Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger - 07.11.2010, 16.55 Uhr

Wolfgang Herrndorf: Ausbüchser, die einen mitnehmen

Jugendroman mit Wumms: Wolfgang Herrndorf schreibt mit Tschick eine sehnsüchtige Geschichte. Der famose Roman ist wohl nur entstanden, weil der Autor vom Schicksal aufs Äußerste herausgefordert wurde.

Der Roman Tschick von Wolfgang Herrndorf. Bild: PR/Rowohlt

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich Tschick zu nähern. Die zweite führte über einen, der die Netzgemeinde polarisiert: Sascha Lobo. Er twitterte Ende September, dass der Autor Wolfgang Herrndorf sein Leben mit einem Hirntumor und der dazugehörigen Therapie aufschreibt und ins Netz stellt. Ohne diesen wahnwitzigen Kampf ums Überleben wäre dieses geschriebene Roadmovie wohl nie entstanden.

«Ich werde noch ein Buch schreiben», schreibt Herrndorf in seinem Blog. «Egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.» Als Steinbruch dient ihm ein Text, den er sechs Jahre zuvor innerhalb von «zwei, drei Tagen» als «Gedankenstütze» angefangen hatte. Schreiben, um zu überleben.

Und Herrndorf hat geschrieben. Tschick hat er einen herrlichen Sound gegeben, beim Lesen schwingt ganz leise ein weicher Beat mit. Schon mit In Plüschgewittern hatte er gezeigt, dass er mit offenen Augen durch die Welt geht und seinen Lesern das, was er da sieht, unaufdringlich fürs wohlige Kopfkino zur Verfügung stellt. Damals beschrieb er einige Jahre vor allen anderen die hedonistische Halbwelt der Generation Dreißigirgendwas, nun ist es die Sehnsucht nach Abenteuer, nach Leben abseits der gefühlten Dörfer am Rande der Stadt.

Tschick ist ein Jugendroman und ein Roadmovie, der nicht ganz so vertrackt ist wie Juli Zehs Spieltrieb und mit angenehmer Unbeschwertheit über die Abgründe einer normalen deutschen Großstadtjugend surft . Alkohol, untreue Eltern, eben das volle Besteck. Und dann diese Langeweile. Tschick ist die Geschichte zu den Aral-Tankstellen-Bildern von Tobias Zielony in Story/No Story, die der Vorortjugend und ihrem Leben an beleuchteten Plätzen in urbanen Randzonen ein Denkmal setzen. Den Soundtrack dazu liefert Arcade Fire mit The Suburbs.

Und dass der geheimnisvolle russische Junge Tschick heißt, ist kein Zufall. Tschick ist österreichisch für Zigarette und genau die ist schließlich das Symbol für die Pubertät und die große weite Welt der Raucherecke und der tiefergelegten Autos, die dann an Wochenenden adrett an der Tanke aufgereiht werden. Vieles passt also zusammen, bei dieser Eintrittskarte fürs eigene Kopfkino. Und das Gute daran: Den Film gibt es nur einmal.

Autor: Wolfgang Herrndorf
Titel: Tschick
Verlag: Rowohlt
Seiten: 256
Preis: 16,95 Euro
Erscheinungsdatum: September 2010

som/news.de

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