Von Haiko Prengel und news.de-Mitarbeiter Ronny Janke
Zwei Hörbücher sind kürzlich erschienen: In Das Haus erzählt Autor Mark Z. Danielewski von einem Haus, das geheime Räume hat und seinen Bewohnern das Gruseln lehrt. Anders in Imperial Bedrooms: Darin befasst sich Bret Easton Ellis mit den Dingen, mit denen er sich auskennt - Sex, Drogen und Gewalt.
Mark Z. Danielewski: Das Haus
Jedes Haus hat eine Geschichte. Nicht anders verhält es sich mit dem Haus, das der amerikanische Schriftsteller Mark Z. Danielewski in seinem im März 2000 veröffentlichten Roman House of Leaves in den Mittelpunkt rückt.
Obwohl: Das Haus, wie der im August 2007 auch in Deutschland veröffentlichte Roman von Danielewski heißt, erzählt eine besondere Geschichte. Und die wurde für eine Hörspielfassung in einer Art und Weise aufbereitet, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Vergessen Sie deshalb Hörbücher oder Hörspiele, wie Sie sie bisher kannten - also einen Roman, der von einer mehr oder weniger bekannten Sprecherstimme vorgetragen wird oder ein auf mehrere Rollen verteiltes Figurenspiel, das das Kopfkino anregt. Das Hörbuch zu Das Haus überrascht mit einer fast filmischen Umsetzung in Hörspielmanier, die zu Recht den Stempel «erstes 3D-Hörspiel» verdient.
Der Clou daran: Die Geschichte über den Buchautor Will Navidson, der mit seiner Familie in ein neues Haus zieht, in dem sich immer wieder labyrinthartig neue Räume auftun, wird auf drei Ebenen erzählt. Der Hörer hat dabei die Möglichkeit, jede dieser Ebenen einzeln anzuhören oder zwischen den Ebenen hin und her zu wechseln. Um die Geschichte in ihrer Gesamtheit zugänglich machen zu können, wurden die verschiedenen Tonspuren nicht wie üblich auf mehreren CDs verteilt, sondern auf einer DVD veröffentlicht.
Das erste Hörspiel, bei dem Sie selbst bestimmen, wo es langgeht
Wählt man die erste Ebene, so hört man die drei Kapitel des Hörspiels hintereinander weg. So sinnvoll das zunächst auch scheint, macht diese Möglichkeit des Geschichtenerlebens nicht den Reiz von Das Haus aus. Entscheidet man sich für die zweite Hör-Variante, so kann man sich einen selbst bestimmten Weg durch die verschiedenen Teile bahnen und die kruden Eigenheiten des Hauses entdecken. Die dritte Möglichkeit, die man hat, um Das Haus zu durchforsten und dabei auch einiges über die verstörende Vergangenheit des seltsamen Gebäudes zu erfahren, liegt im Moment des Zufälligen: Der Hörer wird ohne festes Prinzip an verschiedene Orte der Handlung transportiert und erlebt den sprichwörtlichen Aufbau des Hauses immer wieder neu - aber auch immer wieder anders.
Weil die DVD die Kapitel auch im mp3-Format mitliefert, kann die Geschichte sogar unterwegs angehört werden. Zu empfehlen ist das aber nicht: Zum einen handelt es sich bei Das Haus ohnehin nicht um ein Hörbuch, das man mal eben nebenbei weghören kann. Zum anderen lädt die Geschichte dank der neuartigen Umsetzung auf DVD gerade dazu ein, sie interaktiv zu erleben.
Ein Hörspiel mit Eigenleben
Dann nämlich kann der Hörer eine der anderen Möglichkeiten wählen, um Das Haus kennenzulernen. Für jede der Erzählebenen hat ein anderer Komponist die erschreckend beängstigende Musik beigesteuert. Hochkarätige Schauspieler wie Tom Schiling, Wolfram Koch und Anna Thalbach leihen den handelnden Figuren ihre Stimme und machen das geheimnisvolle Gebäude lebendig und das Hörspielexperiment mehr als empfehlenswert.
Die DVD ist Bestandteil eines schwarzen Notizbuches, das genügend Platz für eigene Gedanken bietet, aber auch Versatzstücke des Romanes, auf zahlreiche Seiten verteilt als Leseanreiz für den bei Klett-Cotta erschienenen Roman mitliefert.
