Von news.de-Redakteurin Ina Bongartz
Gefährlicher Trend: Immer mehr junge Eltern veröffentlichen Fotos ihrer Kinder in sozialen Netzwerken. Doch bei all ihrem Stolz auf die lieben Kleinen vergessen sie die Konsequenzen und übersehen die Gefahren. Denn: einmal online, immer online.
Es ist im Grunde sehr gut nachzuvollziehen: Junge Eltern sind furchtbar stolz auf ihren Nachwuchs, wollen ihn allen Verwandten und Freunden zeigen. Soziale Netzwerke wie Facebook, Myspace und MeinVZ bieten dafür schier unendliche Möglichkeiten.
Emmas erster Geburtstag, klein Julian auf dem Schoß vom Weihnachtsmann oder Schulkind Paul mit der großen Zuckertüte im Arm - wenige Klicks und die Schappschüsse sind online gestellt.
Von mehr als 70 Prozent der unter Zweijährigen in Deutschland wurden schon einmal Fotos online gestellt. Dies zeigt eine Studie der Internet-Sicherheitsfirma AVG. Sie befragte 2200 Mütter aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Kanada, den USA, Australien, Neuseeland und Japan. Die Ergebnisse sind alarmierend.
Ultraschallbilder und Babys eigene Mail-Adresse
30 Prozent der befragten deutschen Mütter gaben demnach an, Fotos ihres Neugeborenen ins Netz gestellt zu haben, 15 Prozent veröffentlichten sogar ihre Ultraschallbilder. Sieben Prozent der Babys in Deutschland haben gar eine eigene E-Mail-Adresse.
Über die Konsequenzen ihres digitalen Fotoalbums sind sich jedoch die wenigsten Eltern im Klaren, wie Dr. Stephan Humer, Experte für Internetsoziologie an der Universität der Künste Berlin, im Gespräch mit news.de bestätigte: «In den meisten Fällen können sie einfach nicht die Tragweite ihres Handelns im Netz überblicken. Wo landet das Bild? Wo könnte es mal landen, wenn Facebook die Daten verkauft? Was wird damit gemacht? All diese Dinge müsste man eigentlich vorher berücksichtigen.» Hinzu komme, so Humer, dass User eher unbewusst in den Einflussbereich großer Konzerne geraten, die die Netzwerkprofile für ihre Zwecke ausspähen.
Trotzdem gehöre es für viele mittlerweile dazu, auch eigene Netzwerkprofile für den Nachwuchs anzulegen, weiß Humer und erkennt ein weiteres Problem: «Ich sehe soziologisch-psychologisch das Problem: Wenn Eltern Profile für ihre Kinder einrichten, haben sie eine unglaubliche Identitätsarbeit zu leisten. Das aufrecht zu erhalten und die Kinder so darzustellen, wie sie dann auch sind, ist eine riesige Aufgabe. Die meisten Leute schaffen es im Regelfall kaum, ihr eigenes Erscheinungsbild so zu managen, dass es immer nur zu ihrem Vorteil ist.»
Was ist im schlimmsten Fall vertretbar?
Grundsätzlich seien die globalen Datenspeicherungsmöglichkeiten für den normalen User kaum abzuschätzen. Humer empfiehlt: «Eltern sollten sich immer fragen: Was kann ich vertreten, auch für den schlimmsten angenommenen Fall? Ist es für mich tragbar, wenn ein Bild meines Kindes beim Kindergeburtstag auf dem Rechner von Fremden landet?» Eltern sollten immer im Hinterkopf haben, dass es einfach nicht absehbar ist, wo und wie das Bild von Paul auf seinem Bobbycar oder das von Lisa beim Ponyreiten in Zukunft verarbeitet wird.
Was einmal online ist, bleibt es meist auch. Von vielen Eltern höre er völlig naive Argumente, sagt Humer. Warum sollte denn gerade mein Kind für Fremde interessant sein? Oder: Dann wird das Bild eben angeschaut, doch wenn derjenige seinen Browser schließt, werden die Bilder ja gelöscht. «Das Problem ist, dass es eben nicht so wenig ist, was mit den Fotos dann geschieht. Es stehen immer auch kommerzielle Zwecke im Hintergrund. Das öffentliche Abgreifen von Bildern kann mit Leichtigkeit automatisiert werden, auch wenn das offiziell bei Facebook verboten ist.»
So können sich Eltern vor Missbrauch schützen
Wer weder Zeit noch Lust habe, sich technisch mit dem Thema Datensicherheit auseinanderzusetzen, sollte sich gegen die Veröffentlichung in Internet entscheiden, empfiehlt der Experte. Wer hingegen technisch einigermaßen kompetent sei, habe gute Möglichkeiten, relativ sicheren Schutz herzustellen.
Eine gute Alternative sei zum Beispiel eine eigene Website mit Passwort, das nur an Ausgewählte geschickt wird. «Dann ist schon mal eine sehr starke Eingrenzung möglich, die technisch zwar nicht perfekt ist, aber in die richtige Richtung geht.»
Nicht-Veröffentlichen oder eigene Homepage: Für welche Möglichkeiten sich Eltern auch entscheiden, für Stephan Humer ist wichtig: «Die Verantwortung für das Kind sollte in jedem Fall wichtiger sein als das eigene Erscheinen im Netz. Als Erwachsener kann man selbst entscheiden, was man von sich preisgibt, als Kind nicht.»
eia/ruk/news.de