Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Wummernde Beats und ein brummender Kopf: Das gehört zum Elektro-Konzert, bei dem DJ-Partykönige auf Drogen bis in die Morgenstunden feiern. Umso ernüchternder ist der Entzug in der Nervenheilanstalt, wie die TV-Premiere Berlin Calling auf Arte beweist.
Martin Karow (auch im wirklichen Leben DJ: Paul Kalkbrenner) führt ein Jet-Set-Leben: Er geht mit seiner Musik auf Tour, bereist die großen europäischen Metropolen, schmeißt die verschiedensten Drogen ein, arbeitet an einem neuen Album. Unter dem Namen DJ Ickarus ist er bei den Partypeople, die nicht wissen, wie ernst es um seinen Gesundheitszustand steht, ebenso bekannt wie beliebt.
Dabei ist «Ickarus» ein Wortspiel: Es verweist einerseits auf Karows Berliner Herkunft und bezeichnet andererseits eine Figur aus der griechischen Mythologie, die mit ihren Flügeln aus Wachs zu hoch flog und dann abstürzte. Und so dauert es nicht lange, bis sich der stets zugedröhnte Karow nach einem bösen Trip in einer Nervenheilanstalt auf Entzug wiederfindet. Das surreale Partyleben, für das Tatort-Kameramann Andreas Doub faszinierend glitzernde Bilder findet, weicht dem tristen Psychiatriedasein, das jedoch - skurrilen Insassen sei dank - auch witzige Situationen bereithält.
Die große Stärke von Berlin Calling - am 1. Dezember, 21.45 Uhr, bei Arte - ist die traumwandlerische Sicherheit, mit dem dieses Psychodrama zwischen den beiden Welten, surrealem Elektromilieu und geerdetem Klinikalltag, durchaus fließend hin und her wechselt. Dabei nimmt der Film seine Themen ernst: Es geht um Drogenentzug und falsche Freunde, aber auch darum, endlich Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen.
Über alldem schwebt allgegenwärtig die elektronische Musik von Paul Kalkbrenner, die das Kreisen der von ihm souverän verkörperten, egozentrischen Hauptfigur um sich selbst als treffende akustische Analogie darzustellen vermag. Corinna Harfouch bietet ihm als ebenso biestige wie freimütige Anstaltsleiterin Dr. Petra Paul nicht nur Paroli, sondern übertrumpft ihn schauspielerisch locker.
Dies ist neben der etwas zu raschen Wandlung von Karow vom partywütigen Querulanten zum geläuterten Vorzeigepatienten eine der wenigen Schwachstellen des Films, der etwas zu oft den Klischees eines DJ-Lebens zwischen schnellem Sex und arroganten Label-Mitarbeitern erliegt. Dennoch: Berlin Calling ist ein einfühlsames, aber unverkrampftes Psychodrama, das die schillernde Party-Glitzerwelt mit ihren dunklen Schattenseiten kontrastiert.
Titel: Berlin Calling
Regie: Hannes Stöhr
Darsteller: Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, Araba Walton und andere
Sendetermin: Mittwoch, 1. Dezember, 21.45 Uhr, Arte