Fr., 24.05.13

Martin Sonneborn Die Mauer steht noch

Heimatkunde (Foto)
In Heimatkunde seziert Sonneborn unerbittlich die Ost- und Westdeutschen Bundesbürger. Bild: Ullstein

Melanie SohnVon news.de-Redakteurin
Ganze 234 Kilometer ließ Martin Sonneborn hinter sich, um der Seele der Deutschen nachzuspüren. Seine Frage: Sind wir wirklich ein Volk? In Heimatkunde hat der Journalist seine Erlebnisse und Antworten festgehalten.

Zusammen mit dem Dokumentarfilmer Andreas Coerper wagte der Journalist Martin Sonneborn im Jahr 2008 eine Expedition in die Zone und wanderte 234 Kilometer rund um Berlin. Aus dem so zusammengetragenen Filmmaterial entstand Heimatkunde, ein Film, der dank Sonneborn, einen mehr als satirischen Blick auf die Bewohner des hauptstädtischen Speckgürtels wirft.

In Potsdam, Falkensee, Kleinmachnow, Königswusterhausen, Groß Glienicke und vielen Orten mehr, über den Gartenzaun zu linsen, war Sinn und Zweck der Aktion. Denn Sonneborn suchte die Antwort auf eine zentrale Frage: Sind wir wirklich ein Volk?

Betrunkene Holländer und FKK

Die Themen Einheit sowie Ost und West beschäfftigen den Satiriker schon lange, und so geht es auch in seiner Rundreise nur darum. Im nun erschienenen Buch, Heimatkunde, greift Sonneborn seine Reiseerlebnisse noch einmal schriftlich auf.

Er berichtet von FKKlern auf alten brandenburgischen Holzbrücken, bierliebenden Holländern, waschechten Wessis, die sich in der Ostzone breitgemacht haben, und Jörg Schönbohm, dem ehemaligen brandenburgischen Innenminister, unter dessen Haus Sonneborn einen Bunker vermutet.

Alle haben eines gemeinsam: Sie stehen der Einheit mehr als skeptisch gegenüber, fühlen sich vom Staat allein gelassen oder ausgebeutet und wünschen sich die Mauer zurück. Schließlich war früher alles besser.

Genau dieses Gefühl, das eines «schief zusammengewachsenen Landes», macht sich Sonneborn zunutze. Er ist weder zurückhaltend noch pietät- oder rücksichtsvoll. Er macht Satire, spottet, übertreibt und führt vor. Und dieses Unterfangen gelingt ihm prächtig.

Eine Wunde, die nicht heilt

Was der Journalist mit seiner Kunstform sagen will, ist klar - die Politik hat versagt und gaukelt Dinge vor, die unzutreffend sind, nicht im Mindesten mit der Meinung der Bürger übereinstimmen und über deren Ansichten und Belange einfach hinweggesehen wird.

Mit satirischem Geschick zieht er langsam das große Pflaster von der Wunde, die noch immer nicht verheilt ist. Das tut auf der einen Seite weh, auf der anderen stellt der Leser fest: Was Sonneborn zeigt und was die Menschen ihm freiwillig anvertrauen, ist echt. Die Bewohner sind unzufrieden, enttäuscht und fühlen sich ihrer alten Heimat beraubt. Und ja: Sie wollen die Mauer wieder.

Wer Satire mag, wird dieses Buch lieben. Es ist intelligent, amüsant, brüllend komisch und todernst – eine Spezialität Sonneborns. Der studierte Germanist und Politologe fand früh den Weg in den satirischen Journalismus. Seine Magisterarbeit schrieb er über die Wirkungsmöglichkeiten der Satire. Fünf Jahre war er Chefredakteur des Magazins Titanic, seit 2006 arbeitet er unter anderem für Spiegel Online.

Autor: Martin Sonneborn mit Andreas Coerper
Titel: Heimatkunde
Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 272 Seiten
Preis: 18,- Euro
Erscheinungsdatum: September 2010

 

car/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • dude2000
  • Kommentar 2
  • 24.10.2010 16:20
 Antwort auf Kommentar 1

Lässt sich mit Zahlen belgen - die mit Abstand größte Gruppe ist die Gruppe der Nichtwähler - diese wäre in jeden Landtag (insbesondere in Neufünfland) und auch im Bundestag die größte Fraktion

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  • Ex Parteiler
  • Kommentar 1
  • 24.10.2010 15:41
 

Schon mal Meinungsumfragen gelesen? "Die Politik hat versagt und gaukelt Dinge vor, die unzutreffend sind, nicht im Mindesten mit der Meinung der Bürger übereinstimmen". Das müsste sich ja mit Zahlen belegen lassen. Aber ausser ein paar frustrierten Frankfurtern, die durch die Verlagerung der Hauptstadt nach Berlin weiter an Bedeutung verloren haben, teilt das deutsche Volk solche Ansichten im Grossen und Ganzen nicht.

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