bietet Richards tatsächlich an einer Stelle an. Doch Life lässt keinen Zweifel daran: Wer das tut, verpasst die Essenz des Buches - und von Keith Richards.

Autor: Keith Richards
Titel: Life
Verlag: Heyne
Umfang: 736 Seiten
Preis: 26,99 Euro
Erscheinung: 26. Oktober 2010

car/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • moptop
  • Kommentar 1
  • 20.12.2010 15:07

Keith Richards ist der beste Beweis: Man muss keine Flitzefinger haben, um ein Gitarrengott zu werden, sondern bloß tolle Ideen. Und man muss kein Genie sein, um eine Musiklegende zu werden, sondern bloß ein klasse Typ.

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