Die Geschichte von Mark Z. Danielewski bleibt jedoch in der Hörspielversion ähnlich komplex, verworren und rätselhaft, wie schon in der Buchversion. Auch dort hat der Autor versucht, mittels verschiedener Textfragmente und deren scheinbar chaotischer Anordnung einen nicht-linearen postmodernen Roman zu erzählen. Für das Hörspiel haben sich die Macher stark an der eigentlichen nicht-chronologischen Erzählweise des Buches orientiert. Und das ist gut so, denn so entstand ein Hörerlebnis, das nie endgültig ist, sondern immer wieder anders für das besondere Kopfkino sorgt.
Autor: Mark Z. Danielewski
Titel: Das Haus: House of Leaves
Gelesen von: Tom Schilling, Wolfram Koch, Anna Thalbach, u.a.
Verlag: Der Audio Verlag
Spieldauer: eine DVD, ungefähr 160 Minuten
Preis: ca. 30 Euro
Erscheinungstermin: 15. Oktober 2010
Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms
Eine kaputte Welt voll von Drogen, Sexsucht und Gewaltexzessen: Das ist es nicht, was an Bret Easton Ellis' neuer Geschichte Imperial Bedrooms so verstörend wirkt. Erschreckend ist, dass die Welt sich nicht geändert hat im neuen Roman von Ellis.
Der Alltag in Imperial Bedrooms (Königliche Schlafgemächer) ist immer noch auf ernüchternde Weise der gleiche wie früher. Das Werk ist jetzt auch als Hörbuch, gelesen von Wolfram Koch (der auch in Das Haus mitwirkte), verfügbar.
Der Protagonist Clay, ein erfolgreicher Drehbuchautor, kehrt nach 25 Jahren nach Los Angeles zurück. In Hollywood trifft er auf seine alten Freunde aus der Teenie-Zeit und muss feststellen: Weder sie noch er selbst sind auch nur ein Quäntchen erwachsener geworden. Noch immer bestimmen dekadente Partys, flüchtige Liebschaften und Markenklamotten ihr mondänes Leben. Darin suchen die jetzt Mittvierziger einen tieferen Sinn, zugekokst oder bedröhnt von Champagner. Es ist eine Welt, in der man sich nur noch zudröhnen kann, bilanziert Clay zwischendurch deprimiert.
Ein großes, übergeordnetes Ziel lässt sich in seinem Handeln nicht erkennen. Ein roter Faden durchzieht nur sein Verlangen, mit immer wieder neuen Frauen - bevorzugt jungen Schauspielerinnen - zu schlafen. Gefühle kann Clay nur bei seinem Psychiater zeigen. Dort weint er sich ob des ganzen Überdrusses bitter aus.
Ellis' Hauptwerk bleibt jedoch unerreicht
Wolfram Koch liest unsentimental, unprätentiös, passend zum Thema. Mit der nötigen Distanzlosigkeit interpretiert er Ellis' neuestes Werk hervorragend und nimmt den Hörer mit auf eine Reise nach Los Angeles, in eine Welt voller Dekadenz und Oberflächlichkeit.
25 Jahre - so lange hat sich Bret Easton Ellis für seinen 224 Seiten schmalen Fortsetzungsroman Zeit gelassen. Imperial Bedrooms - das Buch erschien im Sommer - ist die Fortsetzung von Unter Null aus dem Jahr 1985, dem Erstlingswerk des US-Schriftstellers. In der Zwischenzeit verfasste der heute 46-Jährige eine Reihe von weiteren gefeierten Werken, darunter American Psycho. Mit der Geschichte des mordenden Wall-Street-Yuppies Patrick Bateman stieg Ellis Anfang der 1990er Jahre kometenhaft zum Star-Autor auf. Auch die Verfilmung des Stoffes mit Christian Bale in der Hauptrolle hat Kultstatus erreicht.
Autor: Bret Easton Ellis
Titel: Imperial Bedrooms
Gelesen von: Wolfram Koch
Verlag: Der Audio Verlag
Spieldauer: 4 CDs, 5 Stunden und 21 Minuten
Preis: rund 18 Euro
Erscheinungstermin: 11. November 2010
roj/car/wie/ivb/news.de/dpa