Von news.de-Redakteur Martin Walter
Gelungener Abend: Trotz der widrigen Umstände überzeugt Thomas Gottschalk beim ZDF-Jahresrückblick Menschen 2010. Mit dem Vater des verunglückten Samuel Koch führt er ein bewegendes Gespräch. Für Erheiterung sorgten die Sex-Geständnisse einer 81-Jährigen.
«Wie schnell es von oben nach unten gehen kann, haben Sie vielleicht am letzten Samstag gesehen - als aus Spaß innerhalb von wenigen Minuten Ernst wurde.» Gleich zu Beginn seines Jahresrückblicks bringt der im grauen Anzug ungewohnt seriös gekleidete Thomas Gottschalk das Thema zur Sprache, auf das viele Zuschauer besonders gespannt sind.
Wohl nie zuvor stand ein Jahresrückblick im Fernsehen so sehr im Fokus eines einzelnen aktuellen Ereignisses wie Menschen 2010. Das Schicksal des bei Gottschalks Show Wetten, dass..? verunglückten Kandidaten Samuel Koch beherrschte eine Woche lang die Schlagzeilen der Republik. Eine sehr gute Einschaltquote von 6,85 Millionen Menschen zeugt vom weiterhin großen Interesse der Menschen, der Marktanteil der Sendung liegt bei 21,5 Prozent.
Gottschalk und das ZDF werden in ihrem Jahresrückblick dem medialen Erwartungsdruck gerecht, indem sie gleich zu Beginn der Sendung Christoph Koch, dem Vater von Samuel, ein zwölfminütiges Interview unter Ausschluss der Zuschauer einräumen. Der von den Sorgen um seinen Sohn gezeichnete, aber gefasst wirkende Vater, berichtet bewegt über die Woche nach dem Unglück: «Was wir in diesen letzten Tagen auch an persönlicher Zuneigung, an Herzlichkeit von anderen Menschen, von Freunden von Samuel, erlebt haben, das hat uns geholfen ...» An die TV-Zuschauer richtet er einen berührenden Gruß seines verletzten Sohnes: «Er hat mich gebeten, Grüße aus der Klinik zu sagen an alle, die das jetzt sehen, und ich soll auch sagen, dass er wunderbar aufgehoben ist bei den Betreuern, Pflegern und Ärzten.»
Gottschalk zeigt sich während des Gesprächs betroffen, seine Anteilnahme wirkt aufrichtig. Das Interview beendet er mit dem Versprechen, dass sein persönliches Interesse auf jeden Fall bei der Familie bleibe. Gleichzeitig schafft er es danach, aus Menschen 2010 trotz aller Betroffenheit einen unterhaltsamen Jahresrückblick zu machen. «Achterbahn» ist dabei das Wort, das Thomas Gottschalk über den Abend am häufigsten gebraucht, um die Kluft zwischen positiven und negativen Themen, guten und schlechten Jahren zu versinnbildlichen.
Der erste Orgasmus mit 79 Jahren
Los geht die «Achterbahnfahrt» mit dem Verteidigungsminister. Schnell erreicht Gottschalk im Gespräch mit der «politischen Lichtgestalt des Jahres», wie er Karl Theodor zu Guttenberg ankündigt, seine Normalform. Mit dem oberfränkischen Landsmann, den er erst siezt, um ihn dann doch zu duzen, liegt er sichtlich auf einer Wellenlänge. Spaßeshalber droht er ihm mit dem Schicksal von Außenminister Guido Westerwelle, der 2009 als Aufsteiger des Jahres beim ZDF, in diesem Jahr jedoch bei Jauchs RTL-Jahresrückblick zu Gast war. Beim Thema Wikileaks entlockt er dem CSU-Politiker, dass das politische Berlin die Enthüllungen gar nicht gebraucht hätte - die meisten Lästereien seien auch so bekannt.
In seinem Element befindet sich der 60-jährige Entertainer auch, als die Schauspieler Iris Berben und Mario Adorf auf der Couch Platz nehmen. «Das Sicherheitsmodell ist es nicht», merkt Gottschalk mit Blick auf die hochhackigen Schuhe der 60-jährigen Berben spitzbübisch an, und lobt sich im nächsten Satz selbstironisch als weltberühmter Kavalier, den er ja wirklich zu geben versteht.
Für die meiste Erheiterung im Publikum sorgt dagegen der Auftritt der 81-jährigen Bestseller-Autorin Elfriede Vavrik. Die lebensfrohe Wienerin ist ein dankbarer Gast, sie plaudert mit Gottschalk erfrischend unverblümt über ihren Bestseller Nacktbadestrand und erzählt von männlichen Bekanntschaften im realen Leben. Auf ihre Bemerkung, sie habe erst im Alter von 79 Jahren ihren ersten Orgasmus gehabt, hakt Gottschalk in seiner unnachahmlichen Art keck nach: «Lohnt sich das noch?»
Besser als Kerner und Jauch
Doch Menschen 2010 zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Blick zurück über die Grenzen des Landes hinausgeht, ohne dabei nur chilenische Bergarbeiter zu Gast zu haben. Das Jahr der Naturkatastrophen wird thematisiert, mit inbegriffen der Ausbruch des unaussprechlichen isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, die Überschwemmungen in Pakistan und das Erdbeben auf Haiti, zu dem Gottschalk einige Gäste begrüßt.
Bewegend ist der Auftritt des Amerikaners James Bain, einem ehemaligen Gefängnisinsassen. Der 55-Jährige kam mit 19 wegen vermeintlichen Kindesmissbrauchs unschuldig ins Gefängnis und wurde erst 35 Jahre später freigesprochen. Dass Bains Freilassung gar nicht in 2010, sondern schon im Dezember 2009 stattgefunden hatte, mag dem ZDF an dieser Stelle verziehen sein.
Den sportlichen Jahresrückblick decken die Bobfahrer André Lange und Kevin Kruska, sowie Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher ab. Und statt deutscher Fußball-Nationalspieler nehmen zum WM-Rückblick die Moderatorenpaare Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn, sowie Gerhard Delling und Günther Netzer neben Gottschalk Platz.
Gelungen ist auch die Auflockerung der Show durch satirische Einspieler der Kollegen von Wochenshow und Frontal 21, sowie eines Solos von Comedian Michael Mittermeier. Seine Kollegen Kerner und Jauch, die mit ihren Jahresrückblicken bereits vorgeprescht waren, steckt Gottschalk jedenfalls locker in die Tasche. Lediglich die Auftritte von Kachelmann-Expertin Alice Schwarzer und des unvermeidlichen Matze Knop mit der x-ten «Loddar Matthäus»-Imitation hätte man sich auch sparen können.
cvd/ivb/news.de
Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel «Menschen 2010» : Gottschalk meistert die Achterbahnfahrt. Tut mir Leid, aber ich kann die Euphorie Ihres Artikels nicht teilen: abgesehen von der herzzereißenden Eröffnung mit dem ach so arg gebeutelten Vater"opfer" finde ich, dass eher ein Sebastian Vettel in die Sendung gehört hätte als der ruhmreiche x-fache Ex-Weltmeister. Und wo war eigentlich Lena, statt der dumpfen UWU-Sela Persiflage? Aber für den Rückblick auf 2004 war das wohl im Rahmen des ZDF-Machbaren. Übrigens freute sich auch Herr Delling über den ihm unbekannten Senderwechs
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