So., 27.05.12

Digitale Werke 27.11.2010 Das Problem einer Kunstszene

Augentäuschung in der Kunsthalle Wilhelmshaven (Foto)
Die digitale Video-Installation Cloudtank, 2009 des Schweizer Künstlers Rainer Eisch in der Kunsthalle Wilhelmshaven. Bild: dpa

Die moderne digitale Kunst ist bedroht. Datenträger zerfallen und für Werke, die vor 20 Jahren entstanden sind, fehlen Abspielgeräte und Programme. Sammler und Museen sind aufgeschreckt.

In den Sammlungen vieler Museen zerfallen digitale Kunstwerke. Datenträger wie CDs und DVDs haben nur eine begrenzte Lebensdauer. Außerdem kann Medienkunst aus den 1980er und 1990er Jahren heute oft nicht mehr gezeigt werden, sagte Bernhard Serexhe vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe der Nachrichtenagentur dpa. Ein Grund sei, dass die damals eingesetzte Hardware nicht mehr zur Verfügung stehe. Außerdem hätten sich die Betriebssysteme und Programme so schnell entwickelt, dass bereits zehn Jahre alte Werke nicht mehr nutzbar seien.

«Das zentrale digitale Versprechen einer langfristigen Datensicherheit ist bisher nicht eingelöst worden», bedauert der Kunsthistoriker. Die Museen suchten händeringend nach Möglichkeiten, ihre Schätze zu retten.

Konservierung vernachlässigt

Die kulturellen Einrichtungen hätten in den 1990er Jahren die Langlebigkeit digitaler Technologien überschätzt. Gleichzeitig wurde nach Ansicht von Serexhe die Konservierung der Kunstwerke vernachlässigt - nicht zuletzt auch aus Geldnot. «Häufig wurden Werke in defektem Zustand ins Depot genommen», sagte Serexhe. «Viele von ihnen sind bereits verloren gegangen, viele andere können nur unter großem personellen und finanziellem Aufwand rekonstruiert werden.»

Die Kunstszene stehte vor einem grundsätzlichen Problem. «Welche Konsequenzen hat es, wenn wir bei digitalen Kunstwerken heute von Verfallszeiten von unter zehn Jahren ausgehen müssen?» Je schneller die technische Entwicklung voranschreite, desto kürzer werde die Halbwertzeit der Werke.

Der Wunsch nach Beständigkeit der Kunst stehe im Widerspruch zu den Marktinteressen der Computer- und Softwareproduzenten, die auf einen schnellen Wechsel der Programme setzten. «Um am Markt bestehen zu können, darf es keine langfristig sicheren Systeme der Speicherung geben», erläutert Serexhe die Strategie der Unternehmen.

Diese Entwicklung bedroht für den Kunsthistoriker auch das kulturelle Gedächtnis. «Das kulturelle Erbe ist, nicht zuletzt wegen Forderungen mächtiger Lobbyisten, in den vergangenen Jahren immer mehr digitalisiert worden.» Damit könnten die Werke international vermarktet werden. Nicht gelöst sei allerdings die Frage, wer dafür Sorge trage, dass dieses Erbe die Neuerungen bei den Prozessoren und Programmen überlebe.

Als Beispiel nannte Serexhe ein CD-ROM-Archiv des spanischen Künstlers Antoni Muntadas aus dem Jahr 1999 - mit Bildern sowie Texten und Interviews in drei Sprachen. «Das Beste also, was sich ein Kunstwissenschaftler als Dokumentation auf diesem Gebiet wünschen kann.» Auf einem Macintosh-Rechner sei diese CD-ROM seit 2007 nicht mehr zu betrachten, da dem neuen Betriebssystem Mac OS X das notwendige Anwendungsprogramm fehle. Auch neuere Microsoft-Programme verweigerten sich. «Es ist uns auch mit unseren Spezialisten im Haus nicht gelungen, die von uns selbst mitproduzierte CD-ROM zum einwandfreien Abspielen ihrer Daten zu bringen.»

Das ZKM beherbergt nach eigenen Angaben die weltweit bedeutendste Sammlung digitaler Kunst. Seit Januar 2010 leitet es das EU- Forschungsprojekt Digitale Kunst, das auf drei Jahre angelegt ist.

boi/news.de/dpa
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