Von news.de-Redakteurin Corina Broßmann
Befinden wir uns auf einem Trip in eine übersexualisierte Welt, in der die Liebe ein Auslaufmodell ist? Und welchen Einfluss haben unsere uralten Triebe und Instinkte überhaupt noch? Arte versucht, diese Fragen in einer dreiteiligen Dokumentationsreihe zu beantworten.
Sex, was ist das eigentlich? Nur ein Trieb zur Arterhaltung? Oder steckt doch mehr dahinter? Inwieweit hat Sex mit Liebe zu tun?
Seit Jahrhunderten beschäftigen wir uns mit solchen Fragen rund um unsere menschliche Sexualität - und können sie dabei doch nicht wirklich greifen, auch und besonders weil sie sich stetig verändert.
Regisseurin Katja Herr hat sich dieses Problems angenommen und erforscht, wie sich das mysteriöse Anziehungsspiel zwischen Mann und Frau im Laufe der Geschichte verändert hat und wie es heute funktioniert. Welche Rolle spielt das größte Sexualorgan, das Gehirn, dabei und funktioniert Sex ohne Liebe - oder etwa doch nicht? Zum Auftakt der dreiteiligen Dokumentarreihe Sex im 21. Jahrhundert, die Arte in deutscher Erstausstrahlung zeigt, werden die neuesten Erkenntnissen von Biologen, Hormonforschern und Sexualtherapeuten zu diesen Fragen vorgestellt und erklärt.
Vornweg die Ernüchterung: Liebe ist und bleibt nur Chemie. Aber wie genau entsteht sie? Und was hat sie mit Sex zu tun? Bevor die Dokumentation sich in Teil zwei und drei mit den modernen Gegebenheiten der Sexualität auseinandersetzt, muss sie sich heute erst einmal den grundlegenden Fragen stellen: Was ist Sex? Und was ist Liebe?
Der erste Teil der Reihe, «Sex oder Liebe», blickt auf die biochemischen Grundlagen dieser Phänomene. Internationale Wissenschaftler erklären, was im Körper vor sich geht, wenn er Liebe oder Lust empfindet. Dabei wird klar: Das wichtigste Geschlechtsorgan ist tatsächlich das Gehirn. Doch bei den restlichen Fragen sind sich die Forscher wie so oft uneinig. Professor Karl Grammer, beispielsweise, glaubt nicht an die Biologie der Liebe. Seiner Meinung nach ist Sex der wichtigste Faktor der Evolution. Liebe sei ein rein soziales Muster. Die Amerikanerin Prof. Helen Fisher ist ganz anderer Meinung. Sie hat die Regionen im Gehirn erforscht, die auf Liebe reagieren - und das sind andere, als wenn es um Sex geht.
Weitere renommierte Wissenschaftler werden zu Rate gezogen. Viele Fachausdrücke fallen - Testosteron, MHC-System, Oxytocin. Sie sind für den Laien nicht immer leicht verständlich, doch die Forscher bemühen sich, ihre Erkenntnisse mit jedermann zu teilen. Und so bietet «Sex im 21. Jahrhundert» auch jenen eine interessante Biologiestunde, die sich bisher wenig mit der Theorie der Hormone auseinandergesetzt haben. Unterstützt von teils nüchternem, teils erotischem Bildmaterial erfährt man viel Wissenswertes über sich selbst: Der Mensch «tuckert noch auf einem Reptiliengehirn daher, wenn es um die Sexualität geht», bilanziert Professor Uwe Hartmann schließlich.
Damit Sex im 21. Jahrhundert aber nicht zum trockenen Naturkundefilm verkommt, kommt auch das Studienobjekt selbst zu Wort. Die Regisseurin besucht Steffi und Andreas, die beide mehr oder weniger freiwillig Single sind, aber deswegen nicht auf Sex verzichten wollen. Sie nutzen die moderne Form der Partnersuche: das Internet. So erläutert die Dokumentation beispielhaft, wie Sexualität im digitalen Zeitalter ausgelebt wird und dass Lust heute klar von Liebe getrennt werden kann. Doch auch die Biologie macht vor dem Internet nicht halt. Weitestgehend wertungsfrei werden neue Methoden der Partnersuche durchleuchtet, so auch die Partnerbörse Gene Partner, die verspricht, via Genharmonie den perfekten Partner zu finden. Ob es sich dabei aber um die perfekte Sexualität, Fortpflanzung oder Liebe handelt, müssen Proband und Zuschauer selbst herausfinden.
Sex im 21. Jahrhundert (1), Freitag, 3. Dezember, um 22 Uhr bei Arte.
wam/news.de