Zeitschriftentrends Wenn Erotik keine Abnehmer findet

Grazia (Foto)
Spiel, Satz, Sieg: Grazia hat Anfang des Jahres mit ihrer Einführung auf dem Zeitschriftenmarkt etwas gewagt und gewonnen. Bild: Klambt-Verlag

Von news.de-Mitarbeiterin Annika Einsle
Sie heißen AlleyCat, Grazia, Beef und Ran. Und sie alle wollen den Zeitschriftenmarkt erobern. Beinahe täglich bringen Verleger neue Titel in die Läden. News.de sagt, welche beim Lesepublikum floppten.

Grazia war mutig, Grazia hat etwas riskiert - und wurde prompt dafür belohnt. Das Style-Magazin für moderne junge Frauen ist im Februar dieses Jahres an den Start gegangen. Mit viel Tamtam und einer neu gegründeten Redaktion hat der Klambt-Verlag damit gewagt, was viele seiner Konkurrenten heute nicht mehr so einfach tun würden.

Zu groß ist die Gefahr, dass das Heft die anvisierte Zielgruppe nicht erreicht, die Auflagenzahlen im Keller bleiben und der Neuling schneller wieder vom Fenster weg ist, als man bis drei zählen kann. Testausgaben sollen deshalb erst einmal zeigen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt. Bei Grazia war das anders. Und der Mut wurde belohnt: 157.112 Exemplare weist die Informationsgemeinschaft zur Feststellung von Werbeträgern (IVW) in seiner aktuellen Hochrechnung aus.

Top und Flops 2010
Streifzug durch das Zeitschriftenregal

Grazia gehört damit zu den 130 Zeitschriften, die im Jahr 2010 neu auf den Markt gekommen sind. 120 wurden im Gegenzug eingestellt. «Auf zehn neue Titel kommen neun eingestellte», sagt Peter Klotzki, Geschäftsführer der Kommunikation beim Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Insgesamt nehme die Zahl der neuen Magazine jedoch zu. Während 1990 538 Publikumszeitschriften bei der IVW gemeldet waren, seien es heute 873 Titel.

Eine ordentliche Steigerung - die es den Verlagen aber auch immer schwerer macht, noch eine Nische im Markt zu finden, um neu gelaunchte Titel erfolgreich zu positionieren. «Wichtig ist, einen Vorsprung durch Inhalte zu haben, Relevanz und Zielgruppenansprache und -bindung mit der Möglichkeit zur Interaktivität», sagt Klotzki.

Wo die Welt noch in Ordnung ist

Landlust hat genau das geschafft. Vor fünf Jahren auf den Markt gebracht, verkauft sich das zweimontlich erscheinende Landmagazin heute laut IVW fast 750.000 mal. «Landlust hat Relevanz und bedient ein Lebensgefühl, ist also emotional», sagt Klotzki. «Da wurde eine Zielgruppe mehr aus dem Bauch heraus und nicht am Reißbrett geplant erreicht, mobilisiert.» Ein weiterer Vorteil laut Klotzki: Landlust habe das Segment als erster Titel bedient, und solche Zeitschriften seien meist sehr erfolgreich.

Landmagazine scheinen seitdem zu boomen. Grund genug für andere, auch in 2010 auf diesen erfolgreichen Zug aufzuspringen. «Ein neuer Trend, der Landidylle zu frönen, bricht sich Bahn und da ist noch Platz im jungen Zeitschriftensegment der Landmagazine», heißt es etwa im Newsroom des Hubert-Burda-Verlags, der im Mai dieses Jahres Mein schönes Land auf den Markt brachte. Zunächst in einer Testversion - versteht sich. Laut Verlag soll sich diese aber im Kioskverkauf direkt auf Rang zwei hinter Marktführer Landlust platziert haben. Test bestanden, und der Fortgang war gesichert.

Erotik versus 45 plus

Aber auch auf dem scheinbar übersättigten Markt der Frauenmagazine scheint noch Platz zu sein. Freundin Donna, das Magazin für die Frau ab 45, ging im Frühjahr an den Start. Die beiden Testausgaben verkauften sich rund 150.000 mal, so dass der Verlag entscheid, ab April 2011 in Serie zu gehen. «Die Reaktionen des Vertriebs- und Anzeigenmarkts zeigen, dass es für hervorragend gemachte Printtitel immer einen Platz im dicht besiedelten Zeitschriftenmarkt gibt», wird Henning Ecker, Geschäftsführer der Burda Style Group, auf der Unternehmenshomepage zitiert.

Eine ganz andere Zielgruppe hat die Bauer Media Group mit ihrem Lifestyle-Magazin Happinez im Blick: Es richtet sich an Frauen zwischen 35 und 50 Jahren, die sich für Psychologie, Spiritualität und einen bewussten Lebensstil interessieren. In den Niederlanden befindet sich die Zeitschrift seit Jahren auf Erfolgskurs - in Deutschland liegt die verkaufte Auflage bei rund 60.000 Exemplaren und laut Verlag damit hoch genug, um das Heft auch künftig in die Läden zu bringen.

