Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Hans und Theresa sind glückliche Bauern. Bis der Unfall passiert und Hans ins Koma fällt. Doch die Bäuerin bleibt nicht lange allein. Katharina Böhm spielt in Solange du schliefst eine Frau, die krampfhaft versucht, zu widerstehen. Und zum Glück doch schwach ist.
Das Feld strahlt tief golden, der Himmel blau, und am Horizont treffen sie sich. Saftig orange rinnt der Mais durch den Mähdrescher, und trotzdem sagt Hans: «Heute regnet es. Ganz sicher.»
Nach der ersten Einstellung ist klar, die Bilder sind eine Stärke des Films. Kurz scheint es, als sollten sie seine einzige bleiben, zu vorhersehbar wirkt anfangs die Geschichte. Die Bäuerin und der Bauer sind glücklich, bis Hans ins Koma fällt. Doch gleich darauf taucht ein neuer Mann auf und baut Windräder in Theresas unbefleckten Horizont.
Doch die Bauersfrau wird gespielt von Katharina Böhm, und so leicht macht sie es sich nicht. Ihre große Ordnung, die das Feld vorgibt, wird durchrissen vom schrillen Licht im Krankenhaus und dem Schlingern der Rücklichter im Nebel. Theresa reagiert auf das Chaos mit Widerstand. Sie widersteht dem Gedanken, dass Hans nicht mehr aufwachen könnte, besucht ihn täglich und backt ihm sogar einen Geburtstagskuchen. Sie widersteht auch der Hilfe, die die Nachbarn anbieten. Sie widersteht deren Getratsche. Und sie widersteht Sören, dem Windradbauer. Ziemlich lange zumindest.
Es ist wieder ein Bild: Der Wohnwagen, in dem Sören haust, leuchtet am anderen Ende des schneebedeckten Feldes durch die Winternacht. Das Orange seiner Zigarette glimmt zu Theresa herüber, die auf der Bank vor ihrem Haus raucht, dazu singt Leonhard Cohen aus dem Caravan, Waiting for the Miracle.
Der Sog ist groß, und diese abendliche Zigarette wird zur Chiffre für das Vakuum in Theresa, das sich hier und jetzt so leicht füllen ließe. Gegen die Versuchung steigert sich Theresa weiter in ihren Wahn, aus dem sie nur ihre Tochter mit heftigen Worten reißen kann: «Kuchen backen zum Geburtstag, das ist so peinlich!»
Solange du schliefst kommt phasenweise plakativ rüber, weil Regisseurin Nicole Wegemann so intensiv mit Symbolen arbeitet: Wenn Sörens Windräder Theresas vorher makellosen Horizont durchschneiden. Wenn Theresa sich nach der Dusche im Spiegel endlich wieder einmal als Frau wahrnimmt und dann durchs Badezimmerfenster just den Windradmann erblickt. Oder, als Lieblingshahn Herbert vom Fuchs getötet wird und Theresa und Sören ihn gemeinsam verbrennen. Doch im Kontrast zu der schablonenhaft wiederkehrenen Symbolik spielt Katharina Böhm so sensibel und filigran Theresas Innenleben aus, dass sie den Zuschauer geradezu in die Bauersfrau hineinzieht. Man spürt ihre Lust, sich fallenzulassen und auch das schlechte Gewissen, das sie lange abhält.
Obwohl der Film eine Extremsituation erzählt, in dem Theresa mit dem Raum zwischen Leben und Tod jonglieren muss, gelingt es Nicole Wegemann, im Zuschauer auch seine eigenen, alltäglichen Widersprüche wachzurütteln. Weil es kein Gut und Böse und kein Schwarz und Weiß gibt in dieser mal ruhigen, mal hektisch flackernden Grauzone, weil Theresa gleichzeitig so stark, so verbissen, so weich und so schwach ist, deckt Solange du schliefst nach und nach viele Schichten des menschlichen Verhaltens auf. Dann fällt auch mal so ein Satz wie: «Das hat mir großen Spaß gemacht, heut abend nichts mit dir zu haben.»
Und die Windräder drehen sich und die Vögel fliegen in Formation. Das Leben geht tatsächlich weiter, und Solange du schliefst macht Mut. Mut zu den Grauzonen. «Verrückte Frau», sagt Hans. Verrücktes Leben.
Solange du schliefst, Montag, 11. Oktober, 20.15 Uhr im ZDF
juz/news.de