Von news.de-Redakteur Christian Vock
Ein Kind verschwindet. Wurde es zuvor misshandelt? Das Krimi-Drama In aller Stille stellt Fragen, die sich alle Eltern stellen sollten: «Wie weit ist zu weit?» und «Wann bin ich selbst Täter, wann mein Kind Opfer?» Ein ebenso exzellenter wie beklemmender Film.
Morgens irgendwo in Oberbayern. Die alleinerziehende Kommissarin mahnt ihre Kinder zur Eile. Sie selbst muss zum Dienst, die Kinder zur Schule und in den Kindergarten. Es herrscht kein rauer Ton, aber es liegt auch keine Heile-Familien-Atmosphäre in der Luft. Alltag in Deutschland. Am Abend wird die Kommissarin zu einem Fall von möglicher Kindesmisshandlung gerufen. Auch das: Alltag in Deutschland.
Eine Nachbarin will gesehen haben, wie der kleine Max Anik von seinen Eltern vor die Tür geschickt wurde. Zwei Stunden soll der Junge in der Kälte gestanden haben. Doch die Aniks wiegeln ab. Es seien höchstens ein paar Minuten gewesen, damit der zornige Kleine sich ein wenig abkühlen könne. Kommissarin Amberger (Nina Kunzendorf) sieht nach dem Jungen, der bereits im Bett liegt. Doch als sie ihn auf Misshandlungsspuren untersuchen will, lässt sie sich vom Vater einschüchtern. Ein paar Tage später ist der kleine Max plötzlich verschwunden.
Wie viel Täter steckt in mir?
Die Botschaft ist klar und eindeutig: Kindesmisshandlung ist eines der widerlichsten Verbrechen, die es gibt. Doch hinter dieser klaren Botschaft ist nicht alles schwarz und weiß. Wenn die Kommissarin den Mann, den sie tags zuvor dem Jugendamt gemeldet hat, plötzlich in der Bäckerei trifft, beide mit ihren Kindern an der Hand. Wenn beide jede Handbewegung, jedes Wort des anderen genau beäugen. Wenn die gestresste Kommissarin ihren quengelnden Sohn etwas grober anpackt und der verdächtigte Vater ihr bei ihrer Hilflosigkeit zusieht, dann ist das beklemmend.
Dann zweifelt man. Fragen kriechen in den Kopf. «Wo ist die Grenze zwischen einer strengen Erziehung und Misshandlung?», «Wann mischt man sich nur ein, wenn man sich einmischt, und wann hilft man?» oder «Wann darf ich den ersten Stein werfen?» Fragen, denen sich auch Kommissarin Amberger stellen muss. Sie selbst ist alles andere als eine perfekte Mutter. Scheidungskampf und Beruf reiben die Kommissarin auf und belasten das Familienleben mit ihren Kindern. Am Tag, an dem sie zu den Aniks gerufen wird, muss sie sich selbst vor der Kindergärtnerin rechtfertigen, was mit ihrem Kind los sei, es sei so anders. Ihr Junge schlafe schlecht wegen des Hustens, beschwichtigt sie, obwohl sie weiß, dass der wahre Grund der Scheidungskrieg ist.
In aller Stille setzt immer wieder diese Nadelstiche, in denen sich der Zuschauer selbst hinterfragen muss. Manchmal ganz subtil und manchmal mit dem Vorschlaghammer. Wie viel Täter steckt in mir selbst? Das sind die Momente, in denen der Krimi zum Drama umschlägt und den Zuschauer dazwischen schweben lässt.
Ein Kopf-Bauch-Trauma
Im wahrsten Sinne des Wortes wird auch der Film in aller Stille erzählt. Die Filmmusik ist reduziert, die filmischen Mittel sparsam eingesetzt. Die Kameraführung ist streckenweise frei, was den Zuschauer zum einen mitten hinein versetzt, aber dennoch in der Position des Beobachters lässt. Diese Distanz lässt ihm den Freiraum, über die Fragen nachzudenken, während ihm die Geschichte gleichzeitig an die Nieren geht. Ein Kopf-Bauch-Trauma, wenn man so will.
