Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke, Leipzig
80 Augen starren auf die Großbildleinwand. Hier läuft kein Fußballspiel, sondern der Tatort. Die erfolgreiche Krimireihe der ARD wird längst nicht nur vom heimischen Sofa aus geschaut, immer mehr junge Leute fiebern in Kneipen mit. News.de-Mitarbeiter Ronny Janke war dabei.
Es ist Sonntagabend. Ich sitze am Tresen der Wärmehalle Süd, einer kleinen Kneipe in der Leipziger Südvorstadt. Versunken im hohen Ledersessel starre ich umgeben von gelbgrünem Licht auf mein Astra und warte auf den Beginn eines Phänomens.
Noch ist das Lokal leer, aber in weniger als 30 Minuten wird es sich füllen. Oliver Gensch hat mir das erzählt und der muss es wissen. Der 27-jährige Kneipenwirt lädt jeden Sonntagabend zum Tatort-Schauen und Schnittchen essen ein. Es ist kurz vor 20 Uhr: Die Eingangstür öffnet sich, die ersten Menschen betreten das Lokal. In den nächsten Minuten werden 40 Leute an den kleinen Tischen Platz genommen haben und auf die riesige Leinwand starren.
Am 29. November 1970 lief die erste Tatort-Folge über die Fernsehbildschirme der deutschen Wohnzimmer. Ihr Titel: Taxi nach Leipzig. Der Clou der langlebigsten Krimi-Reihe Deutschlands: In verschiedenen Städten arbeiten unterschiedliche Ermittler. Für jeden Zuschauer, für jeden Geschmack ist also etwas dabei.
So auch für die Freundinnen Marie Meyer, Heike Zadow und Anja Wiech. Sie sitzen bequem auf einer alten Holzbank und erzählen, noch bevor Borowski und eine Frage von reinem Geschmack beginnt, warum der Tatort ihre Lieblingsserie ist: Marie ist seit einem dreiviertel Jahr Fan und findet es «gemütlich hier, im übergroßen Wohnzimmer». Anja erzählt mit einem Grinsen: «Seit zwei Jahren schaue ich den Tatort jetzt regelmäßig, aber nie allein. Entweder hier oder in einer Wohngemeinschaft.» Auch Heike kennt sich aus und meint, dass sich die Qualität der ältesten deutschen Krimireihe in den vergangenen Jahren gesteigert hat.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als erstaunt zu nicken: Drei 20-jährige junge Frauen lassen mich teilhaben an der Tatort-Faszination.
Jeden Sonntag kommen Marie, Heike und Anja in die Wärmehalle Süd. Der Grund: «Die Gemeinschaft ist uns wichtig. Auch die Kneipe ist uns sehr ans Herz gewachsen», sagt Anja. «Und es werden immer mehr, die regelmäßig wiederkommen», schießt Marie hinterher. Doch nicht alle Gäste, die sonntags in Kneipengesellschaft den Tatort schauen, sind Fans der kultigen Krimireihe.
«Ich verstehe nicht, warum die Serie so gefeiert wird»
Menschen, die nicht jünger als 20 und kaum älter als 30 Jahre alt sind, sitzen um mich herum. Darunter Daniel Schumann. Er ist mit einer Freundin hier - ihr zuliebe, wie es scheint. Denn schnell stellt er klar: «Ich schaue den Tatort nicht so gern.» Vor fünf Jahren hat er seinen ersten gesehen, verfolgt die Reihe seither aber eher unregelmäßig. «Ich verstehe nicht, warum die Serie so gefeiert wird», erzählt Daniel weiter. Trotzdem: Wenn der 30-Jährige schon den Tatort anschauen muss, dann lieber in der Kneipe. Obwohl Daniel kein Fan der Krimireihe ist, hat auch er einen Tatort-Liebling: den Münsteraner Krimi mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers in den Hauptrollen.
Dumm gelaufen für ihn, denn an diesem Abend ist Axel Milberg als Kommissar Borowski auf der Leinwand zu sehen. Kurz vorher war die berühmte Titelmelodie des Tatorts zu hören gewesen; dazu ist im Vorspann zu sehen, wie ein Mann flüchtet und von dem berühmten Fadenkreuz eingekreist wird. Die Titelmusik schreit «Obacht!» und plötzlich sind alle Kneipengäste still. Und da ist es, das Phänomen: Eine Kneipe, in der niemand spricht. Zumindest in den nächsten 90 Minuten.
