Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Tatort-Kommissar Dietmar Bär einmal anders: Die Rolle des Gourmetkritikers Gilles ist ihm regelrecht auf den voluminösen Leib geschneidert. Die ARD tischt die deftige Satire zur Themenwoche «Essen ist Leben» auf und nimmt dabei auch die bizarre Medienwelt auf die Schippe.
Wenn die ARD eine Themenwoche mit dem denkbar weitläufigen Titel «Essen
ist Leben» ausruft, passen sogar die Spielfilmausstrahlungen zur Speisekarte. Nur fünf Tage nach der Vorpremiere bei Arte heißt es nun auch im Ersten Fasten à la Carte.
Wer allerdings glaubt, dass der TV-Film etwas über hiesige Essgewohnheiten verrät, irrt gewaltig. Regisseur Hans-Erich Viet rührt vielmehr eine deftige Mediensatire an – mit feiner Romantiknote im Abgang. Eines vorweg: Allzu scharf ist das Süppchen nicht. Den Magen wird sich hier garantiert keiner verderben. Aber der Schwank ist mit Dietmar Bär und Inka Friedrich vortrefflich besetzt. Und er ist bitterbös sarkastisch.
Eine Kreuzung aus Horrmann und Calmund
Bär, den TV-Zuschauer vor allem als Kommissar Freddy Schenk aus dem Kölner Tatort kennen, kämpft hier einmal nicht gegen das Verbrechen, sondern gegen Fastfood und den Verlust des guten Geschmacks. Als überheblicher Gastrokritiker mit dem frankophilen Künstlernamen Gilles Demmonget (eigentlich heißt er Günter Esser) zerpflückt er in seiner TV-Kochshow Nachwuchsköche wie Petersilie. Man kann sich ihn als eine Kreuzung aus Heinz Horrmann (Intellekt) und Reiner Calmund (Körper) vorstellen – bloß ohne Humor.
Doch dann soll Demmonget selbst in einem TV-Küchenduell antreten - gegen seinen Rivalen Paul Scheffke, einen jungen Wilden an den Töpfen. Die Einschaltquoten seiner Sendung bröckeln. Also bleibt dem Feinschmecker alter Schule nichts anderes übrig, als bei dem verhassten Kochzirkus mitzumachen.
Dumm nur, dass sich der Gourmet während einer Landpartie den Schädel angeschlagen hat. Die Folge ist fatal: Der Gaumenvirtuose hat den Geschmackssinn verloren. Ein Fastenhotel verspricht die letzte Rettung. Hatte nicht Zufallsbekanntschaft und Hotelchefin Marit (Inka Friedrich) gesagt, eine Woche Entgiftung auf ihrem Wellness-Areal rege die Sinne an? Aber die Skandalpresse lauert schon und fragt sich: Was treibt den TV-Gourmet ins Fastenhotel?
Pointierte Sprüche und munteres Spiel
Alle bekommen in diesem Film ihr Fett weg: die Kochshows im Fernsehen, die
Dekadenz der Nouvelle Cuisine - in Gestalt der von Dietmar Bär lustvoll verkörperten Hauptfigur, die Asketen, die lieber nachts an einem geräucherten Fisch riechen als rein zu beißen, die Boulevardpresse, versinnbildlicht von Martin Brambach als Chefredakteur-Ekel par excellence.
Dazu gibt es pointierte Sprüche aus dem Mund von Gilles Demmonget, die gelegentlich aufgesetzt klingen, die aber im Umfeld extrovertierter Medienmacher durchaus stimmig sind. Beispiele: «Der glaubt doch, Tafelspitz ist eine Hunderasse» oder «Ein dürrer Koch, das ist ja wie ein Gärtner mit manikürten Händen.»
Die Dialoge und das muntere Spiel mit den Klischees sind das Besondere an dieser sehr unterhaltsamen Komödie. Die Gäste im Fastenhotel, der klassische Bildungsbürger, der sich als Lkw-Fahrer entpuppt, die rheinische Frohnatur oder das Ehepaar, dessen Mann es förmlich die Sprache verschlägt – das macht Laune, weil häufig eine leise Brechung der Klischees gesucht wird.
Eiweiß-Fett-Junkie und Fastenfrau
So verpufft auch die Liebesbotschaft per Kochsendung am Ende – und es dauert noch einige Monate, bis sich der Eiweiß-Fett-Junkie und die Fastenfrau kriegen. Apropos: dass Fasten à la Carte so gut funktioniert, hängt auch mit den beiden Hauptdarstellern zusammen: Dietmar Bär und Inka Friedrich – er ist irgendwie zum Knuddeln und sie zum Reinbeißen!
Aber der Film ist nicht nur ein komödiantisches Glanzlicht. Er wirft auch die Frage auf, ob wirklich wie hier das raffinierte Essen so wichtig ist und ob gegen den Hunger dieser Welt zu kämpfen vielleicht nicht noch etwas wichtiger sein könnte als das einzig stimmende Rezept für Wachtelbrüstchen in Trüffelsauce und diese inflationären Kochshows, wohin man im TV auch zappt. Eines ist leider gewiss: Die Botschaft wird verpuffen und das große Fernsehfressen geht weiter.
Titel: Fasten à la Carte
Regie: Hans-Erich Viet
Darsteller: Dietmar Bär, Inka Friedrich, Martin Brambach
Sendetermin: Mittwoch, 27. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste
juz/news.de