Jens Friebe Musik aus der Großstadt für die Großstadt

Abändern heißt ein quietschbuntes Kleinod neuen deutschen Liedguts. Der Berliner Popmusiker und Intro-Redakteur Jens Friebe stand news.de schon mal Rede und Antwort zu seiner neuen Scheibe.

Jens Friebe (Foto)
Der Berliner Musiker und Intro-Redakteur Jens Friebe legt mit Abändern sein viertes Album vor. Bild: Oliver Schultz-Berndt

Herr Friebe hat  nachgelegt und was abgeändert: Auf dem am 8. Oktober erscheinenden Silberling Abändern zupft der Berliner nicht mehr wie gewohnt Gitarrensaiten, sondern klimpert am Klavier. Das hört sich verdammt gut an und so gar nicht nach Balladenschmachtautomat. In den 11 Songs schlägt der rockende Musikjournalist zwar auch mal leisere Töne an, haut aber zumeist ordentlich in die Tasten. Der gutaussehende Tonkünstler zieht alle Unterhaltungs- und Musikregister von R'n'B bis Chanson und schramm(el)t manchmal verdächtig nah am deutschen Schlager vorbei. Er zitiert Dieter Bohlen, in S.S. or Love - einem Lied über schwule Nazimode. Und er feiert das Zuhause-Bleiben (Theater) ebenso wie das Zusammen-Ausgehen (Sei mein Plus Eins). Abändern ist der Soundtrack zum Großstadtalltag eines Um-die-30-Jährigen. Ein Soundtrack, der ebenso unterhält, wie untermalt und genauso für Kurzweil wie für nachdenkliche Stirnfalten sorgt. Ja, irgendwie hat der Pop-Bohemian sich zwar verändert, ist aber trotzdem seinem Stil treu geblieben. Hat eben nur ein bisschen was abgeändert. News.de befragte Jens Friebe zu seiner neuen Scheibe und Veränderungen.

Ihre neue Platte strotzt vor Anspielungen und Zitaten. Die Texte sind verkopfter denn je. Müssen Ihre Hörer Abitur haben?

Friebe: Naja, aber die Zitate kommen ja nun zum Großteil nicht aus der Sphäre der Hochliteratur oder der Kybernetik. Um Terry Jacks und Blue System zu erkennen, muss man nicht unbedingt Abitur, sondern nur mal nebenbei Radio gehört haben.

Apropos musikalische Zitate. Alles erdacht, ersponnen und mit verwinkelten Hintergedanken? Oder vieles dem Zufall abgelauscht, wie der Album-Titel Abändern dem Venga Boys Klassiker Up and Down?

Friebe: Das ist sehr verschieden. Seasons in the Sun zum Beispiel wollte ich mal ganz übersetzen, habe dann entdeckt, dass Klaus Hofmann das schon getan hat, und das Projekt dann angeekelt ruhen lassen. Die Trümmer davon habe ich dann einfach in Charles de Gaulle verbaut. Wie ich auf Atlantis is calling S.S. or love kam, weiß ich ganz ehrlich nicht mehr. Da war ich wohl besessen.

Was wäre denn Ihr Anspieltipp als Visitenkarte?

Friebe: Mein persönliches Lieblingslied auf der Platte wechselt ständig. Im Moment ist es Alles über die Welt, davor war es Irre. Ob das aber gerade die besten Anspieltipps für Unbeleckte sind, wage ich zu bezweifeln. Deswegen überlasse ich so etwas der Promotion-Abteilung.

Sie sitzen jetzt am Klavier. Entspricht das mehr Ihrer Mentalität oder entspringt das einfach nur dem Wunsch, sich mal wieder etwas zu verändern, weiter Musik zu machen, aber etwas abzuändern?

Friebe: Ja, letzteres. Ich war bei mir und allgemein etwas der Gitarre müde und habe mich auf das Instrument besonnen, das ich eigentlich länger und besser spiele.

Königin im Dreck heißt ein schöner, neuer Song von Ihnen. «Eine Liebeserklärung an Ronald M. Schernikau , den schwulen, kommunistischen, ärgerlich früh verstorbenen Dichter» steht auf dem Infozettel zur CD. Nun nötigt sich dessen Hauptwerk Legende auch in gutsortierten Buchhandlungen nicht auf. Wie stößt man auf dieses Werk – mit welchen Intensionen studiert man es und liebt es dann?

Friebe: In der Konkret, die ich zu lesen pflege, war Schernikau immer wieder mal Thema. Mich hat begeistert, dass jemand in einem Ton linksradikal schreiben kann, der in keiner Weise verbittert, von düsterem Ressentiment vergiftet oder total abseitig und elitär wirkt. Um seine gute Laune zu behalten, musste er sich natürlich einbilden, dass die DDR ein Land wäre, das man lieben könne. Aber hätten mehr Menschen wie er daran gearbeitet, wäre sie es wahrscheinlich auch geworden.

Auch Homosexualität ist ein großes Thema bei Ihnen. Ist Abändern eine Platte für schwule Großstadtneurotiker?

Friebe: Es ist, wie alle meine Platten, eine Platte aus der Großstadt für die Großstadt. Und was ist eine Großstadt ohne Schwule? Ein Kaff!

Eine letzte Frage: Ihr Cover ziert ein riesiger Staudamm. Letzte Woche lief einer über – Sinnbild für Fortschritt oder gehört er abgeändert?

Friebe: Der Staudamm steht bei mir für Fortschritt, es soll ein erhabenes Bild sein für zivilisatorische Initiative. Ein schlecht gebauter Damm, der überläuft, steht natürlich fürs Gegenteil und gehört abgeändert.

Interpret: Jens Friebe
Titel: Abändern
Plattenfirma: ZickZackChrom Records/Ministry of Sound
Erscheinungstermin: 8. Oktober 2010

Jens Friebe live: 14.10. Berlin, 26.11. Stuttgart, 27.11. Magdeburg , 29.11. Köln, 30.11. Frankfurt, 1.12. Würzburg, 2.12. Rostock, 3.12.10 Hamburg, 08.12. Berlin, 27.01.2011 Jena, 28.01. München, So. 30.01. Wien

voc/news.de

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