Auch Anne Hennig steht heute Abend hinter dem Tresen. Die 28-jährige Studentin kann sich noch gut daran erinnern, wie der Tatort-Abend in ihrer Kindheit zum heimischen Schnittchen-Event wurde. Durch den Auszug aus dem Elternhaus kam es zu einer langen Pause, bis sie in einer Wohngemeinschaft und mit ihrer Ersatz-Familie zum ersten Mal vor einigen Jahren wieder angefangen hat, regelmäßig den Tatort zu schauen. Anne mag das Gefühl der Nostalgie, das die Krimis in ihr auslösen. «Die Tatorte sind besser geworden. Gerade die Krimis in Münster funktionieren so gut, weil die Charaktere so zynisch sind», urteilt sie fachmännisch.
So lange der Tatort läuft, hat Anne wenig zu tun. Keiner der Gäste wagt es, seinen Platz zu verlassen, um Getränke zu holen oder auf die Toilette zu gehen. Nur einmal muss Anne einschreiten, als das Bild auf der weißen Leinwand zu flackern beginnt. Doch auch das kann sie von der Theke aus erledigen und ruft in den Raum «Handys bitte ausstellen! Die stören den Beamer.»
In der heutigen Folge muss Borowski den Tod eines Jungen aufklären, der an einem allergischen Schock gestorben ist. Irgendwann wird auch der alleinerziehende Vater gezeigt, der auf dem Boden seiner Wohnung sitzt und mit dem plötzlichen Tod seines Sohnes klarkommen muss.
Ein Kameraschwenk nach oben und wie alle Zuschauer vor den heimischen Fernsehgeräten und geschützt vor fremden Blicken sieht jetzt auch die Leipziger Kneipenmannschaft, dass der tote Junge noch immer im heimischen Bett liegt. Ein einheitliches Raunen geht durch die Menge. Einige junge Frauen halten sich den Schal vor den Mund und senken angewidert den Blick.
Die kleine Kneipe ist gut besucht. So gut, dass einige junge Männer auch auf den Fensterbänken Platz genommen haben. Die Beine angezogen, das Kinn auf den Knien liegend, starren sie gebannt auf die große Leinwand - und den großen Kopf von Hauptkommissar Borowski.
Einige angeknabberte Nägel und sehr viele Zigaretten später
Mit steigender Spannung glimmen auch mehr Zigaretten auf. Ideal eigentlich, um eine Feldstudie zum Thema «Rauchen unter Stressbedingungen» durchzuführen. Die 90 Minuten sind fast um, Borowski hat den Fall gelöst und was noch bleibt, ist der nervenaufreibende Höhepunkt. Einige junge Frauen knabbern an ihren Fingernägeln, andere schauen nur noch mit zusammengekniffenen Augen nach vorn.
Kurze Zeit später: der Abspann. Es wird wieder hell im Raum, die meisten Gäste streifen ihre Jacke über und gehen. Schnell will ich noch von den drei Tatort-Expertinnen Heike, Anja und Marie wissen, wie sie den heutigen Krimi fanden. «Sehr gut», «mittelmäßig» und «Das Ende war spannend, bis dahin hat es sich aber gezogen», bekomme ich zu hören.
Das Lokal lichtet sich und Anne, die die ganze Zeit vom Tresen aus zugeschaut hat und deren Arbeit jetzt weitergeht, erzählt mir noch, wie sie Borowskis neue Kollegin, gespielt von Sibel Kekilli, heute erlebt hat. Die war nämlich erstmals in der Tatort-Reihe zu sehen, hinterließ aber bei Anne keinen guten Eindruck: «Sehr unscheinbar fand ich sie und noch bin ich nicht von ihr überzeugt», urteilt sie, während sie beginnt, den Tatort Theke aufzuräumen.
"Tatort" oft hervorragend, die Folge gestern mit Borowski/Kerkili war Sch ....., ein undurchsichtiges Heulusendrama, in dem es mehr um Flennen statt einen durchgängigen, durchschaubaren Handlungsstrang ging. Nur schwach! An die erste Folge "Taxi nach Leipzig" mit Walter Richter als Kommissar Trimmel und H. P. Hallwachs als DDR-Grenzer erinnere ich mich noch gut,war topp!!!!!
jetzt antwortenKommentar meldenGanz ehrlich, was soll dieser schwache Text hier? Ein Phänomen, was sich seit Jahren durch die Kneipenlandschaft zieht wird hier zwar nicht als neu, aber dennoch irgendwie verkauft. Völlig überflüssig und richtiggehend schlecht geschrieben. Hier werden alle Klischeeadjektive bedient, die man sich vorstellen kann und Protagonisten eingeführt, die nichts tragen, außer vielleicht ihren Taschen. Gut, dass ich gestern nicht in der Wärmehalle war. Wie es besser geht, zeigt z.b. dieser Text hier: http://www.zeit.de/2010/42/S-Humorschule
jetzt antwortenKommentar melden