So., 27.05.12

Jyllands-Posten 12.10.2010 «Das ist völlig aus dem Ruder gelaufen»

Jyllands-Posten (Foto)
Arbeiten hinter Stacheldraht: Das Gebäude der Jyllands-Posten. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger, Leipzig

Journalismus hinter dem Sicherheitszaun: Die dänische Zeitung Jyllands-Posten wird weiterhin wegen des Abdrucks der Mohammed-Karikaturen vor fünf Jahren bedroht. Chefredakteur Jörn Mikkelsen spricht im news.de-Interview über die erschwerten Arbeitsbedingungen.

Sie arbeiten bei der Jyllands-Posten hinter einem großen Sicherheitszaun. Arbeiten Sie also in einer Festung der Meinungsfreiheit?

Mikkelsen: Ich will das nicht dramatisieren. Wir leben jetzt in der Redaktion hinter einem großen Sicherheitsgitter. Wir werden von Polizisten bewacht. Und wir wurden kurz nachdem noch ein Attentatsplan gegen die Redaktion aufflog, täglich von vier bis fünf Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht. Das war aber für zwei Wochen. Der Zaun, die Überwachung durch die Behörden, die intensivierte Überwachung, sind immer noch da. Das ist die Kehrseite was im Grunde Meinungs- und Äußerungsfreiheit angeht. Zumindest damals. Aber das ist ja völlig aus dem Ruder gelaufen.

Wie äußert sich das in der täglichen Arbeit? Ist der Kontakt zu den Lesern und Geschichten schwerer geworden?

Mikkelsen: Nein, nicht in dem Sinne. Aber wir haben das Problem, dass unsere Zeitung seit fünf Jahren polarisiert. Entweder man ist dafür, was wir gemacht haben und das, wofür wir stehen, oder man ist wirklich sehr streng dagegen. Und wir sind die größte Zeitung Dänemarks. Wir sind nicht irgendein Splitterblatt oder eine marginalisierte Nischenzeitung. Wir sind eine große, überregionale Zeitung, ich erlaube mir zu sagen, wie hierzulande die Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung. Und es ist nie gut, wenn man so dermaßen polarisiert. Das ist unser großes Problem. Wir haben kein Problem mit Quellen. Wir haben ab und zu vielleicht einige ethnische Minderheiten, die nicht so begeistert sind, mit uns zu reden. Damit kann man aber umgehen.

Interessant ist, dass sie nicht in Kopenhagen sitzen...

Mikkelsen: Naja, sowohl als auch. In Kopenhagen haben wir auch eine Redaktion, das Stammhaus ist in Aarhus.

Aber das ist zumindest im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, die nicht Deutschland heißen, ziemlich ungewöhnlich...

Mikkelsen: Richtig. Das ist eine gute Geschichte.

Sind sie stolz darauf, für ein, in Anführungsstrichen, Provinzblatt zu arbeiten?

Mikkelsen: Ja, ursprünglich stammen wir aus der Provinz. Die Zeitung wurde als Gegenstück zu Kopenhagen gesehen. Als Kampfblatt vor vielen Jahren, vor 130 Jahren. Mittlerweile haben wir uns auch in der Hauptstadt etablieren können, seit etwa 25 Jahren. Das sieht man nicht alle Tage. In Großbritannien gibt es noch den Guardian, der nicht die größte Zeitung ist, «nur» eine sehr gute.

Ihr Haus gilt auch als Vorreiter in Sachen Online- und Videoberichterstattung. Nun hat das Internet auch mit dazu beigetragen, dass ihre Zeitung in ein gelinde gesagt unerwartet spannungsreiches Feld geraten ist. Ist das Netz nun Fluch oder Segen?

Mikkelsen: Grundsätzlich hat das Internet eine demokratisierende Funktion. Natürlich hatten wir damals schlechte Erfahrungen gemacht. Plötzlich wurden wir weltweit berüchtigt. In Kaschmir gab es nach dem Freitagsgebet die ersten Demonstrationen. Ich dachte nur: Das kann nicht stimmen. Die Demonstrationen gab es wirklich unter Muslimen in der Kaschmirprovinz, hoch oben, in 4000 oder 5000 Metern Höhe. Die haben dort die Läden zugemacht und sind durch Srinagar gezogen, weil sie wie auch immer darüber informiert worden sind, vielleicht durch das Internet, dass die Karikaturen von uns veröffentlicht wurden. Das war surrealistisch. Das Internet hat viele Defizite, ist aber wie gesagt demokratisierend.

Eine persönliche Frage: Haben Sie den Film Four Lions gesehen?

Mikkelsen: Four Lions?

Das ist eine britische Satire über islamistische Attentäter.

Mikkelsen: Nein.

Mich würde nämlich sehr interessieren, ob Sie über diesen Film lachen können.

Mikkelsen: Ist der gerade rausgekommen?

Der ist in Großbritannien im Mai gestartet.

Mikkelsen: Ich werde mich darum bemühen, ihn mir anzuschauen.

Noch eine Frage auf Europa bezogen: Gibt es für Sie einen europäischen Journalismus? Und wenn ja, sind Sie Teil davon?

Mikkelsen: Es gibt, wenn man das so pauschal sagen darf, einen sehr ordentlichen Journalismus in Europa. Einen Journalismus, der immer wieder versucht, balanciert zu sein. Ich sage damit nicht, dass es außerhalb Europas anders ist. Aber in Europa auf alle Fälle. Eine gewisse Redlichkeit, Ordentlichkeit und auch die Fähigkeit zur Selbstkritik könnte man in anderen Teilen der Welt gut und gerne vermissen. Wir sind selbstkritisch gegenüber unserer eigenen Macht. Und die ist derzeit sehr groß.

Ihre Zeitung ist, was die EU in Dänemark in einem spannungsreichen Umfeld. Ist die Politik aus Brüssel zu unverständlich geworden?

Mikkelsen: Die EU ist mit 27 Ländern sehr groß geworden und rückt immer weiter von den Bürgern weg. Meine Zeitung ist sehr für die europäische Integration und gehört zu den stärksten Befürwortern in der dänischen Presselandschaft. Und ich sehe schon, dass sie die Ängste und Probleme der Bürger nicht ernst genug nimmt.

Da hat also der Journalismus noch eine große Aufgabe.

Mikkelsen: Natürlich. Das ist definitiv noch eine große Aufgabe, das alles zu vermitteln. Das Projekt Europa hängt nicht länger mit der Frage Krieg oder Frieden zusammen. So war es noch am Anfang. Für junge Europäer ist der zweite Weltkrieg längst weit weg.

Jörn Mikkelsen (54) ist seit 2008 alleiniger Chefredakteur der Jyllands-Posten im dänischen Aarhus. Zur Zeit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im September 2005  war er einer von drei Chefredakteuren des Blattes.

wam/news.de
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