Von news.de-Redakteur Björn Menzel
Quotengag oder Gesellschaftskritik: Das Kabarett befindet sich in Deutschland auf einer Suche nach sich selbst. Immer noch, meinen die einen. Endlich, sagen die anderen. Doch in welche Richtung geht es in Zukunft?
Auch wenn es Gefühle weckt: Erinnern wir uns einmal an die guten alten Zeiten. Der Osten hatte einen politischen Feind und die Stasi im Haus. Der Westen immerhin die Hippies der 1968er und einige Terroristen der RAF. Es gab klare Fronten. Wir stehen hier und die anderen sind zu bekämpfen. Einige verirrte Versprengte taten es mit der Waffe in der Hand, der Intellektuelle benutzte Wort und Bühne. Das politische Kabarett konnte sich abarbeiten und erlebte wohl seine wichtigste Zeit.
In den 1990er Jahren wurde alles noch ein bisschen lustiger. Ost und West gab es nicht mehr. Börsenboom und Kaufrausch wirkten sich auch auf die deutschen Lachmuskeln aus. Von den Arbeitslosen im Osten wollte niemand etwas wissen. Die Doofen in Person von Wigald Boning und Olli Dittrich sangen «Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke» und Stefan Raab fing an, TV Total zu moderieren. Es war zwar nicht der Niedergang des Abendlandes, aber der Beginn einer Zeit mit immer weniger Kabarettsendungen im Fernsehen.
Auf dem Brett´l nebenan mussten sich die Kabarettisten erst einmal neu finden. Und während sie einige Zeit über den politischen Umbruch grübelten, kamen die Spaßmacher um die Ecke geschossen. Sie nannten sich nicht mehr Kabarettisten, sondern Comedians. Sie besetzten in Windeseile Programmplätze im TV, die vorher nicht einmal Dieter Hildebrand freigehalten wurden. Ihre Währung war nicht der hintergründige Gedanke, sondern der schnelle und zahlreiche Witz. Die Spitze des Booms erlebte die Comedy im Berliner Olympiastadion im vergangenen Jahr.
70.000 statt Kleinkunst
Den Auftritt von Elektromarkt-Blödelbarde Mario Barth verfolgten live fast 70.000 Menschen. Das hatten Kurt Tucholsky oder Erich Kästner nicht gemeint, als sie einst Texte für die Kleinkunstbühnen des Landes schrieben - und damit das politische Kabarett populär machten. Kabarett war Kleinkunst, darüber, ob Comedy große Kunst ist, sollten andere streiten. Die Kabarettisten reimten sich derweil ihre eigene Welt. In der Szene galt es schon als uncool, vor mehr als 500 Menschen aufzutreten.
Jahrelang sah es so aus, als ob die Comedians den Kabarettisten den Rang ablaufen würden. In der TV-Präsenz, in der Publikumsgunst und was den Gelehrten weit wichtiger war, in der Deutungshoheit. Dabei vergaßen sie, dass die Bühne schon immer ein Ort war, der die Gesellschaft widerspiegelte. Während in den 1980er Jahren die DDR-Bürger wirklich zum Lachen in den Keller gehen mussten, war das Kabarett auch der einzige Ort, an dem die Stasigetrietzten in Gesellschaft wenigstens ein wenig Frust los werden konnten.
Die Bühnen waren, zumindest im Osten, Monate im voraus ausgebucht. Eintrittskarten hatten bisweilen den Tauschwert eines neuen Trabant-Kotflügels. Zwischen den Zeilen war die Republik noch in Ordnung. Das alles war in der neuen Freiheit nach dem Fall der Mauer nicht mehr gefragt. Hinzu kam, dass immer mehr erlaubt war. Doch irgendwann kann der Künstler auf der Bühne nicht immer mehr bieten. Faktor Spaß und Faktor Besonderheit haben bald ausgedient.
Kabarett verkauft sich besser
Oder haben sie vielleicht bereits ausgedient? Die Gesellschaft für Konsumforschung hat vor wenigen Wochen eine interessante Statistik heraus gegeben. «Politisches Kabarett im Plus» ist sie überschrieben. Ausgewertet wurde der Verkauf von Eintrittskarten für Veranstaltungen jeder Art. Fünf Prozent mehr Besucher im Kabarett, 22 Prozent weniger beim Comedy-Abend. Ob das eine Trendumkehr ist, bleibt abzuwarten. Die Zahlen zeigen jedoch, dass es mit dem Comedywahn nicht unendlich nach oben geht.
Doch egal, in welche Richtung es geht, es ist im Grunde egal. Auch ein Streit um die Abgrenzung der Bereiche bringt nicht weiter. Viel wichtiger ist, dass sich das Kabarett auf seine Kunst besinnt. Es sollte Themen anpacken, die aktuell in der Gesellschaft diskutiert werden, sie zuspitzen, einen Blick in die Zukunft wagen und alles unterhaltsam aufbereiten. Klingt einfach, ist es aber nicht und soll es auch nicht sein. Nur beim Zuschauer muss es eben einfach ankommen. Loriot, eigentlich kein klassischer Kabarettist, hat es zumindest für die Weihnachtszeit auf den Punkt gebracht: Früher war mehr Lametta.
Der Satz könnte auch für etwas anderes stehen: Bäume sind da, nur schmücken müssen wir sie selbst. Auch der Baumschmuck hat sich schon immer der Zeit angepasst. Nehmen wir es gelassen zur Kenntnis.
ruk/news.de