Der Schauspieler Franz Xaver Kroetz dreht wieder fürs Fernsehen. In der ZDF-Produktion mit dem Arbeitstitel «Moor der Angst» spielt der 64-Jährige einen zwielichtigen alten Mann, der auf die junge Künstlerin Josefine (Maria Simon) trifft.
München (dpa) - Der Schauspieler Franz Xaver Kroetz dreht wieder fürs Fernsehen. In der ZDF-Produktion mit dem Arbeitstitel «Moor der Angst» spielt der 64-Jährige einen zwielichtigen alten Mann, der auf die junge Künstlerin Josefine (Maria Simon) trifft.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa spricht Kroetz über seine Rolle als Schauspieler und über seine Lebensaufgabe, das Schreiben von Theaterstücken. Vor sechs Jahren hat Kroetz damit aufgehört. «Es wurde aber immer mühevoller, immer schwieriger. Und manchmal habe ich wirklich auf meinen Schreibtisch geschaut und gedacht: Das sind die letzten Zuckungen eines Wahnsinniggewordenen», sagte er.
Sie haben jahrzehntelang Theaterstücke geschrieben. Was ist beim Arbeiten fürs Fernsehen anders? Ist man fremdbestimmter?
Kroetz: «Ja, ganz klar. Drum mag ich es auch nicht so gerne. Man ist abhängig Beschäftigter. Sie haben eine Lohnsteuerkarte, sie müssen unterschreiben, dass sie den Anordnungen der Produktionsfirma Folge leisten. Aber am Ende bleibt mir vielleicht nichts anderes übrig. Schreiben tue ich fast nichts mehr. Inszenieren fragt mich auch kaum jemand. Also bleibt vielleicht nur der Beruf des Schauspielers übrig. Und wenn man den einmal im Jahr macht, nimmt das auch keinen Schaden an seiner Seele, dann wird man nicht zum papageienhaften Gesichtsvermieter. Dann bleibt man doch der, der man ist. Aber Theaterstücke schreibe ich tatsächlich keine mehr. Das ist irgendwie ausgelaufen, aber es ist so.»
Das Schreiben war also wie eine Goldader, die irgendwann einfach versiegt ist?
Kroetz: «Ja. Zu Anfang habe ich Stücke geschrieben und das purzelte raus. Es wurde aber immer mühevoller, immer schwieriger. Und manchmal habe ich wirklich auf meinen Schreibtisch geschaut und gedacht: Das sind die letzten Zuckungen eines Wahnsinniggewordenen. Ich habe hundertmal alles umgeschrieben und geändert. Eigentlich wird man ja Meister wenn man älter wird, als Schriftsteller ist es genau andersherum.
Mit 20 konnte ich in drei Tagen ein Theaterstück schreiben. Und mit knapp 60 brauchte ich drei oder sogar zehn Monate. Ich habe jedes Zutrauen verloren bis ich dachte, ich komme in die Klapsmühle. So sehr mich das Schreiben die ersten 20 oder 30 Jahre befreit hat, so sehr hat es mich die letzten zehn Jahre auch vergiftet. Es kam nicht mehr richtig raus, das war ein Würgen. Es war nicht mehr ein fröhliches befreiendes Kotzen.»
Können Sie sagen, in welchen Situationen in Ihrem Leben Ihnen dieses «Auskotzen» geholfen und in welchen es Ihnen geschadet hat?
Kroetz: «Nein, das Schreiben war toll. Leben und Schreiben war eins irgendwie. Das Theater und die Aufführungen haben mich nicht so interessiert. Schreiben war wie eine Droge. Mit ganz wenig Dialogen eine Riesenszene, eine ganz große Bewegung im Menschen ausdrücken. So wie in meinen frühen Stücken. Da sind Welten eingefangen. Das war genial, wunderbar, mühelos. Sonst wäre ich im Knast gelandet oder ich hätte mich umgebracht.
Hat das Schreiben auch ihr privates Leben und ihr Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen verändert?
Kroetz: «Ja, ich war natürlich ein ganz schlechter Vater. Ich habe zwei Kinder, die praktisch keinen Vater hatten, weil ich schreiben wollte. Ich wollte nicht Papa spielen. In mir waren all diese Abgründe. Und um die rauszubringen, muss ein Schriftsteller einsam sein. Ich habe in jungen Jahren monatelang vor der Schreibmaschine verbracht. Sie müssen einen Kokon bauen, damit sie da drin sind, in diesen Figuren. Da bin ich so über manche Leiche gegangen. Ich war kein netter Junge, mir graust es auch, wenn ich daran zurückdenke.
Mit 40 war diese heiße Phase dann vorüber. Danach ist es viel ruhiger geworden. Die Kinder, die ich mit Marie Theres, der Tochter von Maria Schell, habe, die haben sehr wohl einen Vater gehabt. Ich glaube, ich war auch ein guter Vater, da war ich dankbar.»
Warum haben Sie das Angebot von Helmut Dietl abgelehnt, in der Neuauflage von «Kir Royal» wieder als Klatschreporter «Baby Schimmerlos» aufzutreten?
Kroetz: «Baby Schimmerlos krieg ich nicht mehr los. Aber ich muss ihn auch gar nicht loskriegen, ich hab ihn gerne. Als alter Mann will ich die Figur aber nicht mehr demontieren. Es ist so mühevoll, wenn ich in diese Figur jetzt wieder rein springe.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der Schimmerlos gar nichts gelernt hat. Der ist 25 Jahre einfach in der Tiefkühltruhe gewesen und kam wieder raus. Das war nicht lebendig. Ich hätte gerne den Schimmerlos als alten klugen Sack gespielt.»
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