Wenn etwa Ambergers Kollege Kirmayer (Maximilian Brückner), während sie die Gegend nach dem kleinen Max absuchen, angsterfüllt schreit: «Ich will das Kind gar nicht finden! Wenn wir's nicht finden, kann man sich vorstellen, dass gar nichts passiert ist.» Solche Sätze reißen einem das Herz heraus und bringen die Atmosphäre auf einen einzigen Punkt.
Wo die Filmkunst derart reduziert ist, müssen die Schauspieler umso mehr leisten und sie tun das ganz beeindruckend. Allen voran Nina Kunzendorf (bald auch als Tatort-Ermittlerin zu sehen) als überforderte Mutter und Kommissarin, die durch den Fall nicht nur an ihre Grenzen gerät, sondern auch in die Fänge der eigenen Vergangenheit. Nicht weniger brillant spielt Michael A. Grimm den verdächtigen Vater, der, gerade weil selbst Täter, den Finger umso tiefer in die eigene Wunde legen kann. Ein Happy End, so viel ahnt man schon nach den ersten Minuten, kann dieser Film nicht haben. Stattdessen entlässt er den Zuschauer mit seinen Fragen. In aller Stille.
Titel: In aller Stille
Regie: Rainer Kaufmann
Darsteller: Nina Kunzendorf, Michael Fitz, Maximilian Brückner, Michael A. Grimm
Sendetermin: 3. November um 20.15 Uhr im Ersten
Liebes Rapunzele, Vielleicht verstehen sie es besser, wenn Sie wissen, dass wir fast 80 und 82 sind und die Enkel dazu missbraucht wurden um unseren Alters-Ruhestand zu zerstören. Das ist einfach schändlich.
jetzt antwortenKommentar meldenLieber Herr Melzer,bitte bitte werfen sie persönlich erfahrene Beleidigungen durch ihre Schwiegertochter nicht in einen Topf mit dem Leid das Kindern durch Missbrauch irgendwelcher Art passiert! Da ich selbst ein missbrauchtes Kind bin/war, fühle ich mich durch solche Vergleiche in meiner damaligen Not und meinem langen Leidensweg durch schlimme Krankheit und lange anstrengende und aufreibende Therapien und Erfahrungen nicht ernst genommen oder gar wieder indirekt missbraucht! Da besteht nämlich ein riesiger Unterschied zu ihren Geld- und Ehrenproblemchen!!!!!
jetzt antwortenKommentar meldenzum fernsehfilm - wir erwachsenen vergessen, dass wir auch einmal kinder waren zum kommentar 1 - haben sie jemals hinterfragt, was der anlass des handels der schwiegertochter ist und kinder gehören uns nicht - - so können sie die zuneigung auch nicht mit geld oder immobilien kaufen - - trotzdem finde ich es schade, wenn familien nicht miteinander kommunizieren und auseinandersetzungen bzw. klärungen des problems scheuen. würde es ihnen wünschen, wenn sie sich wieder näher kämen
jetzt antwortenKommentar meldenEs gibt viele Arten der Kindsmisshandlung.Was unseren Enkeln passierte ist auch schwere Kindsmisshandlung. Eine bösartige Schwiegertochter die vom ersten Tag an vorsätzlich unsere Familie zerstört hat hält seit fast 7 Jahren die Enkel von uns fern und ging uns sogar massiv mit dem Rechtsanwalt an obwohl wir den Kindern und unserem Sohn nur Gutes getan haben.Das ist Grausamkeit uns und den Kindern gegenüber denn wir haben die Kinder nie in die Auseinandersetzungen einbezogen,wohl aber unser Sohn und seine Frau.Alles als Dank dass wir ihm kurz vorher € 20.000 und Immobilien geschenkt haben.
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