Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Gerüchteküche unter Hochdruck: Im Kinofilm Einfach zu haben gerät Emma Stone unter die Räder einer Notlüge. Die ganze Schule hält sie für eine Schlampe, dabei kann sie einfach nur nicht «Nein» sagen.
«Uhh», seufzt Olive. «Ahh», stöhnt Brandon. Die beiden hüpfen auf dem Bett herum und schlagen mit der flachen Hand an die Wand. Vor der verschlossenen Tür hockt die versammelte Partygesellschaft und denkt, dass es hinter dem Pressholz richtig zur Sache geht. Aber Brandon ist schwul und Olive rettet ihm gerade die Highschool-Zeit.
Was mit einem Freundschaftsdienst begann, wächst sich im Film Einfach zu haben zu einer Gerüchteküche gigantischen Ausmaßes aus. Olive (Emma Stone) ist eines dieser Mädchen, die in der Schule im Schatten der Cheerleader und Footballspieler leben – kein graues Mäuschen, aber zu smart, um in dem System aus Popularität ganz nach oben zu schwimmen. Bis eben dieses Gerücht in die Welt tritt. Plötzlich spricht die ganze Schule von ihr und Olive genießt das erst einmal. Mit Ingrimm bastelt sie sich ein Schlampen-Outfit und tut auch sonst alles dafür, dass sich der Tratsch an der Schule weiter aufheizt. Allerdings nimmt der dann solch monströse Formen an, die sie nicht mehr kontrollieren kann.
Wer jetzt eine Highschool-Komödie nach Schablone befürchtet, wird angenehm überrascht. Regisseur Will Gluck gelingt es, sich innerhalb des abgenutzten Genres freizuschwimmen und das ist sicherlich einer der Gründe, warum dieser Film so erfolgreich ist: Die US-Kritiker sind zum größten Teil begeistert und auch die Kinokassen füllen sich. Allein am Eröffnungswochenende hat der Film in den USA 17.734.040 Dollar eingespielt.
Die Würze in der Reibeisenstimme
Mit Einfach zu haben ist eine erstaunlich intelligente Highschool-Komödie gelungen. Regisseur Will Gluck beweist mit dem Film ein feines Gespür für lebendige Dialoge und den besonderen Charme von Jugendsprache. Leider geht allerdings einiges von dieser Frische in der deutschen Fassung verloren. Einen großen Beitrag zum Erfolg dieses Films leistet die talentierte Hauptdarstellerin Emma Stone. Sie spielt die Rolle der Olive mit einer beeindruckenden Lässigkeit und einem großartigen Gespür für Komik und Sprache. Ihre Reibeisenstimme gibt den Dialogen eine würzige Ironie. Stone zeigt eine erfrischende Distanz zu sich selbst und ihrer Figur - genau deshalb macht dieser Film auch so großen Spaß.
Im Grunde geht es auch nicht um das typische Highschool-Geplänkel, sondern darum, wie die Blicke der anderen das eigene Verhalten ändern. Zunächst pflegt Olive ihre «Mir-doch-egal-was-die-anderen-denken»-Attitüde: Sie schleckt provokant Löffel ab, zwängt sich in Korsagen und simuliert reihenweise Schäferstündchen – muss dann aber feststellen, dass das doch nicht so einfach ist. Ruckzuck ist sie vom Star der Schule in die Isolation abgedriftet.
Das Gerücht hat sich verselbstständigt, jegliche Versuche, das Ganze aufzuklären, scheitern. Selbst die Vertrauenslehrerin drückt Olive nur eine Handvoll Kondome in die Hand, statt ihr zuzuhören. Das mag auch daran liegen, dass sie sich selbst in ihrem eigenen Lebenswandel ertappt fühlt.
Scharmützel am Küchentisch
Eine großartige Entdeckung sind außerdem die Nebenfiguren, die allesamt liebevoll konzipiert sind: Olives Eltern (Stanley Tucci und Patricia Clarkson), die sich zu gewitzten Scharmützeln am Küchentisch treffen. In diesem Haushalt werden Schimpfwörter mit Erbsen gelegt und das Adoptivkind muss sich die Frage «Wo kommst Du eigentlich her?» gefallen lassen. Das sind Erziehungsberechtigte, von denen jeder Teenager nur träumen kann. Der Film beweist gerade in diesen Szenen ein traumwandlerisches Gespür für Situationskomik. Eine ganz große Stärke sind die rasanten und intelligenten Dialoge.
Gleichzeitig transportiert Gluck Tiefgang mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. Dazu gibt es auch noch ein wenig intellektuellen Input, wenn die Filmemacher Parallelen zwischen Olive und Hester Prynne, der Ehebrecherin aus Nathaniel Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe, ziehen. Schöne Filmzitate, wie John Cusacks Liebeserklärung mit dem Ghettoblaster im Film Teen Lover, halten auch Cineasten bei Laune. Dabei legt die Geschichte ein Tempo vor, auf das manch ein Actionfilm neidisch werden könnte.
Etwas versteckt schlummert unter all dem auch eine Kritik an der Twitter- und Facebook-Manie. Der Film funktioniert nämlich auch als Parabel auf den Trend, jede Kleinigkeit über soziale Netzwerke zu kommunizieren, statt selbst zu leben. Während ihre Mitschüler ständig an ihren Smartphones kleben, um die neuesten Gerüchte auszutauschen, rührt Olive ihr Handy nie an. Nur am Ende nutzt sie das Netz, um sich aus den Verstrickungen wieder zu befreien.
Titel: Einfach zu haben
Regie: Will Gluck
Darsteller: Emma Stone, Penn Badgley, Amanda Bynes, Lisa Kudrow, Stanley Tucci, Patricia Clarkson
Filmlänge: 92 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Sony
Kinostart: 11. November 2010
Lesen Sie dazu auch das Interview mit Regisseur Will Gluck