Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Irreführend: Wer in Laniers Buch Gadget etwas Spielfreude erwartet, wird enttäuscht. Der zum Internet-Visionär ernannte Computer-Experte krittelt an der Digitalisierung herum, ohne Antworten auf drängende Fragen zu geben.
Nur wenige verstehen die Computertechnik, niemand so ganz. All das, was sich unaufhaltsam in unseren Alltag schleicht, wird von digitalem AnAusAnAus auf logisch einfachste Weise gesteuert. Und doch verlieren wir ab und an den Kopf, wenn die Geschwindigkeit der Daten zu hoch wird. Laden uns die Festplatte voll mit Dingen, die wir in diesem Leben gar nicht mehr wahrnehmen können.
Jaron Lanier ist einer, der sehr viel von der Digitalisierung versteht, für einige ist er gar ein Visionär und ein Internet-Pionier. Zumindest eines der beiden Attribute ist fragwürdig, besteht seine Vision von der digitalen Gesellschaft doch im Kern darin, alles möglicherweise Schlechte zusammenzukehren und dann auf einer mit viel Staub beladenen Kehrschaufel zu zeigen und zu sagen, wie dreckig das hier doch sei im Internet.
Im Reinraum der digitalen Experten kommt solch ein Kulturpessimismus nicht gut an, in den Redaktionen großer Tageszeitungen hingegen schon. Und so hat der umtriebige Lanier zuletzt im Januar bei der Vorstellung seines Manifests hierzulande die vom Internet bedrohten Printjournalisten zu seinen Gefährten gemacht, um seine nur wenig lösungsorientierten Gedanken zu transportieren. Er nutzt das Unwissen und die Ängste geschickt für seine Zwecke, bereitwillig bauten ihm die gefühlt dem Untergang geweihten Feuilletonisten ein Denkmal.
Und nun entwirft er ein morbides Bild unserer Gesellschaft, alles sei auch unter der Zuhilfenahme digitaler Techniken verkommen: Die Finanzwirtschaft, die Musikbranche, gleich die ganze Popkultur und die Wissenschaft sowieso. Und der Mensch sei in diesen schnellen Entwicklungen ganz nebenbei aus dem Fokus aller Entwicklungen geraten. So fühlt sich Lamento 2.0 also an. Lanier will also ein Update der Ziele, zeigt aber nicht eindeutig auf, worauf er hinaus will. Will er das Telegraphenamt wieder einführen oder doch mit der neuesten IP-Telefonie kommunizieren?
In vielen Dingen hat Lanier ja auch nicht Unrecht, doch Recht hat er damit noch lange nicht. Seine Gedanken sind seit Anfang des Jahres in der Welt, darauf Bezug hat kaum jemand genommen. Arg holprig übersetzt schwankt Lanier zwischen Nerd-Philosophie und Banalitäten. Eines ist er damit nicht geworden: Einer, der in den Kreis der erfolgreichen Hochstapler aufgenommen werden wird. Schon eher stilisiert er sich zu einer Art digitalem Nostradamus, der die möglichst viele Katastrophen einer durchdigitalisierten Welt schon jetzt prophezeien will.
Seinem Manifest, das im Deutschen vielleicht wegen der unlängst über uns hereingebrochenen Manifest-Welle nur Gadget heißt, wird den Weg aller bislang zum Thema Digitalisierung und Internet verfassten Philippika gehen: Es spricht sehr bald niemand mehr darüber.
Autor: Jaron Lanier
Titel: Gadget - Warum die Zukunft uns noch braucht
Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 247
Preis: 19,90 Euro
"... wird den Weg aller bislang zum Thema Digitalisierung und Internet verfassten Philippika gehen: Es spricht sehr bald niemand mehr darüber." ...vielleicht sollten Sie das Buch einfach lesen, dann gäbe es auch genügend Ansatzpunkte, um sehr lange darüber zu sprechen. mfg
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