Von news.de-Redakteurin Corina Broßmann
Frau oder Mann: Die zweite Folge der Arte-Dokumentationsreihe Sex im 21. Jahrhundert untersucht die moderne Geschlechtervielfalt und fragt, ob Sex und Geschlecht eher der Natur oder der Kultur zuzurechnen sind.
Die Vorstellungen über Liebe, Sexualität und Triebkraft gehen weit auseinander und waren im Verlauf der Geschichte einem stetigen Wandel ausgesetzt. Die Geschlechtszuordnung zumindest schien lange Zeit jedoch relativ klar zu sein: Männlich bedeutet XY-Chromosomen, Testosteron, Hoden und ein Teil des starken Geschlechts zu sein. Weiblich bedeutet XX-Chromosomen, Östrogen, Eierstöcke und Zugehörigkeit zum schwachen Geschlecht. Beide Konzepte dienen der Fortpflanzung.
Doch unter dem Blick renommierter Wissenschaftler erweist sich das starke Geschlecht in einigen Studien als das eigentlich schwache. Und dann gibt es da ja noch die Unterscheidung in Sex und Gender, das heißt in biologisches und soziales Geschlecht. Zudem treten immer mehr Menschen ins Licht der Öffentlichkeit, die irgendwie nicht ganz Mann und nicht ganz Frau sind, oder sein wollen. Alles doch nicht so einfach.
Lina zum Beispiel schien als Mädchen geboren, in der Pubertät jedoch setzte die weibliche Entwicklung aus. Nach einigen Untersuchungen stand fest: Ihr Chromosomensatz ist männlich. Die Psychoanalytikerin Hertha Richter-Appelt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf forscht seit über zehn Jahren zum Thema Intersexualität. Sie erklärt die Ursachen und wehrt sich gegen geschlechtszuweisende Operationen an Intersexuellen.
Von Intersexualität – auch Hermaphroditismus oder Sexualdifferenzierungsstörungen – spricht man, wenn ein Mensch genetisch (aufgrund seiner Geschlechtschromosomen), anatomisch (aufgrund seiner Geschlechtsorgane) und hormonell (aufgrund des Mengenverhältnisses der Geschlechtshormone) nicht eindeutig dem weiblichen, oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Betroffene Menschen werden Intersexuelle, Hermaphroditen oder auch Zwitter genannt.
Gibt es drei Geschlechter?
Während bei Intersexuellen also physische Gründe für ihre Besonderheit vorliegen, weiß man bis heute nicht, was der Grund für Transsexualität ist. Transsexuelle, also Männer, die sich als Frau empfinden, oder Frauen, die sich als Mann verstehen, haben in den westlichen Gesellschaften immer noch einen schweren Stand. Denn transsexuelle Menschen sind biologisch eindeutig einem Geschlecht zugeordnet, fühlen sich selbst aber dem anderen zugehörig. Das stößt bei mehr Mitmenschen auf Unverständnis als Intersexualität mit ihrer biologischen Erklärbarkeit.
Die Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler beschreibt in Sex im 21. Jahrhundert aber auch, wie in anderen Kulturen mit dem Phänomen Transsexualität umgegangen wird. In Indonesien zum Beispiel versteht man Transsexuelle ganz selbstverständlich als drittes Geschlecht, das in bestimmten Dorfgemeinschaften wichtige rituelle Funktionen ausübt.
Die westliche Vorstellung von genau zwei sauber unterscheidbaren Geschlechtern wird in Frage gestellt. Die Festlegung auf eines der beiden gegenpoligen Geschlechter bei Intersexuellen scheint oft zweifelhaft und kann zu zu starken physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen. In der Regel handelt es sich bei einer Festlegung um einen durch sozialen Druck entstandenen Wunsch des Umfeldes und nicht um ein Bedürfnis der Betroffenen selbst.
Arte vermittelt so auch im zweiten Teil des sachlich-informativen Dreiteilers Sex im 21. Jahrhundert auf offene und unterhaltsame, aber zugleich kritische und lehrreiche Art und Weise, tiefschürfende wissenschaftliche Informationen. Wir lernen, wie sich die Vorstellungen bezüglich Sexualität in unserem Hightechzeitalter verändert haben und wie sie sich wohl in Zukunft noch entwickeln werden müssen. Eine Doku, die obwohl oder gerade, weil sie das Reizwort «Sex» im Titel trägt, sehenswert ist und zum Diskutieren und Reflektieren anregt.
Sex im 21. Jahrhundert (2), Freitag, 10. Dezember, 22 Uhr bei Arte.
wam/Arte/news.de