Weniger erfolgreich war bisher hingegen Alley Cat, das Erotikmagazin für die Frau. Gerade mal eine Ausgabe erschien im Mai dieses Jahres. Seitdem ist es still geworden um das streunende Kätzchen aus dem Hause Burda. Von den 150.000 gedruckten Exemplaren, heißt es beim Branchendienst w&v.de, sei nur ein geringer Teil verkauft worden. Auf der Alley Cat-Facebookseite, die über 1300 Fans hat, werden die Anhänger des ersten Heftes nicht müde, Nachschub zu verlangen. Die Macher vertrösten sie jedoch immer wieder aufs Neue.

Noch schlimmer traf es das so hoch gepushte Klatschmagazin Chatter. Auf einfachem Zeitungspapier gedruckt und zu einem unschlagbaren Preis von 50 Cent angeboten, wollte Chatter den Markt der People-Zeitschriften ordentlich aufmischen. Daraus wurde jedoch nichts. Von einer Druckauflage von 1,3 Millionen Heften seien im Schnitt 220.000 Exemplare über die Ladentheke gegangen. Zu wenig, wie Burda-Geschäftsführer Reinhold G. Hubert fand. Nach nur zwei Ausgaben schickte der Verlag deshalb seinen Chatter wieder in die ewigen Jagdgründe.

Klotzki vom VDZ findet solche Reaktionen überzogen: «Es wird zu oft dramatisiert, wenn es um die Einstellung eines jungen Titels geht», sagt er. Verlage seien heute oft weniger bereit zu einer langen Experimentier- und damit Investitionsphase als früher. Dementsprechend würden neue Titel viel zu schnell aufgegeben und wieder vom Markt genommen.

Für Fleischfresser und Karrieretypen

Andere Zielgruppe, ähnliches Beispiel: «Ein Magazin für die Faszination im großen internationalen Fußball» wollten die Macher vom Verlag Delius Klasing herausbringen. Doch auch der Funke von Ran, dem Magazin zur TV-Sendung, schien beim Publikum nicht so recht überspringen zu wollen. Die erste Ausgabe des Kicker-Heftes erschien am 10. Februar dieses Jahres - nach gerade mal sechs Ausgaben war am 15. September schon wieder Schluss.

«Wir haben damit gerechnet, etwa 100.000 Exemplare zu verkaufen. Jetzt haben wir nicht mal die 50.000 überschritten», sagte Edwin Baaske, Pressesprecher von Delius Klasing, gegenüber dem Branchenmagazin Horizont. «Wir sind mit dem Produkt an sich sehr zufrieden. Es war wohl einfach die richtige Idee zur falschen Zeit. Fußball wird immer noch geschaut und nicht gelesen.»

Weitaus mehr als der neueste Tratsch aus der Welt des Fußballs schien die Männerwelt diese Frage zu interessieren: «Kann man eine Frau ins Bett kochen?» fragte Beef auf dem Titel seiner ersten Ausgabe. Die Zeitschrift ging als Sieger aus einem Ideenwettbewerb hervor, den der Gruner+Jahr-Verlag (G+J) regelmäßig unter seinen Mitarbeitern ausschreibt.

Beef sieht sich als Magazin für Männer, die mehr wissen wollen über das, was in der Küche passiert - vom Druck in der Espressomaschine über den Schärfegrad japanischer Messer bis hin zu den Fütterungsmethoden mecklenburgischer Bisons.

Mit Erfolg: Die Testausgabe im Oktober 2009 ging 53.000 mal über den Ladentisch - und das, obwohl Beef mit einem Preis von 9,80 Euro nicht zu den günstigsten Magazinen gehört. Seit 2010 erscheint das Fleischfresser-Magazin mit einer Auflage von 115.000 Exemplaren deshalb jetzt regelmäßig vier Mal pro Jahr.

Ebenfalls aus der kreativen Feder der G+J-Redakteure stammt BusinessPunk, das etwas andere Wirtschaftsblatt. «Es geht um das laute, schnelle Leben, das hinter dem Business tobt. Und um Typen, die in Unternehmen etwas unternehmen», schreibt der Verlag über sein Blatt. Auch diese Testausgabe bescherte G+J im Oktober 2009 zufriedenstellende Zahlen: 42.000 Exemplare gingen über den Ladentisch - vor allem in Großstädten sei der Verkauf überdurchschnittlich gut gelaufen, heißt es beim Verlag. Seit 2010 erscheint auch BusinessPunk deshalb nun regelmäßig.

Wer es wirklich ernst meine, so Klotzki vom VDZ, sollte neben ausgefallenen Ideen aber auch neue Geschäftsfelder entwickeln, crossmedialer denken und seine Inhalte über den Printkanal hinaus auch auf WebTV oder Applikationen veröffentlichen. Da scheint es also nur konsequent zu sein, dass die Grazia längst auch eine iPad-App im Angebot hat.

boi/news.de

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