Prüfportal
Die Wikipedia-Spione

Ob Goethe, Bundestag oder Stuttgart 21 – Wikipedia hat die Informationen. Doch wie zuverlässig sind sie? Das Portal Wiki-Watch der Europa-Universität Viadrina durchleuchtet bei Bedarf jeden einzelnen dieser Einträge.

Wiki-Watch geht den Fakten auf den Grund Bild: Wiki-Watch

Wenn es um enzyklopädische Recherchen geht, dann hat Wikipedia im Internet nahezu die Alleinherrschaft. Zwischen 25 und 35 Millionen Mal wird sie täglich allein im deutschen Sprachraum genutzt. 1,1 Millionen deutschsprachige Artikel stehen dem User derzeit zur Verfügung.

Doch wie vertrauenswürdig sind die Inhalte tatsächlich? Welche Autoren stecken hinter den Artikeln? Gab es Diskussionen rund um Relevanz und Richtigkeit oder gar einen Löschkrieg, bei dem es um die komplette Löschung eines Eintrages ging?  Das neu entstandene Portal Wiki-Watch versucht diesen Fragen jetzt auf den Grund zu gehen.

«Wir wollen dem Nutzer von Wikipedia eine Hilfestellung geben, wie gut der jeweilige Artikel ist, und denen, die schreiben, vielleicht auch helfen, wie er noch besser werden könnte», fasst Professor Wolfgang Stock von der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder im Gespräch mit news.de das Ziel des neuen Portals zusammen. Er leitet gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Johannes Weberling das Projekt des Forschungsschwerpunktes Medienrecht an der juristischen Fakultät.

Zu Guttenberg gab den Anstoß

Die Idee, ein solches Projekt aufzubauen, kam den Initiatoren, nachdem der heutige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Anfang 2009 in der Bild-Zeitung für Furore sorgte. Die Zeitung hatte den vollständigen Namen des Ministers offensichtlich bei Wikipedia recherchiert. Das Problem: «Da hatte ein Witzbold bei Wikipedia zu seinen zehn Vornamen einen elften hinzugefügt: Wilhelm. Den hat er aber gar nicht», erklärt Stock. «Und da habe ich gemerkt, wie sehr wir uns auf Wikipedia verlassen, aber wie wenig wir eigentlich überprüfen können, ob die jeweiligen Artikel stimmen.»

Seit dem 22. Oktober ist das durch Spenden finanzierte Wiki-Watch-Projekt nun online. Vorerst in der Testphase. Denn die Systematik, mit der das Portal Wikipedia-Artikel durchleuchtet, steht noch auf dem Prüfstand. Die Aussagekraft sei laut Stock nur eine statistische Hilfe, der Nutzer müsse sich immer noch selbst eine Meinung bilden. «Aber wenn er zum Beispiel sieht, dass der Artikel umstritten ist, dann weiß er: Hier ist Vorsicht geboten», so Stock.

Wie werden die Daten erhoben?

Laut Wiki-Watch werden derzeit etwa 20.000 bis 30.000 Abrufe täglich gezählt. Bei jeder Suche über die Wiki-Watch-Seiten wir automatisch geprüft, welche Autoren an diesem Artikel mitgearbeitet haben, wie viele Quellen angegeben sind und ob gegenseitige Löschungen – so genannte Edit-Wars – stattfinden. Deutlich wird die Qualität der Artikel über ein Sterne-System, mit dem die verschiedenen Qualitätsmerkmale bewertet werden.

Künftig, so Stock, soll in den einzelnen Artikeln auch farblich gekennzeichnet werden, welche Stellen umstritten seien. «Es kann ja sein, dass 90 Prozent des Artikels gut sind, aber ein spezieller Satz ist umstritten.» Sehr einfach lässt sich für den User Wiki-Watch schon heute im eigenen Browserfenster installieren, so dass sie bei einer Suchanfrage automatisch über Wiki-Watch auf den jeweilien Wikipedia-Artikel geleitet werden.

Und wie steht Wikimedia, der Betreiber der deutschen Wikipedia, zum neu entstandenen Portal? «Mit Sicherheit könnte der ein oder andere Leser oder auch Autor aus Wiki-Watch einen informationellen Mehrwert ziehen», sagt Mathias Schindler, Projektmanager bei Wikimedia Deutschland. Aber, so Schindler weiter: «Wikipedia bietet seit seinem Start vor fast zehn Jahren regelmäßig komplette Abzüge aller Artikel mit der kompletten Versionsgeschichte an. Es ist ausdrücklich gewollt, dass Dritte nach Herzenslust die Entwicklung der Artikel und ihre Inhalte selbst analysieren können.» Soll heißen: Die Daten, die Wiki-Watch erhebt, seien alle auch auf Wikipedia vorhanden, der User müsse sie eben nur suchen und finden.

Ganz reibungslos scheint das Verhältnis zwischen beiden Akteuren nicht zu sein: Ein Eintrag bei Wikipedia über Wiki-Watch wurde nach kurzer Zeit wieder gelöscht. Bis heute diskutieren die Administratoren über seine Relevanz und die damit verbundene Veröffentlichung. Wiki-Watch-Gründer Stock reagiert gelassen: Wiki-Watch wolle schließlich in erster Linie den Nutzern von Wikipedia, nicht den Leuten, die darin schreiben, helfen.

ruk/news.de/dapd

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1 Kommentare
  • Arbol01

    17.11.2010 17:09

    Ich finde das Wiki-Watch Projekt interessant. Ich finde es auch schön, das bei meinem kleinen durchtesten relativ viele durchaus positive Rückmeldungen gekommen sind. Bedenklich finde ich allerdings, das negative Rückmeldungen kamen, wo ich positive Rückmeldungen erwartet hätte. Sind die Artikel zu "Subfakultät", "4 Schlüssel" und "Kehraus (Film)" wirklich so unzuverlässig? Ist es wirklich so bedenklich, das der Artikel "Soman" letzten Monat einmal zurückgesetzt wurde? Ist der recht umfangreiche Artikel "Primzahl" so viel unzuverlässiger, als der nicht so umfangreiche Artikel "Carmichael-Zahl?

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