Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Martin ist weg. Charlotte Lindholms Mitbewohner hat die Flatter gemacht. Ganz plötzlich. Die Ironie: In Der letzte Patient ist Martin trotz fehlender Bildschirm-Präsenz so gegenwärtig wie nie. Das muss auch Charlotte Lindholm schmerzlich erfahren.
Männer! Zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen. Obwohl: Der Martin (Ingo Naujoks) war schon ein Guter, ein netter Schluffi halt. Hat Charlotte (Maria Furtwängler) die Drecksarbeit abgenommen, brav ihr Söhnchen David bespaßt und still vor sich hin gelitten, weil er immer nur der platonische Freund war. Und jetzt kommt die Frau Power-Kommissarin nach Hause und findet Martins Zimmer leer geräumt. Auf seinem Schreibtisch ein Brief. Was drin steht, erfahren wir nicht. Wir sehen nur Charlottes Reaktion. Sie ist eher erbost als bestürzt, quatscht ihm die Mailbox voll. Dass Martin einfach abgehauen ist, bringt sie schwer in Rage.
Der Tatort-Zuschauer war auf Martins Abgang seit Monaten vorbereitet, Charlotte Lindholm nicht. Man kann Ingo Naujoks den Entschluss aufzuhören nicht verdenken. Sein Martin war zur Passivität verdammt. Weiterentwickeln durfte er den Part nicht. Charlotte war, ist und bleibt die Strahlefrau. Martin fristete ein Dasein im Schatten. Wer will das schon auf Dauer?
Astrid Paprotta (Buch) und Friedemann Fromm (Regie) haben Martins «Flucht» geschickt in die Krimi-Handlung eingebunden. Der Krimi-Schreiber ist präsent wie nie. Und zwar ausgerechnet deshalb, weil er nicht auftaucht. Auf einmal muss sich Charlotte um alles selbst kümmern: Stullen streichen, David in den Kindergarten bringen und wieder abholen. Und siehe da: Charlotte scheint überfordert. Ungewohnt dünnhäutig und reizbar ist die Power-Kommissarin diesmal. Einmal wirft sie sogar ein Fahrrad um. Solche Gefühlsausbrüche kennt man sonst nicht von ihr.
Natürlich hat ihre Emotionalität auch mit dem aktuellen Fall zu tun. Die Ärztin Silke Tannenberg liegt tot in ihrer Praxis. Der Täter hat Feuer gelegt. Die Leiche ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Charlotte Lindholm ermittelt auf ausdrücklichen Wunsch ihres Chefs Stefan Bitomsky. Er kannte die Medizinerin gut. Wie gut, das wird die Kommissarin bald herausfinden. Silke Tannenberg lebte allein, hatte wechselnde Männerbekanntschaften. Sie suchte Liebe und fand Sex. Die Ermittler entdecken eine Art Videotagebuch, in dem die Ärztin ihre Erfahrungen mit ihren Liebhabern festgehalten hat. Es ist ein Dokument, das den Männern den Spiegel vorhält. Und Charlotte Lindholm ebenso. In Silke Tannenberg, Mitte 40, beruflich erfolgreich, allein, findet die Kommissarin ihre Gemütslage wieder. Ihre Sehnsüchte, ihre Einsamkeit. Das wirkt ein bisschen ausgedacht, zu sehr auf den Effekt getrimmt, verleiht dem Fall aber eine zusätzliche emotionale Dimension, die fasziniert.
Der letzte Patient der Ärztin war ein Jugendlicher. Tim König (großartig gespielt von Joel Basman) ist geistig zurückgeblieben und lebt in einer Pflegefamilie. Charlotte findet Zugang zu dem verstörten Jungen, der von «Anweisungen» faselt, die er nun nicht mehr ausführen müsse. Charlotte bohrt und stochert - und schlägt sich mit einer Kollegin herum, die das genaue Gegenteil von ihr zu sein scheint. Anja Dambeck, die Charlotte bei den Ermittlungen unterstützt, ist glücklich verheiratet und schickt ihre Kinder zur naturwissenschaftlichen Früherziehung und zum Geigenunterricht nach der Suzuki-Methode.
Eine blitzsaubere Familie also. Genau hinter solchen makellosen Fassaden lauert ja oft das Grauen. Der Krimi-Seher weiß das. Und ist deshalb alarmiert, als Charlotte Tims Pflegeeltern unter die Lupe nimmt. Auch hier das traute Familienidyll. Doch irgendetwas ist faul. Die wie erloschen wirkenden Augen von Tims Pflegebruder zum Beispiel. Nach bedächtigem Beginn nimmt dieser Tatort in den letzten 20 Minuten Fahrt auf. Und es sind die Männer, die am Ende ganz schlecht wegkommen: verlogen, erbärmlich, gestört allesamt - ein Kabinett des Vorstadt-Grauens. Ob die männerlose Charlotte nach diesem Fall noch Lust auf ein testosterongesteuertes Betthupferl hat? Es wäre ihr nicht zu verdenken, wenn sie die Typen demnächst einfach von der Bettkante schnippen würde.
Tatort: Der letzte Patient, Sonntag 31. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste
Habe versucht-gähn- durchzuhalten,bin -gähn- eingeschlafen - das Ende nicht mehr erlebt
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